Elsass
Vergessen in der Anstalt: Opfer der NS-Psychiatrie
Auf dem Porträt aus seiner Patientenakte legt Alphonse/Alfons Glanzmann die hohe Stirn in Falten. Die Mundwinkel unterstreichen den skeptischen Zug. Mag er es nicht, fotografiert zu werden? Jackett und Hemd wirken verblichen und abgewetzt. Wäre die Kleidung nicht so ärmlich, Glanzmann, der sich als Fabrikarbeiter verdingte, könnte auch so viel anderes gewesen sein.
Glanzmanns Schicksal jedoch führte in die Psychiatrie. „Er war früh alkoholabhängig, seine Frau verließ ihn, er litt unter Verfolgungsideen“, sagt Lea Münch. „Aus den Patientenakten geht hervor, dass er eigentlich immer ein Messer bei sich hatte.“ Glanzmanns Lebensgeschichte als Psychiatriepatient im Elsass in der Zeit der nationalsozialistischen Annexion ist eine von fünf Biografien, die die deutsche Medizinhistorikerin Münch in ihrer vor Kurzem vorgelegten Dissertation an der Universität Straßburg rekonstruiert und dargestellt hat.
Tatort Reichsuniversität
Lea Münch wurde zuvor schon 2018 im Fach Medizin an der Berliner Charité promoviert – über Kinderheilkunde nach 1945. Die vertiefte Auseinandersetzung mit dem zweiten, diesmal historischen Thema wäre allerdings ohne ihre Expertise als Medizinerin wohl so nicht möglich gewesen.
Zusammen mit einer Gruppe renommierter Experten für die NS-Zeit hat sie die Geschichte der Medizinischen Fakultät an der Reichsuniversität Straßburg aufgearbeitet. 2022 legte die Kommission ihren Abschlussbericht vor. Neben vielen anderen Kapiteln beleuchtete er erstmals die Verstrickung der Fakultät in die Pläne des Straßburger Anatomieprofessors August Hirt für eine Sammlung jüdischer Skelette. Aus Lea Münchs Beitrag zu dieser kolossalen Arbeit, für die sie weit mehr als 3000 Patientenakten gesichtet und ausgewertet hat, ist ihre „Innenansicht der Psychiatrie im Elsass zur Zeit des Nationalsozialismus“ entstanden.
Die Stigmatisierten
Ihre Promotion, das sind fünf aus den Bruchstücken zahlreicher Quellen zu einem detailreichen Mosaik zusammengefügte Krankengeschichten, die in ihrer Konkretheit oft sprachlos machen. Weil das, was den als psychisch krank von der Gesellschaft Abgeschobenen, Ausgegrenzten, von der nationalsozialistischen Medizin zudem als „unwert“ Stigmatisierten angetan wurde, so am einzelnen Fall nachvollzogen werden kann.
Die Biografien der fünf Opfer stünden für sich selbst, sagt Lea Münch, 1990 geboren und in der Nähe von Cochem in Rheinland-Pfalz aufgewachsen. Doch mit den dargestellten Lebenswegen zeichnet Münch auch nach, wie das System, in dem die Kranken untergebracht wurden, funktionierte. Mit System gemeint sind einmal die psychiatrische Universitätsklinik in Straßburg, in der etwa die Opernsängerin Luise Reuss eineinhalb Jahre gegen eine manische Depression mit Elektroschocks behandelt wurde, und die beiden im ländlichen Elsass gelegenen Anstalten von Hœrdt und Stephansfeld.
Therapie mit Elektroschocks
Die 1911 geborene Luise Reuss überstand die von ihr als gewaltvoll empfundene Therapie und lebte bis 2000. In der Zeit der Annexion jedoch fürchtete sie, dass sie an derselben unheilbaren Krankheit wie ihre Mutter litt, die wiederum bei einer nationalsozialistischen Tötungsaktion von psychisch Kranken ermordet worden war. Lea Münch rekonstruierte diesen Zusammenhang aus dem Briefwechsel von Luise Reuss’ Vater mit dem behandelnden Psychiater August Bostroem, der versuchte, die Euthanasie-Politik des NS-Regimes zu unterlaufen.
Bei Natascha Smoljarowa, einer weiteren Porträtierten, handelt es sich um eine ins Elsass verschleppte ukrainische Zwangsarbeiterin. Sie wird nach einem Selbstmordversuch in die psychiatrische Anstalt Stephansfeld eingeliefert, wo man Patienten und Patientinnen mit chronischem Krankheitsverlauf verwahrt. Für die verschlossene, sich auch aufgrund der Sprachbarriere abkapselnde Patientin änderte sich nach der Befreiung des Elsass bis zu ihrem Tod Anfang der 1950er-Jahre kaum etwas, sagt Lea Münch: „Sie wurde nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Anstalt schlicht vergessen.“ In ihrem Fall wurden Münchs weitere Recherchen erschwert, weil ihr Geburtsort heute im ukrainischen Kriegsgebiet liegt.
