Pfalzgeschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Vor fast 70 Jahren machte Bundeskanzler Adenauer Wahlkampf im Wasgau

An dieser Stelle am abgebauten Gleis 7 (hier ein aktuelles Foto) stand der Sonderzug von Konrad Adenauer im Jahr 1957.Das „Adena
An dieser Stelle am abgebauten Gleis 7 (hier ein aktuelles Foto) stand der Sonderzug von Konrad Adenauer im Jahr 1957.Das »Adenauer-Gleis« ist längst abgerissen. Hinten links der Bahnhof, der damals belebter Knotenpunkt war.

Die „Keine Experimente“- Wahl und der Adenauer-Sonderzug in Hinterweidenthal: Das Herz der Bundesrepublik schlug für einen Tag im stillen Wasgau.

Wir schreiben Freitag, den 2. August 1957. Ein Sommertag wie jeder anderer. Um 13.10 Uhr fährt ein besonderer Zug in den Hinterweidenthaler Bahnhof (am heutigen Landgasthof Frauenstein) ein und richtet sich auf dem Nebengleis ein. Schon Stunden zuvor hatten sich Einheimische und Fahrgäste über das geheimnisvolle Tun zahlreicher Sicherheitskräfte ihre Gedanken gemacht. Man weiß zwar, dass sich mit Bundeskanzler Adenauer (1876-1967) ganz hoher Wahlkampfbesuch in Kaiserslautern und Pirmasens angesagt hatte. Die Tatsache, dass der Kanzler mit dem mobilen Staatsapparat jedoch gerade auf diesem kleinen Bahnhof im Osten des heutigen Landkreises Südwestpfalz Station machte, war nur Eingeweihten bekannt.

Alles ist genau geplant

„Noch war der Sonderzug nicht recht zum Halten gekommen, da sah man Bundessprecher Dr Felix von Eckardt auf den Gleisen“, lesen wir in einem alten RHEINPFALZ-Bericht von Robert Oberhauser. Aus einer anderen Quelle ist zu entnehmen, dass Staatssekretär Hans Globke, der Strippenzieher im Kanzleramt von 1953-1963, als erster in den Speisewagen des Salons in Hinterweidenthal zustieg, um am Essen teilzunehmen. Dies ist jedenfalls im minuziösen Programm des Tageskalendariums vom 2. August 1957 von Konrad Adenauer zu ersehen. Weiter geht aus dem Terminplan hervor, dass um 18.40 Uhr Ministerpräsident Peter Altmeier (1899-1977) und der pfälzische Regierungspräsident Franz Pfeiffer (1900-1977) dem Sonderzug zusteigen, um gegen 19.10 Uhr mit dem Pkw von Hinterweidenthal nach Kaiserslautern zu fahren, wo der Kanzler eine seiner gefürchteten Wahlreden halten sollte. Um 00.10 Uhr ist Adenauer wieder in Hinterweidenthal zurück, um noch „die Geburt seines 17. Enkels zu feiern“.

Dieses Foto zeigt Konrad Adenauer bei einem seiner Sonderzug-Wahlkämpfe.
Dieses Foto zeigt Konrad Adenauer bei einem seiner Sonderzug-Wahlkämpfe.

Sofort telegrafierte er an seine Tochter Lotte und seinen Schwiegersohn und versprach, sie alsbald zu besuchen. Der RHEINPFALZ dieses Tages ist zu entnehmen: „ Als erste Zeitung ließ sich der Bundeskanzler dann unsere Zeitung geben und las sein Interview mit Chefredakteur Hück“.

Und der Samstag, 3. August, bringt dann auch den legendären Forstmeister Müller ins Spiel, der den Kanzler und den Kanzlervertrauten Felix von Eckardt zu einer Morgenwanderung in die Wälder führt. Als erste Hinterweidenthaler – die „Geheimsache“ war natürlich auch wie ein Lauffeuer verbreitet worden – schickte die Schuhfabrikanten-Familie Göbbels dem Kanzler ein Paar Hausschuhe in den Zug, die frischen Brötchen kamen selbstverständlich ebenfalls aus Hinterweidenthal.

Hinweis in der Zeitung auf den Auftritt von Adenauer in Pirmasens.
Hinweis in der Zeitung auf den Auftritt von Adenauer in Pirmasens.

Bevor es dann für den Kanzler nach Pirmasens ging, wo er seine nächste große Wahlrede dieses für ihn so erfolgreichen Wahljahres halten sollte, gab es noch mehrere Besprechungen. Auch die regionale Prominenz machte mit dem Speyerer Bischof Isidor Markus Emanuel (1905-1991), dem Bundestagsabgeordneten „des Grenzkreises Bergzabern-Zweibrücken-Pirmasens“, Josef Becker, und dem Hauensteiner Landtagsabgeordneten Hermann Seibel ihre Aufwartung.Vorher hatte Adenauer aber auch noch einen weiteren Besuch auf seiner Terminliste.

