Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Vor 200 Jahren gestorben: Johann Christian von Mannlich, ein Multi-Talent

EIn Hauptwerk Mannlichs: Das Porträt der herzoglichen Familie mit Christian IV. (links), der Gräfin von Forbach und den Kindern.
EIn Hauptwerk Mannlichs: Das Porträt der herzoglichen Familie mit Christian IV. (links), der Gräfin von Forbach und den Kindern.

Als Hofmaler, Generalbaudirektor und Zentralgaleriedirektor dient Johann Christian Mannlich drei Herrschern der Wittelsbacher aus Zweibrücken. Das Malen hat er i n Paris gelernt, als Architekt ist er Autodidakt und baut in der Pfalz doch das nachVersailles größte Schloss Europas – bevor er die Königliche Kunstsammlung in München betreut. Am 3. Januar 1822 stirbt er dort.

Neben seinen zahlreiche künstlerischen Qualitäten müssen ihn auch noch andere Vorzüge ausgezeichnet haben, den am 2. Oktober 1741 geborenen Sohn des herzoglichen Hofmalers Konrad Mannlich und seiner Gattin Katharina Elisabetha, geborene Straß, Tochter des Glasermeisters Johann Jacob Straß. Es wird gute Gründe geben, warum zu vielen wohlklingenden Titeln für den 1808 in den königlich-bayerischen Adelsstand erhobenen Sprössling Johann Christian auch der des „Zweibrücker Casanova“ durch die Literatur geistert. Manche erwarten in der Hoffnung auf pikante Details genau deswegen die deutsche Übersetzung der vom so Bezeichneten in französischer Sprache abgefassten Lebenserinnerungen.

Malerei statt Theologie

1500 Seiten umfasst die „Histoire de ma vie“, die Geschichte seines Lebens, das in Straßburg beginnt. Dorthin haben die Zweibrücker Wittelsbacher, die auch Pfalzgrafen von Bischweiler und Rappoltstein (Ribeauvillé) sind, seit jeher enge Verbindungen. Von dort kommt der in Augsburg geborene, in Wien und Paris ausgebildete Vater Konrad Mannlich auch mit Pfalzgraf Christian III. nach Zweibrücken, als dieser 1731 seinem Cousin Gustav Leopold als Herzog nachfolgt. Auch beim nächsten Zweibrücker Herzog steht zunächst Vater Mannlich in Diensten, aber Christian IV. sorgt – neben dem Vater – auch für die Ausbildung des begabten Sohnes, Johann Christian. Allerdings nicht in der Theologie, wie es die Mutter wünscht, sondern im Herbst 1758 mit einem Stipendium an der Mannheimer Zeichen. und Malakademie von Peter Anton Verschaffelt. Jenem weit gereisten Flamen, der sich am Mannheimer Hof mit den Entwürfen des Figurenschmucks im Schwetzinger Schlosspark eingeführt hat und dem Oggersheim seine Wallfahrtskirche verdankt.

Die Wärme der Frauen

Den Abschied von der Familie, die letzte Umarmung des Vaters, der kurz darauf sterben wird, wird Mannlich später ebenso schildern wie seine rotverweinten Augen und die Kutschfahrt durch die eiskalte Nacht, die von Zweibrücken über Kaiserslautern und Dürkheim an den Rhein führt: in den Armen einer mitreisenden Dame aus Metz ... und so versteckt unter ihrem weiten, wärmenden Umhang – „sa grande pelisse“ – , dass ihn seine Begleiter am Morgen erst einmal suchen müssen.

Sein Französisch, erinnert sich Mannlich an die wohl eher non-verbale Konversation mit der sich des frierenden Jungen Erbarmenden, sei damals recht ungenügend gewesen. Das soll sich allerdings bald ändern. Ab 1762 nimmt ihn der Herzog regelmäßig mit in sein Pariser Stadtpalais: in das „Hôtel de Deux-Ponts“, das schon im 18. Jahrhundert der Anlage einer neuen Straße, der heutigen Rue de la Michodière im zweiten Arrondissement, weichen musste.

