Architektur RHEINPFALZ Plus Artikel Viel Holz und gute Aussichten: Was es am Tag der Architektur am Wochenende zu sehen gibt

Einfach (um)bauen: Der Probsthof in Kindenheim.
Einfach (um)bauen: Der Probsthof in Kindenheim.

Früher Kuhstall, jetzt Apartment mit Kreuzgewölbe und Stauraum im Futtertrog: Der Probsthof in Kindenheim ist eines der Vorzeigeprojekte beim Tag der Architektur am Wochenende. Was es noch zu sehen gibt? Häuser mit Metallhaut, Pfälzer Reminiszenzen, zukünftige Architekturpreisträger und eine Wohnskulptur mit Schauseite.

Gutes Pflaster, Kindenheim. Am Ortseingang die Bauhaus-Architektur, die zum Weingut Kreutzenberger gehört. Der Probsthof, ein Zehnthof, im Urgrund aus dem 9. Jahrhundert, Sitz der Leininger Zehntherren einst, residiert ein paar Hundert Meter die Hauptstraße hoch.

Schaustück, die schnieke Gründerzeitvilla mit höhengestaffeltem Walmdach an der Straße, die Einfahrt mit Torbogen, das ganze Karree längst zum Kulturdenkmal erklärt. Seine Geschichte ein Auf und Ab, Menschen wie der Bankier Jakob de Campoing, der den Probsthof 1693 erwarb, haben sich eingeschrieben. Zwei nach und nach zerstrittene Männer haben eine Mauer zwischen sich gezogen. Das Gigant-Areal zieht sich bis zum Kinderbach. Kann gut sein, hier, im Probsthof, schlägt das heimliche Herz der vitalen 1000-Einwohner-Gemeinde.

Früher Scheune jetzt Wohnraum: Das Objekt von vorne.
Früher Scheune jetzt Wohnraum: Das Objekt von vorne.

Erst Ruine, jetzt Schmuckstück – wie das geht

Erst Ruine, jetzt Schmuckstück in Etappen. Siegfried Schmidt heißt der Besitzer, ein ehemaliger Siemensmanager, der unter anderem das China-Geschäft der Firma verantwortet hat. Seit 1973, als er ein Teil des Anwesens erwarb, ist er – wie nennt man das am besten – entfacht. Seit 2015 gehört ihm und seiner Frau Andrea Behrens-Schmidt das Ganze. Und jetzt ist wieder eine Wegmarke des von der Kreditanstalt für Wiederaufbau geförderten Millionen teuren Großvorhabens im Dorfkern geschafft.

EinKubus im Gewölbekeller. Blick in die Probsthofscheune.
EinKubus im Gewölbekeller. Blick in die Probsthofscheune.

Andrea Behrens-Schmidt hat beim Ortstermin ein T-Shirt mit Probsthofwappen an. Ein bisschen stolz auf sich sind die Schmidts schon auch. Und zurecht. Beim Tag der Architektur am Wochenende zählt die vorher leerstehende, nun sanierte und zum Wohngebäude für sieben Parteien und Effizienzhaus 70 umgewandelte Probsthof-Scheune zu den Exponaten, die das mehrdeutig lesbare Motto „Einfach (um)bauen“ geradezu idealiter erfüllen.

69 Projekte insgesamt hat die Fachjury der rheinland-pfälzischen Architektenkammer für ihre Vorzeigeveranstaltung ausgewählt, 26 davon aus der Pfalz, darunter aus Pirmasens ein Schulbau, der fein gereihte Erweiterungsbau des Weinguts Philipp Kuhn in Laumersheim ist wie der Umbau eines 1950er-Jahre-Hauses dort in der Endauswahl, genauso die Umnutzung des historischen Stellwerks in Lauterecken; ein ehemaliges Fabrikgebäude in Walsheim leuchtet urban und neu. Die Anlage mit Wohnateliers in den ehemaligen Pferdestallungen aus königlich-bayerischer Zeit in Landau, die sich im Wassergarten auf dem Landesgartenschaugelände spiegelt, ist augenscheinlich sogar zu so etwas wie dem Posterbau des Architekturtags auserkoren worden.

In Laumersheim: Umgebautes 50er-Jahre-Haus.
In Laumersheim: Umgebautes 50er-Jahre-Haus.

Zu den Neubauten gehört derweil das LPME Forschungsgebäude der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität in Kaiserslautern, kantig eingefügt in den ansteigenden Landschaftsraum, die Fassade glänzt metallisch im Sonnenlicht, noch ein Masterpiece von AV1 Architekten GmbH und asplan architekten, das demnächst bestimmt auf Architekturpreislisten zu finden sein wird.

An einem Steilhang von Altleiningen

Außerdem lugen zwei hippe, spitzgiebelige Atelier- und Ferienapartments von einen Altleininger Steilhang herunter in die Normalwelt, aufgeständert auf einem Betonskelett, Holzbauweise. Ein Typus, der jetzt geradezu grassiert. Dazu die Reminiszenzen wie in Kapsweyer, wo eine überaus kluge Anverwandlung des Pfälzer Hofhauses in einem zeitgenössischen dörflichen Mehrgenerationen-Architekten-Haus steht. Von mehreren Architekturen aus schweift der Blick in die Landschaft, besonders spektakulär ganz oben in Bobenheim am Berg.