Geistlicher Beistand

„Aus der Nähe von Hinterweidenthal empfängt er noch einen Pater aus Hauenstein und dessen leibliche Schwester, die als Missionsschwester (Schwester Ethelburga) nach Afrika gehen wird“. Hierzu gibt es auch das historische Foto vor dem Salon-Zug in Hinterweidenthal, das den Kanzler mit dem Hauensteiner Herz-Jesu-Pater Vinzenz Erwin Keller (1927-1968) zeigt, der kurz vorher seine Heimat-Primiz gefeiert hatte, zusammen mit seiner Missionsschwester Maria (Ethelburga).

Wie die mittlerweile verstorbene Nichte der beiden, Maria Seither aus Hauenstein, mitteilte, hatte die kinderreiche Familie Keller aus Hauenstein insgesamt drei geistliche Berufe in der Familie. Neben Erwin (Pater Vinzenz) und Maria (Ethelburga) gab es noch Luzia (Schwester Fabiana), die lange Jahrzehnte in Sankt Trudbert im Schwarzwald lebte, während Ethelburga fast fünf Jahrzehnte in Afrika wirkte. Dem Bundeskanzler war es offensichtlich sehr leicht gefallen, die Missionsschwester mit allen guten Wünschen zu verabschieden. Pater Erwin Keller (Pater Vinzenz) ist allerdings bereits vor Jahrzehnten in noch jungen Jahren einem Unfall bei Osnabrück zum Opfer gefallen.

Dieses Foto ist jedoch eine lebendige Erinnerung an diesen Tag aus dem Jahre 1957 geworden, als das politische Herz der jungen Republik mit allen wichtigen Schaltstellen auf dem Hinterweidenthaler Bahnhof („Neuer Bahnhof“) schlug.

Kanzler Konrad Adenauer „residierte“ am 2. und 3. August 1957 in Hinterweidenthal und empfing auf dem „Neuen Bahnhof“ auch die H
Kanzler Konrad Adenauer »residierte« am 2. und 3. August 1957 in Hinterweidenthal und empfing auf dem »Neuen Bahnhof« auch die Hauensteiner Afrika-Missionsschwester Ethelburga Keller und ihren Bruder Pater Erwin (Vinzenz) Keller.

Übrigens: Gegen 16 Uhr ging es an diesem Samstag dann mit dem Pkw weiter nach Pirmasens, anschließend folgte eine Wahlkundgebung in der Schuhstadt. Anstatt der obligatorischen schwarzen Schuhe gab es als Gastgeschenk diesmal für Adenauer ein Paar bunte Babyschuhe für den 17. Enkel. Um 18.38 Uhr holte der Sonderzug den Kanzler in Pirmasens ab, um zur nächsten Wahlkampfstation nach Mehlem zu fahren.

Und was waren damals im August die Hauptthemen seiner Wahlreden in Kaiserslautern und Pirmasens sechs Wochen vor der Wahl am 15. September 1957? Es war die berühmte „Keine Experimente“-Wahl, die Adenauer den bis zu diesem Zeitpunkt größten Wahlsieg bescherte. Die Unionsparteien erhielten 269 von 497 Sitzen. Zum ersten und bis heute einzigen Mal gelang es einer Partei, die absolute Mehrheit der Stimmen und Mandate im Deutschen Bundestag zu erreichen.

Die Rückkehr des Saarlandes machte ihn bei seinen Wählern zum Star, bei seinen Gegnern von der SPD wurde der Slogan „Kampf dem Atomtod“ zum schlagenden Motto gegen die „klerikal-faschistische Gefahr“. Selbst in der DDR-Staatszeitung „Neues Deutschland“ hat die Rede des Kanzlers in Pirmasens ihren Niederschlag gefunden, wie wir recherchieren konnten.

400 Meter vom Frauenstein in Richtung Hauenstein befindet sich auch heute noch der imposante Tunnel, der zum Gleis 7 des neuen B
400 Meter vom Frauenstein in Richtung Hauenstein befindet sich auch heute noch der imposante Tunnel, der zum Gleis 7 des neuen Bahnhofs führte.

Interessant ist dabei sicherlich auch ein Blick in das Wahlergebnis von Hauenstein – nur neun Kilometer von Hinterweidenthal gelegen –, das mit anderen pfälzischen Gemeinden wie Herxheim zu den „schwärzesten“ Hochburgen zählte. 94,0 Prozent votierten bei der Septemberwahl 1957 für die CDU in Deutschlands größtem Schuhdorf.

Das lässt Erinnerungen wach werden an das Jahr 1933, als man in „Hääschde“ am 5. März bei der letzten „freien“ Reichstagswahl der Hitlerpartei in Hauenstein mit 92,6 Prozent Gegenstimmen landesweit die höchste Niederlage zugefügt hatte.

Der „politische Katholizismus“ in der Schuhgemeinde trug fast 50 Jahre lang die Handschrift des legendären Hauensteiner Prälaten und Dekans Georg Sommer (1881-1968, „de schwarze Schorsch“), der auch bei dieser Wahl im September 1957 mit eindringlichen Worten von der Kanzel aus seine Schäflein offen belehrte und einforderte, wo sie ihr Kreuzchen zu machen hatten. Noch vor der Wahl am 15. September 1957 überreichte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Peter Altmeier dem Prälaten, der in der Nazizeit mehrfach inhaftiert wurde, bei einem Wahlauftritt in Hauenstein das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.

