Mode und Rechtsextremismus
Video killt Kaschmir-Pullover: Was das Sylter-Video wirklich bedeutet
Unbedingt zu den Verlierern des Dummdödel-Neo-Nazi-Videos aus dem „Pony“ in Kampen, gehören ja nicht nur Gigi D’Agostino und seine verunmöglichte Död-dö-dö-döp-Komposition „L’Amour Toujours“. Dem „lieben Silvester aus dem Ralph-Lauren-Team Sylt“ etwa wurde schließlich das „perfekte Outfit für Pfingsten“, na ja, zerschossen, das er sich immer noch nachschaubar herablässt, auf Instagram zu empfehlen. Und das geradezu schnöde dadurch, dass die sonnenbebrillten Grölboys und -girls dergleichen Anziehsachen bei ihrer Moët-&-Chandon-trunkenen Bio-Deutsch-Selbstfeier feiertags zur Gruselschau trugen.
Ja, vielleicht steht es nun sogar insgesamt schlecht um den Faltenrock, den er – seine Worte – „BWL-Maries“ empfiehlt. Den auf der Schulter über das blassrosa Streifenhemd drapierten „washable Kaschmir-Pullover“ für ihn, die Loafer für die Consultant-Friedrichs. Kann sogar sein, die greige Chino ist obsolet, „slim fit, gerader Schnitt, Buntfalte ist möglich“, die Hose einmal umgeschlagen, „um“, wie der liebe Silvester sagt, „real zu bleiben“. Denn im Geist kombiniert man jetzt really knallhart sogleich ein Hitlerbärtchen dazu. Heißt: Der Herrenmenschenausstatter Silvester hat, wenn es mit rechten (sic) Dingen zugeht, sein Sortiment und eigenes Outfit zu überdenken.
Mitleid geht deshalb auch raus für die allerorten Sylt-haft aufgehübschten Buntfalten-Boomer, die kleidermäßig in ihrer Achtzigerjahre-Jugend arretiert sind, hochgekrempelte Hose und Ray-Ban-Sonnenbrille inklusive. Ja, für die indigene Bevölkerung der Kleinstadtteuren Ferienhäuser in Kampen und Keitum, denen irgendwelche Möchtegerns das Rolex-Tragen vermiest haben. Andererseits: Es ist eine späte Rache des sozialneidischen Mittelstands, Kaschmir-Karma, wenn man so will.
Irrläufer im „Faserland“
Denn Sylt ist heiß geliebt und viel gehasst. Die Quote der deutschen Touristen schwankt zwischen 97 und 98 Prozent. Dabei sind nicht alle Stammgäste im „Söl’ring Hof“ in Rantum. „Betonsilos am Meer, geballte Hässlichkeit“, so beschrieb schon Rhetorikprofessor Walter Jens selig, als „misslungenen Mischung aus St. Pauli und Baden-Baden“. Für die pfingstliche „Pony“-Spaß-Jeunesse-dorée ist derweil eine andere Klientel stilprägend, als die in der Friedrichstraße in Westerland versammelte, Gore-Tex-bewehrte Bodenständigkeit.
Vielmehr die Art, die Christian Kracht in seinem 1995 erschienenem Epochenroman „Faserland“ seziert – in dem übrigens ein gewisser Boy Larsen beim Pinkeln im Dünenuntergrund den verloren gegangenen „Blut-und-Ehre-Dolch“ von Ober-Nazi Hermann Göring findet. Jungschnösel also, die in der gewachsten schlammgrünen Barbourjacke den mit altem Geld erworbenen türkisfarbenen Oldtimer-Porsche mit Champagner vom Lister Flugsand befreien. Fraglich allerdings, ob dergleichen Dekadenz im Budget einer Social-Media-Sternchen-Assistentin liegt, eines kündbaren Werbeagenturangestellten, der ehemaligen Presse-Expertin eines Unternehmens, das Hundebetten und Hundepflegeprodukte produziert. Was augenscheinlich halt so macht, beruflich, wer zur „Pony“-Partygesellschaft und angeblichen Sylter Elite gehört. Blöd nur ist die durch notwendige Erwerbsarbeit entstehende Liquiditätslücke vor allem dann, wenn einem die von der Masse abgehobenen Entgrenzungen, die man sich statt Porschewaschen leistet, noch teurer zu stehen kommen. Wenn Shitstorms wüten. Entlassungen anstehen. Und sogar Kanzler Scholz angeekelt ist. Um jetzt mal vom Schaden für den washable Kaschmir-Pulli einmal ganz zu schweigen.