Auch wenn Johann Christian von Mannlich später noch zwei weiteren Herrschern des Hauses Wittelsbach dienen wird – den beiden Neffen seines ersten Förderers und Gönners – Karl II. August und Maximilian Joseph, der 1806 den bayerischen Königsthron besteigt –, niemand hat seine Laufbahn so entscheidend geprägt wie der kunstsinnige, gebildete Christian IV. Da ist es nur richtig, dass Zweibrücken 2022 an ein Doppeljubiläum erinnert: an den 200. Todestag des künstlerischen Multi-Talents Mannlich und an den 300. Geburtstag des Pfalzgrafen aus der Wittelsbacher Linie Birkenfeld-Bischweiler, der am 16. September 1722 in eben jenem elsässischen Bischwiller geboren wird und den die Zweibrücker noch heute den „guten Herzog“ nennen.

In Paris, wo sein Herzog zu den Freunden des Königs Louis XV. und dessen Favoritin, der Madame Pompadour, gehört, lernt Mannlich die Sammlungen italienischer, flämischer und niederländischer Meister kennen, entdeckt das Musik- und Theaterleben, streift dabei wohl auch den Hauch der Aufklärung. Denn Christian IV. pflegt auch Kontakt zu Diderot und d’Alembert, die in diesen Jahren an ihrer Enzyklopädie des gesammelten europäischen Wissens arbeiten.

Der Tod des „guten Herzogs“

Vor allem aber begegnet er den französischen Malerstars seiner Zeit: Jean-Baptiste Greuze, Claude Joseph Vernet, Jean-Honoré Fragonard, Charles Vanloo und dem Mann, der das wohl berühmteste Porträt der Pompadour überhaupt schuf: François Boucher. Auch bei Boucher wird Mannlich Schüler. Und dann darf er, wiederum ausgestattet mit einem Stipendium seines Gönners, fünf Jahre an der französischen Akademie in Rom studieren und Bildungsreisen durch Italien unternehmen. Er besichtigt die Paläste, Kirchen und antiken Stätten und trifft schöne Frauen, denen er in seinen Erinnerungen ein mit „Liebesabenteuer“ überschriebenes eigenes Kapitel widmet. Aber er begeistert sich auch für Raffael und kopiert detailgetreu die Porträts von dessen Monumental-Fresko „Die Schule von Athen“: Zeichnungen, die er später als Vorlagen und Lehrmittel für junge Maler verwenden will.

Denn 1772 holt ihn der Herzog zurück in die Pfalz und macht ihn zum „Inspecteur de notre cabinet de peintre“, zum Direktor der stetig anwachsenden herzoglichen Gemäldesammlung. Auch eine neue Zeichenschule soll Mannlich leiten.

Der Tod Christians bereits 1775 setzt jedoch der barocken Blütezeit Zweibrückens ein jähes Ende. Sein Neffe und Nachfolger Karl II. August hat nichts von der offenen, den Menschen zugewandten Art des „guten Herzogs“, der seinem Herzogtum zwar Glanz, aber auch gehörig Schulden hinterlassen hat.

Der neue Landesherr entlässt, vorgeblich wegen der zerrütteten Staatsfinanzen, erst einmal den ganzen Hofstaat. Einen allerdings nicht, ganz im Gegenteil: Johann Christian Mannlich, der zwar nie Architektur studiert, dafür aber in Frankreich wie in Italien aufmerksam beobachtet hat, bekommt eine weitere Aufgabe zugewiesen: die des Direktors für das königliche Bauwesen.

Auf dem Buchenberg zwischen Zweibrücken und Homburg entsteht unter seiner Leitung eine der größten Schlossanlagen Europas: der Karlsberg, vom reisenden Freiherrn von Knigge bewundernd „Feen-Schloss“ genannt. Und weil der Herzog, obschon kein großer Kunstkenner, bei seinem selbst zum Sammler gewordenen Untergebenen eine Reihe von Gemälden entdeckt, die seinen Gefallen finden, muss in sein schönes neues Schloss natürlich auch eine angemessene Kunstsammlung. Man kann sich vorstellen, dass die Staatsfinanzen da keine Rolle mehr spielen. Aber das Ende der absolutistischen Herrscher vom Schlage eines Karl August naht.

