Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Was pfälzisch-jüdische Geschichte mit einem Käsekuchen verbindet

Der titelgebende Käsekuchen nach dem Rezept von Oma Mina.
Der titelgebende Käsekuchen nach dem Rezept von Oma Mina.

Was wie ein Rezeptbuch aussieht, erweist sich beim genaueren Hinsehen als berührende Familienchronik. Mehr noch: Ruth Landys Erinnerungen an „Oma Minas Käsekuchen“ erzählen ein Jahrhundert deutscher Geschichte mit süßen und sehr bitteren Momenten – am Beispiel einer jüdischen Familie aus Landau und ihrem kulinarischen Erbe.

Neulich in einer Landauer Buchhandlung: Man trifft sich wie so oft schon zu einer Buchvorstellung. Dass allerdings an diesem Nachmittag einige den Laden mit einem Käsekuchen im Gepäck betreten, deutet darauf hin, dass es sich zumindest um keine ganz gewöhnliche Veranstaltung handelt. Zwar geht es um ein Rezeptbuch – mit einem Käsekuchen im Titel. Und selbst wenn er mitunter für einen Politiker überraschende Talente offenbart: die Anwesenheit von Oberbürgermeister Dominik Geißler – zwar ohne Kuchen, aber Klavier spielend – lässt ebenfalls vermuten, dass es sich hier um ein recht außergewöhnliches Ereignis handelt in der pfälzischen Stadt, die in diesem Jahr ihr 750. Jubiläum feiert.

Berches, ein Brot für jüdische Zeremonien.
Berches, ein Brot für jüdische Zeremonien.

Rückblicke auf die Stadtgeschichte gehören zu solchen Festivitäten wie – der Vergleich sei in diesem Zusammenhang erlaubt – Käse zum Käsekuchen. Aber wie in jeder deutschen Stadt so gibt es auch in Landau neben glanzvollen Episoden und freudigen Ereignissen auch düstere Kapitel. Die gewiss dunkelsten hält die Chronik für die Jahre 1933 bis 1945 bereit: als die Menschen nicht nur in Landau ihre Menschlichkeit vergaßen, als die nationalsozialistische Rassenideologie dazu führte, dass Nachbarn, die seit Generationen miteinander lebten, dies mit einem Mal nicht mehr zu können meinten, weil die einen Christen und die anderen Juden waren. Schlimmer: dass die einen es für selbstverständlich hielten, dass die andern geächtet, weggesperrt, beraubt, mittellos vertrieben – und Millionen von ihnen schließlich gar in den Gaskammern der Konzentrationslager ermordet wurden.

Der Geschmack der Kindheit

Was blieb aber denen, die nichts mehr hatten und durch mehr oder weniger glückliche Umstände der Shoah entkamen? Die Erinnerung. Spätestens seit Marcel Proust und seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“ wissen wir um die Bedeutung der Geschmacksnerven bei dieser Erinnerungsarbeit: Eine in den Tee getauchte Madeleine versetzt den Romanhelden zurück in seine Kindheit.

Oma Mina mit Enkelinnen Sue und Ruth Levy.
Oma Mina mit Enkelinnen Sue und Ruth Levy.

Was für Swann das luftige französische Sandteiggebäck ist für die Mitglieder der Familien Landy und Siegel der Käsekuchen. Nicht irgendeiner, sondern jener nach dem Rezept von Oma Mina, der dem im September 2024 in Landau präsentierten Buch den Titel gab. Seine Autorin Ruth Landy – ein weiteres bemerkenswertes Detail der Buchvorstellung – war per Video aus San Francisco zugeschaltet.

Familienferien im Schwarzwald - mit Oma in der Hängematte.
Familienferien im Schwarzwald - mit Oma in der Hängematte.

In so manchen pfälzischen Haushalten liegen handgeschriebene Rezepte der Großmütter und Urgroßmütter. Besonders bei Familienfesten werden sie aus den Schubladen geholt und nachgekocht oder gebacken. Der Duft, der dann aus den Küchen strömt, weckt angenehme nostalgische Gefühle. Das ist bei den Nachfahren von Oma Mina, den Landys und Siegels, nicht anders. Nur, dass sie ihre Küchenschubladen in Genf, San Francisco, Berkeley oder andernorts auf dem Globus öffnen. Und dass der süße Geschmack des Käsekuchens immer auch einen bitteren Beigeschmack haben wird.