Kanzlertag auf der Kaltenbach

Für Hinterweidenthal war jedoch der „Kanzlertag“ auf der Kaltenbach zu einem historischen Ereignis geworden. Es wird übrigens immer wieder spekuliert, dass damals bewusst die Sicherheitskräfte um den Kanzler das strategisch ruhige Bahnhofsgelände im beschaulichen Hinterweidenthal ausgesucht hätten, anstatt in Pirmasens oder Kaiserslautern Halt zu machen.

Übrigens: Der kleine Ort Hinterweidenthal verfügte damals über drei Bahnhöfe. Der „Neue Bahnhof“ war seit 1911 der neu geschaffene Abzweigbahnhof der neuen Bahnlinie Hinterweidenthal-Bundenthal, die nach den Plänen der Reichsbahn nach Weißenburg weitergebaut worden wäre, wenn es nicht zum Ersten Weltkrieg gekommen wäre.

Von einem Ort dieser Bahnlinie stammte auch ein wichtiger Zeitzeuge. Es ist der 2018 in hohem Alter verstorbene Wendelin Burkhart aus Bruchweiler. Der aus eigener Erfahrung noch mehr Licht in den Adenauerbesuch im Jahre 1957 bringen konnte. Wie der im Dahner Tal als profunder Geschichts- und Kulturkenner Hans Rösch (84) aus Bruchweiler bestätigen konnte, war Wendelin Burkhart viele Jahrzehnte einer der prominentesten Eisenbahner auf dieser Strecke mit einem sagenhaften Gedächtnis. Während sehr viele geglaubt hatten, dass der Salon-Zug des Kanzlers am Hinterweidenthaler Bahnhof Kaltenbach für mehr als 24 Stunden Station machen würde, berichtete der damals 29-jährige Bundesbahnbeamte Burkhart, dass der Sonderzug Adenauers am Bahnhof Hinterweidenthal oberhalb des Frauensteins auf Gleis 7 (im Volksmund „Neuer Bahnhof“) abgestellt worden sei.

Ein Staatsapparat auf Rädern

Wendelin Burkhart bestätigte auch, dass man den neuen Bahnhof auch wegen Sicherheitsgründen den Bahnhöfen Pirmasens oder Kaiserslautern vorgezogen habe. Aus seinen Erzählungen konnte man auch entnehmen, dass der Sonderzug des Kanzlers mit allen damalig modernsten Kommunikationssystemen gespickt war, deren Funktion auch von mehreren Spezialisten aus Bonn mit zahlreichen Service- und Schreibkräften jederzeit garantiert war: ein richtiger Staatsapparat auf Rädern.

Was bisher in dieser Geschichte auch nicht bekannt war, fügte der Bahnbeamte aus Bruchweiler ebenfalls hinzu: Auf das Gleis 7 fuhr man nicht über die Verbindungsstraße vom „Frauenstein“ zum Bahnhofsgebäude hoch, sondern 400 Meter weiter in Richtung Hauenstein auf der B 10 links ab auf einem befestigten Weg durch den Tunnel, der in seiner ganzen Breite unter der Bahnlinie auf das höher gelegene Gleisniveau verlief.

Als 1911 die Strecke Hinterweidenthal – Bundenthal fertig gestellt worden war, brauchte man am Bahnhof Kaltenbach nicht mehr das Holzverladegleis und verlegte es an den Bahnhof Hinterweidenthal-Ort. Mit dem „Neuen Bahnhof“ oberhalb und westlich des Ortes erhielt Hinterweidenthal einen Eisenbahnknotenpunkt und in diesem Zusammenhang auch das Gleis 7, dem Adenauer für mehr als einen Tag den Stempel eines historischen Ereignisses aufdrückte. Bei den passionierten Eisenbahnern dieser Jahre nannte man noch viele Jahre lang das Gleis 7 „Adenauer-Gleis“.

Der Tunnel existiert noch

Viele wissen jedenfalls auch, dass der imposante Tunnel – er existiert auch heute noch wenige Meter vom Bahnhof entfernt neben der B 10 in Richtung Hauenstein – vor allem auch die Aufgabe hatte, um an das berühmte Gleis 7 auch mit großen Fahrzeugen heranfahren zu können. Das war schließlich ausschlaggebend dafür, dass das kleine Hinterweidenthal für kurze Zeit zentrale Schaltzentrale der jungen Bundesrepublik geworden war.

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Liebst du die Pfalz genauso wie wir? Gehst du gerne auf Weinfeste? Kennst du dieses Pfalzgefühl, das sich nicht beschreiben lässt, weil man es einfach erleben muss? Hier gibt es Artikel für alle Pfälzer, die die Pfalz im Herzen tragen. Für alle, die wissen, wo Hettrum, Hääschde und Harschem liegen. Und für alle, die warme Sommerabende am liebsten mit ihren Freunden und Dubbeglas in der Hand verbringen.

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