Kunstmarkt Verrückt? Ach was! Sotheby’s will über eine Million Dollar für eine festgeklebte Banane

Kein Witz! Cattelans „Comedian“ versteht sich als Kommentar.
Kein Witz! Cattelans »Comedian« versteht sich als Kommentar.

Es ist doch mal ein gefundenes Fressen für alle verhinderten Das-kann-ich-auch-Autodidakten – im Wortsinn sogar. Und so sehr, dass insbesondere kunstbegabte Affen sich bei der Reproduktion von Maurizio Cattelans Werk in Instinktüberwindung üben müssten wie Inhaber des in solchen Zusammenhängen satt auftretenden gesunden Menschenverstands bei dessen Interpretation. Am Mittwoch jedenfalls kommt bei Sotheby’s das auf den ersten Blick komplett banane Werk des 64-jährigen Kunst-Eulenspiegels unter den dieses Mal nur symbolisch zu verstehenden Hammer.

Er nennt es „Comedian“, Komiker. Wir haben sehr gelacht. Andere finden es nicht lustig. Der Materialpreis beträgt vielleicht zwei Euro, im Fall von Bio. Als Schätzpreis aber für das im Hammer-und-Sichel-Winkel mit Gaffaklebeband (50 Meter, 5,47 Euro) an die Wand getapte Obst der Gattung Musaceae, sind eine Million, vielleicht 1,5 Millionen Dollar, aufgerufen, plus Aufschlag, fair trade. Dabei kann die Arbeit, deren Hauptbestandteil sich alle paar Tage – von der Vergänglichkeit erzählend – prozesshaft braunfleckig verfärbt und ersetzt werden muss, aus dem Fundus einer jährlichen Erntemenge von 135 Millionen Tonnen schöpfen. Sie selbst existiert – knappe Güter sind teuer – in einer Auflage von drei.

Der Narr des Betriebs

Eines davon hängt im New Yorker Museum Solomon R. Guggenheim, wo der 64-jährige gebürtige Italiener Cattelan anlässlich seiner großen Retrospektive dort versprach, mit der Kunst aufzuhören – und das Versprechen natürlich brach. Der Opa terrible des Kunstbetriebs narrt die Szene mit seinen geschmacksgrenzgängerischen Einfällen seit Jahrzehnten.

Kunst-Eulenspiegel aus Padua: Maurizio Cattelan.
Kunst-Eulenspiegel aus Padua: Maurizio Cattelan.

Fünf Werke, die vielleicht in kunstinteressierten Augenwinkeln schon einmal aufgetaucht sind: Sein zwergenhafter, bußfertig kniender Hitler. Die von einem Meteoriten auf den roten Teppich niedergestreckte Papst-Johannes-II.-Figur, die flehend ein waagrecht abstehendes Kreuz in den Händen hält. Das präparierte Pferd, das mit dem Kopf in der Wand hängt. Der leibhaftig eingegrabene Fakir auf der Biennale in Venedig.

Wer wird den gleich den Kopf in die Wand stecken? Werk von Cattelan.
Wer wird den gleich den Kopf in die Wand stecken? Werk von Cattelan.

Auch Gaffatape kam schon einmal zum Einsatz, 1999, um seinen Mailänder Galeristen Massimo De Carlo leibhaftig als Wandsubjekt zu fixieren. „Ein perfekter Tag“ lautete der Titel. Den wohl größten Diskurs-Coup aber hat Cattelan mit seiner beißend parodistischen Banane gelandet. Das Obst-Objekt ist sicher eines der berühmtesten Kunstwerke des 21. Jahrhunderts seit es bei der Kunstmesse Art Basel Miami 2019 in der Koje der Pariser Galerie Perrotin hing – und zwei Mal für je 120.000 Dollar verkauft wurde. Einer der Käufer (eine der Käuferinnen) profitiert jetzt also im Eventualfall der Ersteigerung von einer beeindruckenden Mehrwertschöpfung. Gutes Auge, was lässt sich anderes sagen?!

Traditionslinie „Merda d’artista“

Der Künstler selbst meint: „Für mich ist ,Comedian’ kein Witz, sondern ein ehrlicher Kommentar und eine Reflexion darüber, was wir wertschätzen.“ Die banale Banane reiht sich problemlos in eine disruptive Kunstgeschichte der systemsprengend erhellenden Tabubrüche ein. Von Duchamps Kopf stehenden Urinal aus dem Jahr 1917, der Entdeckung des alles verändernden Ready mades. Den 90 Dosen „Merda d’artista“, Künstlerscheiße, pardon, die Cattelans Landsmann und Seelenverwandter Piero Manzoni zusammen mit einer Dose, gefüllt mit 18-karätigem Gold verkaufte. Der „Capri“-Batterie mit Zitrone von Joseph Beuys. Den Bonbons zum Mitnehmen, die Felix Gonzales-Torres im Museum aufschichten ließ – als Sinnbild einer Verlusterfahrung. Dem in Formaldehyd treibenden Hai des englischen Marketinggenies Damien Hirst. Den Performances von Tino Seghal, zu denen es keine Unterlagen gibt, keine schriftliche Anweisung, kein Vertrag, keine fotografische Überlieferung. Ihre Dramaturgie wird mündlich überliefert.

Vergleichsgröße Banksy: Kunsthändler halten sein Werk „Love Is In The Bin“, das sich bei einer Auktion 2018 selbst schredderte.
Vergleichsgröße Banksy: Kunsthändler halten sein Werk »Love Is In The Bin«, das sich bei einer Auktion 2018 selbst schredderte.

Wie Banksy, nur anders

Zuguterletzt fällt einem vielleicht noch der bekannteste Unbekannte der Gegenwartskunst ein. Mit Graffitikünstler Banksy und dessen Live-Stunt hatte Sotheby’s einen vergleichbaren Aufmerksamkeitserfolg. Das Bild „Girl with a Balloon“ schredderte sich bei einer Auktion im Oktober 2018 bis zur Hälfte selbst, kurz nachdem es jemand für 1,2 Millionen Pfund ersteigert hatte. Drei Jahre später, jetzt in „Love is in the Bin“ umbenannt, übersetzt: Die Liebe ist im Eimer, erlöste es mit 18,5 Millionen Pfund schon das Dreizehnfache.

Zumindest ähnliche Wertsteigungsverfahren sind am Mittwoch bei Cattelan nicht zu erwarten. Was soll auch passieren: Dass jemand die Banane isst, die an der Wand hängt? Wird halt eine neue festgeklebt. Es wäre noch nicht einmal originell. Noch so eine sich selbst ermächtigende Kann-ich-auch-Performance, die zusätzlich daran krankt, dass sie schon zwei Mal aufgeführt wurde. Einmal 2019 am Messestand der Art Basel Miami. Und 2023 von einem Studenten aus Seoul, als die „Komiker“-Banane im dortigen Leeum Museum hing. Aber jetzt das finale Kunstrecycling noch einmal zu vollführen, einfach lächerlich.

Cattelans 18-karätige goldene Toilette „America“ wurde 2016/2017 im Solomon R. Guggenheim Museum ausgestellt .
Cattelans 18-karätige goldene Toilette »America« wurde 2016/2017 im Solomon R. Guggenheim Museum ausgestellt .
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