Oma Minas einsamer Tod

Oma Mina, geboren 1869 als Wilhelmina Meyer in Östringen auf der badischen Seite des Rheins und ab 1890 Ehefrau von Jakob Weil, Viehhändler und Inhaber einer koscheren Metzgerei im pfälzischen Lustadt, wurde ermordet. Sie starb allein, irgendwann in den letzten Monaten des Jahres 1941 in Auschwitz, deportiert aus den Niederlanden, wohin sie mit ihrem Jakob nach der Reichspogromnacht zu Verwandten fliehen und dort 1940 noch Goldene Hochzeit feiern konnte. Jakob, alt und krank, starb kurz darauf und wurde auf dem jüdischen Friedhof außerhalb Amsterdams beigesetzt. Mina teilte das Schicksal von Anne Frank und den anderen jüdischen Familien, die in Viehwaggons eingesperrt aus den Niederlanden in die Vernichtungslager im besetzten Polen rollten.

Ein Mehlsieb, nach einer Irrfahrt noch heute in Gebrauch.
Ein Mehlsieb, nach einer Irrfahrt noch heute in Gebrauch.

Eines von Millionen ausgelöschten Leben – und doch ist Oma Mina gegenwärtig. Nicht zuletzt dank ihres berühmten Käsekuchens. Das klingt so einfach, vielleicht sogar banal: Aber weil Minas älteste Tochter, die 1891 geborene Erna, danach deren Schwiegertochter Cynthia (1928-2015) und schließlich deren Tochter, Minas Urenkelin, Ruth (Jahrgang 1952) nicht nur die Rezepte, sondern auch die Familiengeschichte weitergegeben haben, bleibt die Erinnerung an Oma Mina bis heute lebendig. Und es gibt bereits eine fünfte und eine sechste Generation.

Irrfahrt über den Atlantik

Ruth Landy hat ihr Buch 2021, gemeinsam mit ihrem Bruder Michael Landy und Cousin David Siegel, veröffentlicht: „Treasured Family Recipes & the Story of our Jewish Culinary Inheritance“. Aber genauer gesagt ist es ja ein pfälzisch-jüdisches Erbe, das nach Oma Mina von deren 1891 geborenen Tochter Erna gepflegt wurde, der Ehefrau des Landauer Weinhändlers Hermann Levy. Das Mehlsieb von Erna benutzt Ruth noch immer. Wie es von Landau nach San Francisco kam, ist dann wieder eine ausführlichere Geschichte.

Die fünfte Generation: Ur-Urenkelinnen Madlyne und Lyla.
Die fünfte Generation: Ur-Urenkelinnen Madlyne und Lyla.

Man beginnt zu ahnen: „Oma Minas Käsekuchen“ ist mehr als ein Buch mit Back- und Kochrezepten. Es ist eine Familienchronik über ein Jahrhundert deutscher Geschichte: von den Anfängen bis zum Untergang des Kaiserreichs über die Weimarer Republik und die Nazi-Diktatur bis zum Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg – mit tragischen Momenten und glücklichen Wendungen.

Zu letzteren gehört sicher auch, dass Ernas 1916 geborener Sohn Ernest – Ruths Vater – die ersten Anzeichen richtig deutet, als 17-Jähriger von Landau nach Straßburg zieht und dort das französische Abitur ablegt. Bereits 1937 verlässt er Deutschland in Richtung USA. Schwester Sue folgt ihm ein Jahr später zu den Verwandten nach Buffalo. Die Eltern Erna und Heinrich bleiben zurück. Vater Heinrich muss sein Weingeschäft verkaufen, er stirbt kurz nach den Novemberpogromen 1938. Mutter Erna hat ein Visum für die USA und einen Platz für die Überfahrt auf der „St. Louis“: Mit dem Schiff, das keinen Hafen findet, kehrt sie nach Europa zurück – bevor sie von England aus doch noch in New York landet.

