Gimmeldingen / Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Verlustsache Rossi: Wie ein Bild aus dem Museumsbestand wieder auftauchte

Endlich wieder da: Christina Hardt und Hack-Museumsdirektor René Zechlin mit Gustav Rossis „Explosion“.
Endlich wieder da: Christina Hardt und Hack-Museumsdirektor René Zechlin mit Gustav Rossis »Explosion«.

Seit Jahren hat Christina Hardt nach dem Hauptwerk ihres Gimmeldinger Künstler-Großvaters Gustav Rossi gefahndet. Einst hat sie es selbst ins Ludwigshafener Hack-Museum gebracht, zu dessen Bestand es seither gehört. Aber dort wusste niemand, wo es ist. Die RHEINPFALZ berichtete. Jetzt ist das Bild wieder aufgetaucht.

Das giftig hellorangerot glühende, Entsetzen schreiende Bild, das Christina Hardt fast 20 Jahre gesucht hat, lehnt im Vortragsareal des Ludwigshafener Hack-Museums auf einem Rollwagen. Ein Triptychon, ein dreigeteiltes Gemälde, wie man es oft über Altären findet. Nur, dass Gustav Rossis künstlerisches Zeitdokument „Explosion“ ein tosendes Höllenszenario illustriert.

Die Begrüßung von Direktor René Zechlin fällt kurz und herzlich aus. In seinem Haus läuft gerade die Ausstellung „Deltabeben“. Wie von Schnur gezogen läuft Christina Hardt dann auf das lange verschollene Bild aus dem Museumsbesitz zu, auf dem Rauchschwaden über einer ruinierten Endzeitindustrielandschaft wabern und versprengte nackte Männerkörper sich in einer Feuersbrunst winden. Dann hält sie wieder inne und schaut. Ungläubig fast. Es ist das zweite Mal, dass sie das zu ihrer Herzensangelegenheit gewordene Gemälde in ihrem Leben sieht. Ihr Großvater Gustav Rossi hat das aufgewühlte Entsetzensbild 1922 aus eigenem Erleben gemalt.

Das Bild eines Überlebenden

Er ist ein Überlebender des Unglücks im BASF-Werks am 21. September 1921 in Ludwigshafen gewesen. 561 Menschen starben. Rossi kam nur mit Glück davon. Geschützt von einem umgestürzten Schreibtisch. Eine Narbe auf der linken Wange trug der im Brotberuf Zink- und Steindrucker der BASF-Werksdruckerei damals davon. Der Schlag, den es tat, sei in Gimmeldingen zu hören gewesen, habe ihr ihre Großmutter erzählt, sagt Christina Hardt, die mit dem Hauptwerk ihres Opas viel verbindet. Nicht zuletzt, weil ihre Mutter, schon todkrank, es so gerne noch einmal angesehen hätte, bevor sie 2007 starb.

Gott grüßt die Kunst: Zink- und Steindrucker Gustav Rossi bei seiner Passion.
Gott grüßt die Kunst: Zink- und Steindrucker Gustav Rossi bei seiner Passion.

Seit damals fahndete die resolute Kandeler Energieberaterin Hardt nach dem Vermächtnis, das eigentlich zumindest im Depot des Museums hängen sollte. Sie zieht die Jacke aus. Als Kind hat sie das Geschenk des Ludwigshafener Unternehmers Kurt Raschig, der das Bild gekauft hatte, schließlich mit ihrem Vater zusammen gut verpackt bei den neuen Besitzern abgeben. Auf Nimmerwiedersehen, wie sich dann herausstellte. Nicht mehr auffindbar, wurde ihr auf immer neue Anfragen beschieden, was Christina Hardt beim Besuch des RHEINPFALZ-Kulturreporters voriges Jahr „unfassbar“ nannte.

Damals saß sie kopfschüttelnd über ausgebreiteten Papieren, einen dicken Ordner neben sich auf dem Wohnzimmertisch. Darin Zeitungsartikel, Korrespondenz, der Pass von Gustav Rossi, der als seinen Geburtsort Speyer ausweist. Datum: 15. Februar 1898. An ihren Großvater erinnert Christina Hardt sich als einen so strengen wie lustigen Menschen, einen geselligen Ordensmann der Weinbruderschaft, einen Pfalzenthusiasten und Kleinstwinzer, bei dem die Kunstgesellschaft ein und ausging, wovon zahlreiche Gästebücher zeugen. Jetzt studiert sie die Rückseite des Gemäldes, ob ihr Opa irgendetwas Handschriftliches hinterlassen hat.

