Fernsehen
„War sehr burschikos“: „Tatort“-Star Adele Neuhauser im Interview
Gibt es Parallelen zwischen Ihnen und der von Ihnen gespielten Figur der Josefa, die früher ein Mann war?
Da gibt es vieles. Josefa hat lange mit sich gehadert und damit gekämpft, sich zu finden, sich selber zuzulassen. Das ist mir nicht fremd, auch ich hatte oft das Gefühl, nicht in die Norm zu passen. Ich glaube, jeder Mensch durchläuft diese Höhen und Tiefen mit sich selbst, vor allem in der Pubertät. Josefa weiß sehr früh, dass sie eine Frau ist – sie ist nur nicht im richtigen Körper geboren. Irgendwann hat sie dann eine Geschlechtsangleichung gemacht.
Haben Sie sich denn in Ihrer Haut als Frau immer zu Hause gefühlt?
Nein, habe ich mich nicht. Ich war ein sehr burschikoses Mädchen. Vor vielen Jahren hatte ich ja auch wegen eines Ödems eine Stimmbandoperation, danach habe ich mich zum ersten Mal weiblich gefühlt. Davor war meine Stimme wesentlich tiefer, und wenn ich telefoniert habe, wurde ich sehr oft als Mann angesprochen: „Hallo Herr Neuhauser“, hieß es dann. Also: Dieses ganze Thema schwirrt schon sehr lange bei mir herum, im Grunde ist es mir nicht fremd, weil auch ich lange auf der Suche nach meiner Identität war.
Die burschikose Pippi Langstrumpf war eine Heldin Ihrer Kindheit, wie Sie unlängst in einem TV-Porträt gesagt haben…
Pippi Langstrumpf war eine Identifikationsfigur für mich, absolut. Vielleicht ist sie das für jedes Mädchen. Sie hat eine unglaubliche Lebenslust, und sie hat eine unglaubliche Kraft. Sie ist so angstfrei! Das wünschen wir uns doch alle ein Leben lang für uns. Aber angstfrei zu leben, ist nur möglich, wenn wir uns vollends annehmen, eins mit uns sind.
Fanden Sie die Idee, im Film eine Frau zu spielen, die früher ein Mann war, gleich überzeugend?
Wissen Sie, Uli Brée hat ja das Drehbuch geschrieben, und ich habe schon viele Bücher von ihm verfilmen dürfen. Er kennt mich sehr gut und weiß, was er mir alles zumuten und wie er mich herausfordern kann.
Der deutsch-österreichische Autor Brée hat unter anderem die „Tatort“-Kommissarin Bibi Fellner entworfen, die Sie seit vielen Jahren spielen. Müsste der „Tatort“ generell queerer werden oder besser nicht?
Ich finde nicht, dass man da explizit noch mehr Druck drauflegen muss. Natürlich könnte man im „Tatort“ durchaus Geschichten erzählen, in denen es für queere Menschen nicht gut ausgeht, dafür gibt es ja leider viele Beispiele im wahren Leben. Ich denke aber vor allem, dass es mehr Filme braucht wie „Ungeschminkt“ – da geht es zunächst um die Verletzungen, die Josefa durchleben musste, und am Ende setzen sich alle an einen Tisch und finden einen Weg für die Zukunft. Das finde ich wunderschön.
Haben Sie diese Rolle anders gespielt als andere?
Ich habe mich natürlich im Vorfeld eingehend informiert, unter anderem, weil in der Vergangenheit ja oft die Frage im Raum stand, ob nur Transmenschen solche Personen spielen dürfen. Aber nicht nur deswegen, sondern weil es mir auch wichtig war, in den Stoff einzutauchen. Ich habe mit Betroffenen gesprochen, Dokumentationen darüber angeschaut, ich habe mich aufgeladen mit der Thematik.
Sie haben bereits vor 25 Jahren am Theater den Mephisto verkörpert. Haben Sie schon immer gerne mit den Geschlechterrollen jongliert?
Ja, ich habe mehrere solche Rollen gespielt. Wir Menschen sind duale Wesen, das sollte uns immer bewusst sein, wenn wir über die Vielfalt von Geschlecht sprechen. Wir haben alle Männliches und Weibliches in uns angelegt, und in manchen Situationen schöpfen wir notwendige Informationen aus der anderen Seite. Wir geben uns zum Beispiel als Frau in bedrohlicheren Situationen oft kräftiger, dominanter, markanter – wenn wir Zuneigung wollen, betonen wir dagegen unsere weibliche Seite.
Was ist Ihre Erfahrung: Wird man als Frau heute immer noch benachteiligt im Schauspielberuf?
Es gibt diese Benachteiligung, da braucht man sich nur die klassische Literatur anzuschauen. Da sind Frauen immer diejenigen, die beschützt oder geheilt werden müssen, die hysterisch sind, und irgendwelche Männer müssen kommen, um aufzuräumen. Was mich selber betrifft, muss ich aber sagen: Ich bin eine sehr glückliche Person, denn ich wurde 2004 für die Serie „Vier Frauen und ein Todesfall“ besetzt. Da war ich 45 und genau in der Lebensphase, wo man als Schauspielerin zu alt ist für jugendliche, und noch nicht alt genug für wirklich alte Figuren – diese Rolle war damals die Rettung für mich.
Seit 2011 spielen Sie nunmehr die Bibi Fellner im „Tatort“. Wie lange wollen Sie ihr noch treu bleiben?
Sie arbeitet weiter, sie ist tapfer (lacht). Ich mag die Bibi Fellner total gerne, und ich hoffe, dass es noch lange weitergeht.