Vor den Revolutionstruppen aus dem nicht weit entfernten Frankreich flieht erst der Herzog, über den Rhein nach Mannheim. Wenig später folgt Mannlich – mit den Schätzen der Gemäldegalerie. 1793 brennt der Karlsberg, 1795 stirbt der Schlossherr. Sein Nachfolger ist sein jüngerer Bruder Maximilian Joseph, und der wird nach dem Tod des Wittelsbacher Vetters Karl Theodor 1799 zunächst auch Kurfürst in München – und 1806 Bayerns erster König.

Bilderretter und Kunstlehrer

Vom Rhein begleitet Mannlich die Zweibrücker Gemälde weiter nach München, führt sie – nun als „pfalz-bayerischer Zentralgaleriedirektor“ – zusammen mit jenen der Wittelsbacher Sammlungen in Mannheim und Düsseldorf und legt den Grundstock für die Alte Pinakothek, die Leo von Klenze nach seinen Ideen bauen wird. Und dann rettet er sie 1809 ein zweites Mal: vor den nach Österreich vorrückenden Truppen Napoleons. Max Joseph, der dem Kaiser der Franzosen den Königsthron verdankt, hat die Seiten gewechselt und gehört nun dem Lager der Napoleon-Gegner an – was sich am Ende auszahlt.

Und Mannlich kann damit beginnen, was andere später fortsetzen werden: den Aufbau Münchens als Kunstmetropole. Die in Zweibrücken geplante Schule für junge Maler wird jetzt realisiert, und der alte Mannlich wird dabei zum Wegbereiter der jungen Technik des Steindrucks, der erst 1789 von August Senefelder erfundenen Lithografie und zum geschätzten Autor von kunstpädagogischen Schriften.

Ein langes Leben, das während des Ancien Régime begann und über die Revolution in die Zeit der Restauration mündet, endet am 3. Januar 1822. 1562 Seiten sind wahrlich nicht zu viel, um es zu schildern. Als er seine Geschichte auf Französisch niederschreibt, beherrscht er die Sprache sehr viel besser als der Junge, der damals in Zweibrücken die kalte Kutsche besteigt. Unter dem Titel „Rokoko und Revolution“ sind Teile dieser Erinnerungen 1913 zum ersten Mal übersetzt worden. Ob man zum Jubiläum auf eine kommentierte Neuausgabe hoffen darf? Nicht nur wegen der pikanten erotischen Details, sondern weil die Erzählungen dieses Tausendsassas das Tor weit öffnen in eine Welt des Umbruchs, in der es doch eine Konstante gibt: die Liebe zur Kunst.

Nicht wie lange vermutet Voltaire und eine Marquise, sondern ein Selbstporträt Mannlichs mit seiner Frau (1778).
Nicht wie lange vermutet Voltaire und eine Marquise, sondern ein Selbstporträt Mannlichs mit seiner Frau (1778).
Bronze-Büste des herzoglichen Hofmalers, geschaffen 1986 von Martin Schöneich, Preisträger des von der Kulturgut-Stiftung vergeb
Bronze-Büste des herzoglichen Hofmalers, geschaffen 1986 von Martin Schöneich, Preisträger des von der Kulturgut-Stiftung vergebenen Mannlich-Preises.
Nur noch auf einer Porzellanplatte im Zweibrücker Stadtmuseum erhalten: Schloss Karlsberg, zerstört von französischen Revolution
Nur noch auf einer Porzellanplatte im Zweibrücker Stadtmuseum erhalten: Schloss Karlsberg, zerstört von französischen Revolutionstruppen.
Eisvögel – eine Gouache aus Mannlichs ursprünglich 300 Blätter umfassenden „Sammlung Europäischer Vögel“.
Eisvögel – eine Gouache aus Mannlichs ursprünglich 300 Blätter umfassenden »Sammlung Europäischer Vögel«.
Mannlich als Wegbereiter der Lithografie: „Die Verdammten“, eine Darstellung des Jüngsten Gerichts.
Mannlich als Wegbereiter der Lithografie: »Die Verdammten«, eine Darstellung des Jüngsten Gerichts.
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