Im Haus der Kunst

Gustav Rossi ist nicht irgendwer. 1949 hat er zusammen mit Karl Graf im Münchner Haus der Kunst ausgestellt. Sein 1957 entstandenes Gruppenbild „Ordenskapitel“ hängt immer noch prominent im Ordenshaus der Neustadter Weinbruderschaft. Und auch nach seinem Tod 1976 folgten einige Schauen seiner Arbeiten etwa im Mußbacher Herrenhof.

2007 hat der Verein Gimmeldinger Künstlernetz eine Monografie über ihn herausgebracht. Band zwei einer Reihe, der erste ist dem Kunstmaler Peter Koch (1874 bis 1956) gewidmet, der so etwas wie Rossis Lehrer und Mentor war. Der damalige Generaldirektor der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Thomas Metz, hat ein Vorwort geschrieben. Viele Arbeiten des passionierten Autodidakten Rossi sind darin abgebildet. Schnitzereien, Ansichten von Gimmeldingen sommers wie winters, Auszüge aus einem teils auf Butterbrotpapier gezeichneten Kriegstagebuch. 2000 Arbeiten insgesamt, schätzt Christina Hardt, hat er hinterlassen. Im eiskalten Winter 1941, erzählt sie nun aus dem Familiengeschichtenfundus, habe ihr Großvater das Aquarell einer schneeverwehten Gasse in Gimmeldingen unter Verwendung von Alkohol statt Wasser gemalt. Sie kennt sich bestens aus. Nur wo die autobiografische „Explosion“ war, wusste bis jetzt auch sie nicht. Ein elegischer kleiner Kunstkrimi ist die lange vor sich hin dümpelnde Suche schon geworden.

Weinlese an der Gimmeldinger Straße, 1929 (links Weingutsbesitzer Daniel Hauck und Pfarrer Ernst Bilfinger spazieren nach Neusta
Weinlese an der Gimmeldinger Straße, 1929 (links Weingutsbesitzer Daniel Hauck und Pfarrer Ernst Bilfinger spazieren nach Neustadt).

Hack-Museumsdirektor René Zechlin erinnert sich, dass er in den Anfangsjahren seiner 2014 begonnenen Amtszeit dem Rossi-Bild vergeblich hinterherrecherchiert habe. Mehr als die vage Spur, dass das Bild in den 1980er- oder 1990er-Jahren in einem städtischen Gebäude der Feuerwehr gesehen worden sei, hat sich dabei nicht ergeben. Das heißt, bis vergangenes Jahr der RHEINPFALZ-Artikel über den Rossi-Fall erschien.

Prinzip Hoffnung

Christina Hardt sagt jetzt im Museum, sie habe daraufhin alle Feuerwachen in Ludwigshafen persönlich angeschrieben. Bis auf die BASF-Werksfeuerwehr ohne Antwort. Zechlin erzählt, wie dann ein aufmerksam gewordener Mitarbeiter – und Leser – im Ludwigshafener Bloch-Zentrum in der Walzmühle fündig geworden sei. Im Keller, wo das Stadtmuseum Ludwigshafen während des Umbaus Sachen aufbewahrt. Der Rest ist ein kleiner Dienstweg zwischen den Städtischen Einrichtungen gewesen. Die Verlustsache selbst vielleicht ein Beweis, dass Blochs „Prinzip Hoffnung“ doch funktioniert. Christina Hardt jedenfalls hofft, dass sie nicht mehr so lange warten muss, bis sie das vermisste Gemälde ihres Großvaters wiedersieht.

Wie René Zechlin sagt, ist das Gemälde jetzt digital inventarisiert. Er meint sogar, es könne gut sein, dass es das Stadtmuseum demnächst im historischen Kontext des BASF-Unglücks ausstellt. Christina Hardt würde es bestimmt als späte Genugtuung empfinden. Sie sieht zufrieden aus, als sie das Haus verlässt.

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