Ludwigshafen
Von Judas zu Jubel: Cat Power singt umstrittenes Dylan-Konzert im BASF-Feierabendhaus
Die Messlatte liegt hoch, wenn ein Künstler nicht nur ein paar Songs eines Weltstars spielt, sondern sich gleich ein ganzes Konzert vornimmt. Im Fall von Cat Power, 1973 als Charlyn Marie Marshall in Atlanta geboren, gibt es sogar einen Live-Mitschnitt zu dem besonderen Auftritt Bob Dylans 1966. Es wurde 32 Jahre später unter dem – irreführenden – Titel „The Bootleg Series Volume 4 The Royal Albert Hall Concert“ veröffentlicht. Denn tatsächlich stammen die nicht autorisierten Aufnahmen (deshalb Bootleg) von Dylans Konzert am 17. Mai 1966 in der Free Trade Hall in Manchester.
Von Folk zu Rock
Damals gerade einmal 24 Jahre alt, bot Bob Dylan seinem teils begeisterten, teils wütenden Publikum 15 Songs mit einer Netto-Spielzeit von fast 90 Minuten. Die zweite Hälfte des Konzerts spielte der bis dahin allein mit Gitarre und Mundharmonika auftretende Sänger nicht nur gemeinsam mit einer Band, sondern vor allem mit elektrischen Instrumenten. Und die waren bei puristischen Anhängern des Folk, für den Dylan bis dahin mit dem Status einer Ikone gestanden hatte, verpönt bis verhasst.
Der Unmut unter den Konzertbesuchern aufgrund der Abwendung ihres Idols von der Folkmusik und der Annäherung an die Rockmusik gipfelte in dem Ausruf „Judas!“ sowie weiteren Zwischenrufen. Dylan soll darauf erwidert haben: „I don’t believe you. You’re a liar.“ Seine Musikerkollegen forderte er auf: „Play it fucking loud!“ Worauf sie „Like a Rolling Stone“ sehr langsam, aber dafür besonders laut spielten.
Um es gleich festzuhalten: Beim Konzert von Cat Power im Feierabendhaus hat niemand „Judas!“ gerufen. So weit ging das Revival des legendären Konzerts nun doch nicht – weder erklang ein „bestellter“ Zwischenruf dieser Art, noch sah sich jemand veranlasst, den Auftritt der Sängerin mit einem solchen Vorwurf des Verrats zu brandmarken.
Der Hintergrund: Judas hat nach dem Neuen Testament Jesus Christus an die Besatzungsmacht aus Rom verraten, die ihn kreuzigte. Folk-Puristen galt Dylan als Verräter an der rein akustischen Musik. Diesen Vorwurf hätte niemand Cat Power machen können, denn die Besucher wussten ja, welches Programm sie spielen würde. Höchstens hätte die Sängerin Dylan „verraten“ können, indem ihr Auftritt dem Vorbild nicht gerecht wird. Doch das war nicht der Fall.
Seufzend und rau
Das Konzert im Feierabendhaus folgte Dylans Vorlage minutiös, ohne dabei jedoch an Authentizität einzubüßen. Cat Power konzentrierte sich in der ersten Hälfte auf den Gesang, während sie zwei Musikerkollegen mit einer akustischen Gitarre beziehungsweise Mundharmonika meisterhaft begleiteten. Dylan spielte bei seinen Auftritten, so auch damals in Manchester, die beiden Instrumente selbst. Cat Power nutzte ihre Freiheit, um die Aussagen der Texte gestisch und mimisch zu verstärken. Das wirkte in den meisten Fällen durchaus passend. Egal ob das mehr als zwölfminütige „Desolation Row“ zur Mitte der ersten Konzerthälfte, dem neunten und letzten Song von Dylans sechstem Studioalbum „Highway 61 Revisited“ (1965) oder „Mr. Tambourine Man“ – Cat Power zeigte sich mit ihrer, wie damals bei Dylan, leicht rauen Stimme absolut sicher im Vortrag und zugleich emotional ausdrucksstark. Ihr teils seufzender Gesang ging jedenfalls zu Herzen und weckte hier und da das Bedürfnis, in das Wehklagen einzustimmen. Die Besucher hielten sich allerdings – gesanglich gesehen – großteils zurück.
Herausragend spielte die Band auch im zweiten Konzertteil, nun bestehend aus drei Gitarristen, einem Schlagzeuger, einem Pianisten und einem Organisten an der Hammond-Orgel. Anfangs schien Cat Powers Stimme bei dem sehr vollen Instrumentalklang etwas unterzugehen. Doch die Zweifel an ihrer Durchsetzungskraft verflogen schnell. Beim letzten Song „Like a Rolling Stone“, dem ersten Stück des Albums „Highway 61 Revisited“, überzeugte die Sängerin erneut. Schade, dass das Publikum auf ihre Einladung, den Refrain mitzusingen, nur sehr zögerlich einging. Dass der Funke dennoch übersprang, zeigten der lange anhaltende Applaus und die vielen Jubel-Rufe.