Vier starke Frauen

Ernest nimmt als US-Bürger den Namen Landy an, arbeitet nach dem Krieg für eine UN-Organisation in Genf, heiratet Cynthia, eine Britin – deren Vater vielleicht im mörderischen Grabenkrieg des Ersten Weltkriegs an der Westfront Heinrich Levy gegenüber lag. Jetzt ist es Cythia, die das kulinarische Familienerbe pflegt. Und so ist Ruths Buch auch die Geschichte von vier starken Frauen aus vier Epochen: Mina, Erna, Cynthia und Ruth.

Die Landauer Synagoge, im November 1938 in Brand gesteckt und danach abgerissen.
Die Landauer Synagoge, im November 1938 in Brand gesteckt und danach abgerissen.

Dass es nun in deutscher Übersetzung erscheinen kann, ist dem Engagement der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und des Knecht-Verlags zu verdanken, die auch genügend Partner für die finanzielle Unterstützung dieses wunderbaren Projekts fanden. Und selbst wenn es nur ein weiteres Rezeptbuch wäre, müsste man es wegen seiner liebevollen und originellen Gestaltung loben – ganz zu schweigen von den kulinarischen Offenbarungen aus Oma Minas Küche. Die konnte ja keineswegs nur Käsekuchen!

Lesezeichen

Ruth Landy: „Oma Minas Käsekuchen. Familienschätze & Rezepte – die Geschichte unseres deutsch-jüdischen kulinarischen Erbes“; übersetzt von Bernhard Scholten; Knecht-Verlag Landau; 100 Seiten; 24 Euro.

Noch ein pfälzisch-jüdisches Rezept: Matze-Kugelsuppe.
Noch ein pfälzisch-jüdisches Rezept: Matze-Kugelsuppe.

Heinrich Levy, Landau sein Weinhandel

Als Ruth Landy im Sommer 2023 die Stadt besuchte, aus denen ihr Großvater Heinrich Levy und ihr Vater Ernest Landy vertrieben wurden, entstand nicht nur die Idee, ihre kulinarische Familienchronik zu übersetzen und zu veröffentlichen. Es reifte auch der Plan, mit einem Symposium an die Bedeutung der jüdischen Weinhändler für die pfälzische Weinkultur zu erinnern. Und es ist wohl auch eine Hommage an einen über Jahrzehnte geachteten Bürger der Stadt, der, wie viele andere wegen seines jüdischen Glaubens fliehen musste: Heinrich Levy, Weinhändler.

Ruth Landys Buch, sagt Wolfgang Pauly, der langjährige Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, sei auch ein Versöhnungsangebot an Landau. Dort hat sie bei ihrem Besuch auch viele engagierte junge Menschen kennengelernt – wie die Schüler und Schülerinnen des Max-Slevogt-Gymnasium, die mit ihrer Lehrerin Dominique Ehrmantraut nach jüdischen Biografien an ihrer Schule forschten: Zwei Stolpersteine erinnern jetzt an Ruth Landys Tante Sue und die mit 14 Jahren an einer Hirnhautentzündung gestorbene Ruth, die Schwestern von Ernest, der nach den ersten antisemitischen Anfeindungen Landau verließ, um in Straßburg weiter die Schule zu besuchen.

Ein Symposium soll nun zum Stadtjubiläum einen Aspekt hervorheben, der zeigt, wie jüdisches Leben über lange Zeit ganz selbstverständlich zum Alltag gehörte und welche Bedeutung es für den wachsenden Wohlstand hatte – bis zu jenem Tag, an dem die Nationalsozialisten begannen, dieses Leben auszulöschen. In Landau verschwanden neben der Weinhandlung von Heinrich Levy noch 70 weitere von jüdischen Eigentümern betriebene von der Bildfläche. Dass damit eine noch über Jahrzehnte andauernde Lähmung der historischen Forschung zum Thema pfälzische Weinkultur einsetzte, könnte ein Ergebnis der Tagung sein, deren Beiträge vom Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde veröffentlicht werden sollen. gil

Termin

„Jüdisches Leben in Landau – Jüdische Weinhändler und pfälzische Weinkultur!; Donnerstag, 10 Oktober 9.15 Uhr bis ca. 16.30 Uhr; Informationen zum genauen Programmablauf, Dozenten, aktuelle Hinweise und Anmeldemöglichkeiten unter www.Jüdisches-Leben-in-Landau.de

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