Vorne Monolith, hinten Schaubühne: Einfamilienhaus in Bobenheim am Berg.
Vorne Monolith, hinten Schaubühne: Einfamilienhaus in Bobenheim am Berg.

Von der Straßenseite aus gibt sich das von Naturstein umhüllte Haus verschlossen, eine monolithische Skulptur, die in ihrer Formensprache ganz leicht an die Malerei der russischen Avantgarde erinnert, den Suprematismus. Das polyederförmige Dach steigt leicht an. Ein weißes, eingeschossiges Garagengebäude wirkt wie eingeschoben. Das Haus scheint unter Spannung zu stehen. Glasklar wie eine Schaubühne ist die Edelarchitektur dagegen zur Talseite und dem schlanken Infinitypool hin komplett geöffnet. Im Innern dominiert eine Galerieebene die Szenerie, ein weißer Boden ist verlegt, im Prinzip scheint alles weiß, rational, fugenlos, fast transzendent und von neusachlicher Kühle, die sich trotzdem nicht kalt anfühlt. Der Architekt, Frank Wolf von P4_Architekten, Frankenthal, ist übrigens derselbe, der auch die Kindenheimer Probsthofscheune umgebaut hat.

Freistil mit vorgeschriebener Putzfassadenfarbe

Freistil an der Haardt, im ehemaligen Zehnthof hat die untere Bauaufsichtsbehörde die untere Denkmalschutzbehörde beteiligt. Frank Wolf hatte bis auf die naturroten Biberschwanzziegeln, mit denen das Dach einzudecken gewesen ist, genaue Vorgaben einzuhalten. Selbst bei der Putz- und Fassadenfarbe hatte die Untere Denkmalschutzbehörde Mitspracherecht. So einfach wie das Architekturtagsmotto „Einfach (um)bauen“ suggeriert, war es also doch nicht.

Rückseite des Einfamilienhauses in Bobenheim am Berg.
Rückseite des Einfamilienhauses in Bobenheim am Berg.

Wie Besitzer Siegfried Schmitt erzählt, ist Wolfs Vorgänger an dem 2018 begonnenen Projekt gescheitert. Die Zentralidee des Frankenthaler Architekten indes war, ein reversibles Haus in die historische Hülle zu zirkeln – in Holzständerbauweise –, das einen Spalt lässt zu den Außenmauern, aus Feuchtigkeitsvermeidungsgründen. So konnte der liegende Dachstuhl und andere authentische Details wie die Deckenkappen erhalten bleiben.

Ein Treppenhaus mit Lift präsidiert das Zentrum. Durch unregelmäßige, schießschartige Öffnungen fällt Licht vom Himmel und den Wänden. Die sieben Wohneinheiten des Scheunenhauses, alle mit Loggien oder Terrasse, haben einen je eigenem Charakter. Sehr besonders aber ist der ehemalige Kuhstall mit Kreuzgewölbe, wo sich jetzt ein Ferienapartment befindet. Der ehemalige Trog ist dort – vom Hausherrn selbst so erdacht – ein Stauraum. Ein eingestellter Kubus funktioniert als Badezimmer, dessen gläserner Abschluss zur Decke hin wundersam unsichtbar wirkt. Aber auch hier fällt der Blick vor allem raus. Freie Sicht. Bei Glück mit dem Wetter, sagt Siegfried Schmidt, ließe sich von hier aus bis nach Heidelberg schauen. Trotzdem hat man das Gefühl, dass sein Lieblingsort und halber Stolz ausschließlich mit künstlichem Licht erhellt wird.

Urbaner Charme: Zur „Genussfabrik“ umgebautes Fabrikgebäude in Walsheim.
Urbaner Charme: Zur »Genussfabrik« umgebautes Fabrikgebäude in Walsheim.

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Die Wahrheit liegt im Technikraum

Im Technikraum jedenfalls kommt der Ex-Siemens-Boss Schmidt, der sein graues Haar zum kleinen Haarknoten gebändigt hat, bei der Erklärung der 17-kW-Wärmepumpe, der Photovoltaikanlage mit 16,2 Kilowatt-Peak und der dezentralen Wärmerückgewinnung mit 98-Prozent-Wirkgrad in den Wohnungen zu sich selbst. Ein weit gereister Enthusiast. Bei sich daheim im Probsthof sind die Erinnerungen versammelt. Ihr Herz aber haben er und seine Frau an ein Stück Pfälzer Geschichte gehängt.

„Sieben Mal“, erzählt Schmidt, sei das Anwesen schon zerstört worden. Beim Bauernaufstand verbrannt. Nach dem Pfälzischen Erbfolgekrieg ein Trümmerfeld. Die Schmidts dagegen bauen jetzt einfach alles wieder auf. Von der Ostseite her jedenfalls ist schon wieder einschlägiger Lärm zu hören.

Info

Der Tag der Architektur findet am 29. und 30. Juni statt. die Architekturen sind zu den angegeben Zeiten für Interessierte geöffnet. Alle Projekte finden Sie auf unserer Sonderseite. Infos im Internet auf: www.diearchitekten.org

Gute Aussichten: Wohnateliers über Altleiningen.
Gute Aussichten: Wohnateliers über Altleiningen.
Typisch Pfälzer Hofhaus: Mehrgenerationen-Projekt in Kapsweyher.
Typisch Pfälzer Hofhaus: Mehrgenerationen-Projekt in Kapsweyher.
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