Pop
Warum die Pop-Welt Rosalías neues Album „Lux“ braucht
Dieses Album ist etwas Besonderes in der Welt der Popmusik. Rosalías „Lux“ ist eine Herausforderung. Es ist nicht einfach nebenbei anzuhören. Es ist der Gegenentwurf zum schnellen Dopaminrausch beim ziellosen Scrollen durch soziale Medien; etwas, worauf man sich konzentrieren muss.
Während andere Künstlerinnen wie Taylor Swift oder Lily Allen über Anfang, Zustand und Ende ihrer Beziehungen in einer Detailtiefe singen, die selbst eingefleischte Fans ratlos zurücklässt, bricht Rosalía mit allen derzeit geltenden Regeln des Genres und widmet ihr Album nicht weniger als dem Göttlichen, dem Streben nach Transzendenz, der Erleuchtung. Als Inspiration für ihre flammenden, frommen Lieder dienten Rosalía internationale Mystikerinnen und weibliche Heilige wie Jeanne d’Arc, Hildegard von Bingen und Simone Weil. Ein Konzeptalbum, in dem die Sängerin nicht in ihrem Tagebuch sondern in Hagiographien recherchiert hat.
Mit jedem Album erfindet sich Rosalía neu
Sowieso wird die aus Katalonien stammende 33-jährige Musikerin als eine der interessantesten und innovativsten Persönlichkeiten der Popmusik gefeiert. Keines ihrer Alben klingt wie das andere, mit jedem Kapitel erfindet sich die ausgebildete Flamencosängerin neu. Den Durchbruch erlebte sie 2018 mit „El mal querer“, gefolgt von dem schon experimentelleren „Motomami“, auf dem auf tanzbare Weise lateinamerikanischer Reggaeton mit japanischer Pop-Ästhetik gemixt wurde. „Lux“, ihr nun viertes Studioalbum, scheint ein Herzensprojekt, das das Göttlich-Weibliche und die Brutalität der Romantik erforscht. Und Arien mit Autotune verwebt.
Auf „Lux“ gibt es opulenten Pop
Eröffnet wird das Album von dahin tröpfelnden Pianoklängen. Dann erhebt sich ihre glockenklare, entwaffnende Stimme. Sie singt von Sex, Gewalt und Motorradreifen. „Sexo, Violencia y Llantas“ fungiert wie eine Ouvertüre. Das Orchester mit elektronischem Unterbau und die titelgebenden Begriffe für Sinnlichkeit, Körperlichkeit und Materialität führen in die musikalischen und thematischen Motive ein. Das ist keine Klassik, das ist herausfordernder, überfordernder, opulenter Pop.
In „Reliquia“ erscheint plötzlich ein hektischer, fieberhafter Rhythmus, der an Aphex Twins Interpretation von Drum’n’Bass erinnert. Und schon nach zwei Stücken wird klar: Es ist ein Album, dass man unbedingt am Stück hört. In „Porcelana“ wandelt sich ihre Stimmfarbe, unterlegt von schrillen Streichern, vom warmen und einfühlsamen Timbre zum Sprechgesang einer Eisprinzessin, wenn sie haucht „Ego sum nihil, ego sum lux mundi“ – ich bin Nichts, ich bin das Licht der Welt. Währenddessen die Kesselpauken und Flamenco-Klatscher langsam die Stimmung nach oben peitschen.
Rosalías singt in 15 Sprachen - auch auf Deutsch
Und dann ist da das Stück „Berghain“. Das dominante Streichorchester, der erhabene Chor, die fast sakrale Atmosphäre. Der Titel verweist auf den berühmten Berliner Techno-Club, auch wenn von ihm nie die Rede ist. Musik als Metapher, der Club als Symbol für Befreiung, Transformation und Ekstase. In dem Video dazu sehen wir Rosalía und das London Symphony Orchestra im Bus, am Herd, im Pfandleihhaus; wir sehen sie, wie sie in banalen Szenen ihren Schmerz wegbügelt. Die Erhöhung des Alltäglichen in Roben aus den Alexander-McQueen-Archiven. Dazu singt sie auch auf Deutsch. Der Text sollte einem dabei im besten Fall herzlich egal sein: „Die Flamme dringt in mein Gehirn ein wie ein Blei-Teddybär, ich bewahre viele Dinge in meinem Herzen auf, deshalb ist mein Herz so schwer.“ Der spanische Part drängt sich dann ohnehin so unumwunden ins Herz, da ist jegliche Sprachbarriere vergessen.
Man muss ohnehin kein Wort übersetzen um Rosalías Liebe, Schmerz, Sehnsucht, Leidenschaft zu verstehen. Neben ihren beiden Muttersprachen Spanisch und Katalanisch singt sie auf „Lux“ in 13 weiteren Sprachen aus drei Sprachstämmen, darunter auch Ukrainisch und Hebräisch. Weil sie so gerne lernt, hat sie in einem Interview erzählt. Und - oh - wie wunderbar ist diese Aussage in unserer Zeit, in der die Welt sich zwar weit anfühlt und doch eigentlich immer kleiner wird, wir statt dazuzulernen lieber der Kraft der KI vertrauen.
Wird es am Ende ein erfolgreiches Werk sein? Stücke wie das zuckersüße „Sauvignon Blanc“ könnten es werden. Doch dies ist ein Album, das nicht für Streamingdienste geschrieben wurde, das keine Songs enthält, die in den ersten fünf Sekunden gefallen wollen, um nicht weggewischt zu werden. Rosalías „Lux“ ist die Pop gewordene Antwort auf unsere Zeit. Ein Licht im Dunklen – im wahrsten Sinne.