Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Was Martin Walser träumt: Sein neues Buch hat er im Schlaf geschrieben. Er ist jetzt 95.

„Meine Träume sind deutlich genug“: Martin Walser.
»Meine Träume sind deutlich genug«: Martin Walser.

Das Buch lässt tief blicken. Martin Walser schickt „Postkarten aus dem Schlaf“. „Das Traumbuch“ ist zu seinem 95. Geburtstag, der am 24. März ist, erschienen. Darin aufbewahrt, was in dem Literaturgroßmeister so vorgeht, nachts. Er sieht sich selbst, die Hosen in den Kniekehlen. Erlebt Beinahe-Sex mit einem Hund. Auf dem Kofferraumdeckel eines Autos sitzt er, das er gleichzeitig steuert, abwärts in den Keller. Die traumverloren schönen Bilder dazu stammen von der Berliner Künstlerin Cornelia Schleime.

Ein gefährliches Sujet, warum sollte sich jemand für die Träume von jemand anders interessieren? Das Sigmund-Freud-Trauma dazu. Der Traum als Wächter des Schlafs und Bühne des Unbewussten und so weiter. Normalerweise hat die Psychoanalyse in diesen Dingen die Deutungshoheit gepachtet. Walser derweil, mit Romanen wie „Ehen in Philippsburg“ oder „Ein fliehendes Pferd“ als Vermesser des angepasst-verzwängten bundesrepublikanischen Mittelstandsinnenlebens ausgewiesen, fühlt sich entgegen aller Konventionen, beim Träumen anarchistisch. Als „freier Mensch“.

Bitte keine billigen Schlüssel!

„Meine Träume“, schreibt er in einer der wenigen Erklär-Passagen seines Traum-Postkartenbuchs, „müssen nicht gedeutet oder gar nach den billigsten Schlüsseln übersetzt werden, sie sind mir lieb und wert, so wie sie vorkommen. Sie sind mir deutlich genug.“ Er schreibt, der Traum sei Ausfluss „körperlicher Zustände“, von Kopfweh, Bauchgrimmen, Rückenziehen, sexuellem Verlangen. Die Vorstellung, fliegen zu können etwa, hat Walser analysiert, sei Folge des Atemstockens. Den Träumen, heißt es, könne man trauen, mehr als allem sonst. Alles andere sei „Ersatz“. Bei ihm also rumoren, wenn er einschläft, die Frauen, die Affären, die Intellektuellen, die Sehnsüchte, auch mal die Eifersucht, die ihm, dem – zumindest im Traum – notorischen Fremdgänger, eigentlich nicht zusteht. Käthe, seine Frau, bleibt trotz allem, trotzdem er nachtschlafend etwa „eine Schwarze, Übervollbrüstige“ von „oben nach unten“ küsst, auch in seinem Kopf konstant gegenwärtig. Arg ist dem Schwerenöter träumend gar nichts, obwohl ihm manches peinlich ist. Und so wohnt seine ihm heilige Frau Mama, in ein dunkles Tuch gehüllt, als schwarze Silhouette, ungerührt allem bei, was er so treibt. Dem Koitus mit einer „jungen Frau“ zum Beispiel, die hernach sagt, er habe sie „in die Zipfelzeit zurückgeworfen“. So ein geträumter Satz kann ihn schon mal einen Tag lang beschäftigen, wie er eingesteht. Auch wenn sich nicht alle Nachtgedanken, wie der, dass Kinder mit umgebundenen Krawatten geboren werden, hellwach dann als literaturtauglich erweisen.

Gottes Selbstkostenpreis

Seit Jahrzehnten notiert Walser in seinem Tagebuch, was ihm nachts durch den Kopf schießt. Im Traum hat er einen nachwachsenden Penis. Dichterkollege Hans Magnus Enzensberger berechnet Gottes Selbstkostenpreis. Im Traum fliegt er nach einer Explosion mit Jürgen Habermas durch die Gegend. Der zwei Jahre jüngere Philosoph ist ängstlicher als er. Aber am Ende umarmen sie sich „noch fester“ als sonst bei ihnen üblich. Max Frisch hat bei einer Begegnung ein fabelhaftes Tier in seiner Begleitung, groß wie ein Collie, beige-braun, ein Vogel auf vier Füßen, sehr schnell und elegant. Joachim Kaiser macht ihm eindeutige Avancen. Rudolf Augstein, der Ziehvater von Walsers Sohn Jakob, fährt wild Motorrad, während sein Schwiegersohn Edgar Selge schon mal als Streitschlichter aus dem Fernsehapparat heraustritt.

Edgar Selge kommt aus dem Fernseher

Ein andermal hat Franziska, Selges Frau, die älteste der vier Walser-Töchter, die Schauspielerin, einen Quiz-Show-Auftritt mit Intim-Kontrahent Marcel Reich-Ranicki – und verliert. Dafür bleibt ein Stöckchenkampf, den er selbst mit dem Kritikerpapst eher en passant vollführt, ohne Sieger. Die Geistes-Promi-Dichte in Walsers Träumen ist, wie wohl auch, wenn er wacht, famos. Die Sex-Dichte, hoch. Und immer wieder, auch im jüngsten Traumgeschehen und bei den aktuellsten Ereignissen, die weit Zurückliegendes wecken, kommt er auf seinen Geburtsort Wasserburg zurück. Das Haus Nr. 57/3, sein „Traumschauplatz“, wie er schreibt. Der Ort, an dem auch eines seiner vielen besten Bücher, „Ein springender Brunnen“, spielt, die autobiografisch geprägte Verteidigung seiner Kindheit als Gastwirtsohn in der Nazizeit. Eng sind die poetologischen Verbindungen, die bei ihm zwischen Traum und Werk bestehen. Man lernt ihn tiefschürfend kennen. Unergründlich, die Wege, die derweil das Leben geht.

Fliegende Zöpfe und ein Stasi-Spitzel

So ist Walsers kongenial-surreale Illustratorin, die vielfach ausgezeichnete Berliner Künstlerin Cornelia Schleime, – was nicht thematisiert wird – untergründig verwandtschaftlich mit ihm verbunden. Ihre Bilder in dem Band scheinen wie geträumt, sind somnambule Fortschreibungen von Postkarten mit phallischen Gesten und schon mal einem weiblichen Zentaur, der auftaucht. „Nachts hat man mehr Pläne“ ist ein typischer Satz von ihr, an anderer Stelle geäußert. Die Mädchen auf den Bildern ihres Oeuvres tragen fliegende Zöpfe.

1984 übersiedelte Schleime, die Gründerin der Punkband „Zwitschermaschine“, getriezt vom Staat, von Ost- nach West-Berlin. Ihr bis dato geschaffenes Werk ging dabei größtenteils verloren. Nach der Wende musste sie dann feststellen, dass ihr Freund, der Prenzlauerberg-Impresario, Sascha Anderson, sie auch noch im Westen an die Stasi verraten hatte. Sie wollte ihn umbringen, wie sie einmal erzählte, mitten auf der Straße. Eine Pistole hatte sie sich schon besorgt. Heute aber ist ihr Verräter, Anderson, verheiratet mit Alissa, Martin Walsers Schwiegersohn.

Lesezeichen

Martin Walser, Cornelia Schleime: „Das Traumbuch. Postkarten aus dem Schlaf“; 144 Seiten, 24 Euro.

„Nachts hat man mehr Pläne“: Bildbeispiel von Cornelia Schleime aus dem Buch.
»Nachts hat man mehr Pläne«: Bildbeispiel von Cornelia Schleime aus dem Buch.
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