Ludwigshafen
Vor uns die Hoffnung: Die Ausstellung „Poesie der Elemente“ im Hack-Museum
Fast neidisch blickt man als Angehöriger der Müdigkeitsgesellschaft auf das Aufbruchsglück der Vorfahren. Man wartet auf die Bahn, das Bodenpersonal des Flughafens streikt. Niemand hebt mehr ab in die Zukunft. Für den russischen Avantgardisten Kasimir Malewitsch (1879 bis 1935) dagegen war das „Ziel des Lebens“ noch „die Befreiung vom Gewicht der Schwere“ – nicht, dass der ICE 276 überhaupt oder zur Abwechslung mit der minimalen Verspätung von 35 Minuten kommt.
Der Kosmismus, eine Ende des 19. Jahrhunderts aus der Verbindung von Wissenschaft, Philosophie und Spiritualität entstandene Bewegung, der Malewitsch anhing, träumte davon, dass der technologische Fortschritt den Tod final überwindet. Dass er den Ausstoß von CO2 verursacht und uns womöglich alle umbringt – irgendwann –, konnte er sich wahrscheinlich nicht vorstellten.
El Lissitzky (1890 bis 1941), wie Malewitsch russischer Kunstrevolutionär, schrieb: „Die Sonne als Ausdruck der alten Weltenergie wird vom Himmel herabgerissen durch den modernen Menschen, der kraft seines technischen Herrentums sich eine eigene Energiequelle schafft“. Sein Gemälde „Proun 23 N“, eine „Suprematistische Komposition“ aus dem Jahr 1915/16, die jetzt in der von Julia Nebenführ kuratierten Bestandsausstellung „Poesie der Elemente“ des Ludwigshafener Hack-Museums hängt, wirkt im Nachhinein betrachtet wie eine Vorsehung. Die abstrakten Formen, die im Unendlichkeitsweiß zu schweben scheinen, sehen mit etwas Fantasie aus wie ein Satellit im Weltraum. 1957 schickten dann schickten die Russen tatsächlich Sputnik 1 ins All.
Es wurde Licht
Faszinierend zu sehen jedenfalls, wie viele um die Jahrhundertwende entstandene Arbeiten der Ausstellung, mit der das Haus seine 10.000 Werke umfassende Sammlung in Bewegung bringt, ein ganz anderer utopischer Geist durchgleißt. Die Werke des von den Errungenschaften seiner Zeit, vor allem dem neue Perspektiven auf die Welt eröffnenden Fliegen, ganz affizierten Robert Delaunay (1865 bis 1941) etwa. Der Hauptrepräsentant des Orphismus, der auf seinem Ölbild „Hélice“ aus dem Jahr 1923 die Farben wirbeln lässt wie Rotoren, widmete bereits 1914 dem Luftfahrtpionier und ersten Ärmelkanalüberquerer Louis Blériot ein Bild.
Oder der Surrealist Max Ernst (1891 bis 1976), der sich für sein „Porträt“ aus dem Jahr 1913 von elektrischem Licht inspirieren ließ, das damals den Alltag neu beleuchtete. Ganz ähnlich wie der russisch-französische Maler Michaei Larionow (1881 bis 1964), der Begründer des Rayonismus, dessen Werk, wie der Name schon sagt – rayons heißt auf Deutsch Strahlen –, sichtbare und unsichtbare Strahlen durchziehen.
Sechs Kapitel hat die „Elemente“-Schau, gezeigt wird dutzendfach hochkarätige Kunst, darunter Neuzugänge und selten ausgestellte Werke. Alles beginnt mit dem „Universum“, für das unter anderem Thomas Ruffs Sternenhimmel steht. Seine großformatige fotografische Anverwandlung eines Negativs des in den chinesischen Anden siedelnden European Southern Observatory (ESO) aus dem Jahr 1990. Oder Jackson Pollocks überbordend farbbespritztes Action-Bild „Comet“ aus dem Jahr 1947. Zum Schluss landet man – wo sonst auch – bei der „Schöpfung“. Dabei sind die Arbeiten in die Mittelaltersammlung des Museums integriert.
Dazwischen geht es um das Element „Luft“ wie in Günter Ueckers Objektbild „Wind“ (1997), bei dem die notorischen Nägel des deutschen Helden der Künstlergruppe ZERO wie zerzaust erscheinen. Um „Sonne-Licht“, geht es, „Feuer-Wasser“, „Erde-Natur“. Und noch in jeder Rubrik findet sich mindestens eine Arbeit von früher, die leise Hoffnung erfüllt. Und sei es auf Gegenbesuch aus dem All, den Heinz Macks 1971, zwei Jahre nach der Mondlandung, entstandene, auf einem Aluminium-Farbkarton gedruckte Doppelserigrafie „Antarktis“ nahelegt.
Sie ist im Luftkapitel ausgestellt. Zu sehen, zwei flügelartige UFOs mit einer netzartigen Oberfläche. „Frei zu sein, zu schweben, sich leicht zu machen, sich von allen Problemen zu entfernen, ganz allein einmal bei sich zu sein“, beschrieb Mack als seine Intention. Kunstschamane Joseph Beuys (1921 bis 1986) indes war von der „konkreten Utopie“ Weltverbesserung beseelt: der spirituellen Kraft des Wassers unter anderem, die er in seinem Werk „Everess II“ aus dem Jahr 1968 beschwört.
Äste und Annahmen
Die Arbeit ist Teil der „Feuer-Wasser“-Abteilung und besteht aus zwei Flaschen energiesprudelndem Wasser in einem Holzkasten, die ihre Heilkraft über an der Flasche angebrachte Filzstücke entfalten sollen können. Schon auffällig, wie die Hoffnungen schwinden, je näher die Kunst der Gegenwart kommt. Dann häufen sich die kritischen Anfragen derart, die Christoph Girardet, ein Deutscher, in seiner Videoinstallation „Synthesis“ (2015) stellt.
Auf die Bilder von Experimenten, bei denen mit chemischen Substanzen hantiert wird und Flüssigkeiten ineinanderfließen, ist der gesprochene Text der Schöpfungsgeschichte gelegt. Der Mensch erscheint in seiner Pracht als Wissenschaftsgott. Gleichzeitig schleicht sich Skepsis ein, ob das nicht doch zu riskant ist, was er erschafft. Und dann ist der Weg nicht mehr weit zu der düsteren Endzeitstimmung, die das Multimediabild „Doppelgänger“ aus dem Jahr 1986 verbreitet – Rolf Iselis hat dafür unter anderem Erde verwendet. Was jetzt? An der Wand lehnen zwei scheinbar identische Äste an der Wand. Sie spiegeln sich. „Annahme gleicher Eigenschaften“, heißt die Arbeit von Alicja Kwade, die Weltstarkünstlerin hat einen Holzast in Eisen kopiert. Ihre Idee ist die Frage, ob es wirklich sein kann, dass ein Paralleluniversum existiert, in das wir uns als Ultima Ratio flüchten können? Sagen wir so, wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht geben die Veranstaltungen eines anderen Ludwigshafener Hauses ja eine Antwort. Das Schwerpunktthema des Bloch-Zentrums dieses Jahr jedenfalls lautet: „Hoffnungslos? Über Krise und Utopie.“
DIe Ausstellung
„Poesie der Elemente“, bis 21. April im Hack-Museum. Bis zum 14. Juli läuft in der Reihe „Kabinettstücke“ die Schau „Richter/Polke – Umwandlung“. Besprechung folgt. Weitere Infos auf www.wilhelmhack.museum