Auf der Flucht erschossen
Der in Denzlingen geborene Gärtner Gottlieb Bauer war schon als junger Mensch durch Kleinkriminalität aufgefallen. Er sei als leicht geistig beeinträchtigt eingestuft worden, sagt Lea Münch. Aus seinen Unterlagen gehe jedoch hervor, dass er sich nicht krank gefühlt hat. 1934 wurde er zwangssterilisiert: Bereits im Juli 1933 hatten die Nationalsozialisten ein „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verabschiedet. Nach mehrfacher Straffälligkeit überstellt man Bauer zur „Sicherungsverwahrung“ in die Heil– und Pflegeanstalt Emmendingen, später ins elsässische Hœrdt, wo er wie viele andere Kranke auch Zwangsarbeit verrichteten muss. Mit zunehmender Überfüllung der Anstalt beschließt die Leitung, ihn und andere „Berufsverbrecher“ in das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof zu bringen. Erschossen wird Bauer angeblich auf der Flucht im Dezember 1944 in Leonberg bei Stuttgart, wo ein Nebenlager von Natzweiler-Struthof besteht: Bauers letzte Station.
Auch Mina Schabinger, eine Hausangestellte, die ursprünglich aus dem badischen Bretten stammte, musste eine Zwangssterilisation erdulden. 1933 hatte sie mit Anfang 20 mittellos eine Tochter zur Welt gebracht. Ihre Diagnose lautete Schizophrenie; Schabinger wurde entmündigt und von ihrer Tochter getrennt.
Nach einem Jahrzehnt Unterbringung in den badischen Anstalten Illenau (Achern) und Wiesloch wurde sie im Herbst 1942 nach Stephansfeld, für die letzten Monate ihres Lebens schließlich nach Hœrdt verlegt. Unterdessen verlangten Mina Schabingers Angehörige immer wieder ihre Entlassung und wollten sie zu Hause betreuen. Stattdessen wurden sie als schwachsinnig herabgewürdigt.
Mina Schabingers Schicksal ist auch ein Beispiel dafür, wie der nationalsozialistische Staat den Tod psychisch Kranker in Kauf nahm, unabhängig von den geplanten, zentralisierten Euthanasiemorden. Denn die Versorgungsengpässe in den Anstalten für psychisch Kranke hatten sich infolge einer konsequenten Sparpolitik seit den 1930ern zugespitzt.
Nach den Verlegungen aus den überfüllten badischen Einrichtungen ins Elsass machten sich Versorgungsprobleme – schlechte Pflege wegen zu wenig Personal und Mangelernährung – mit Verzögerung auch hier bemerkbar. So starb in Hœrdt 1944 jeder vierte Patient, ohne dass in den Anstaltsakten eine plausible Begründung zu finden wäre. Aus Sicht von Lea Münch „liegt nahe, dass die Häufung von Todesfällen eine akzeptierte Nebenfolge der Vernachlässigung war“.
Das Trauma von Hadamar
Mina Schabinger verlor nach ihrer Überstellung ins Elsass schnell mehrere Kilo Gewicht. Vor ihrem Tod war sie im Sommer an einer Lungenentzündung erkrankt. Aus medizinischer Sicht, sagt Lea Münch, könnte eine Behandlung mit Barbituraten die Ursache für die Lungenentzündung gewesen sein.
Fünfmal bisher unerzählte Lebenswege: Lea Münch hat das Versäumnis nachgeholt. Manche Geschichte ist aber noch längst nicht zu Ende erzählt. In Denzlingen, wo Gottlieb Bauer herstammte, steht Münch noch immer mit der Gemeinde in Kontakt und unterstützt sie bei ihrem Plan, einen Stolperstein anzubringen, der mit Namen und Geburtsdatum an Bauer erinnert. Es sind solche Gesten, die Schicksale ein Stückweit zurückholen aus dem Fremdsein, aus dem Abseits, in das sie gedrängt wurden.
Wie fremd muss sich Alphonse/Alfons Glanzmann gefühlt haben, als er nach Kriegsende aus dem hessischen Hadamar zurückgekehrt war, aus einer der Tötungsanstalten des NS-Regimes für Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung und für psychisch Kranke. Glanzmann gehörte im Januar 1944 zu den 100 Patienten des einzigen Euthanasie-Transports aus dem Elsass. Wie ihm Flucht und Rückweg im Chaos nach Kriegsende, zudem über eine Besatzungszonengrenze hinweg, ohne fremde Hilfe gelungen ist, sei erstaunlich, sagt Lea Münch.
Doch um welchen Preis! Als der Mann mit dem zerknitterten Jackett auf dem verblichenen Foto bei seiner Familie im elsässischen Lutterbach vor der Tür steht, begleiten ihn nicht nur seine alten Dämonen. Ein Jahr später wird er in Rouffach in die Psychiatrie eingeliefert. Was ihm in Hadamar widerfahren ist, erfährt wahrscheinlich nur der für ihn zuständige Psychiater. Erst Lea Münch, die dessen Aktennotizen gelesen hat, enthüllt den noch lebenden Großnichten das Trauma des Onkels: In Hadamar wurde Glanzmann gezwungen, die Ermordeten in den Leichenkeller zu schaffen. In wenigen Sätzen taucht dieses Grauen des Überlebenden auf. Ohne Emotionen, distanziert, habe dieser das Erfahrene geschildert, heißt es in der Akte.
Wie der Psychiater mit den Erlebnissen seines Patienten umgeht, bleibt für Münch ein „hilfloser Versuch, das Unvorstellbare zu assimilieren“. Glanzmann stirbt 1970, ausgeblendet von der Welt, in der Anstalt von Rouffach.