Interview
Nick Rhodes von Duran Duran vor dem Deutschland-Konzert
Die britische New-Wave-Band Duran Duran spielt am 26. Juni in Stuttgart ihr einziges diesjähriges Deutschlandkonzert. Olaf Neumann sprach darüber mit Keyboarder Nick Rhodes. Dieser ist nicht nur der musikalische Kopf der Band, sondern auch einziges konstantes Mitglied seit 1978. Ein Gespräch darüber, wie Punk für ihn alles veränderte und wie Duran Duran, Lady Di und Prince Charles beinahe einem Attentat zum Opfer fielen.
Welche Beziehung haben Sie zu Deutschland?
Ich bin ein großer Fan der deutschen Kultur, insbesondere der Kunst, der Architektur, der Fotografie, der tollen Museen und der schönen Städte. Ich erinnere mich sehr gut an unsere erste Zeit in Deutschland. Wir haben auf einem Armeestützpunkt gespielt. Ich glaube, es war in Wiesbaden. Ich erinnere mich auch daran, wie wir zum ersten Mal nach Berlin kamen. Ich ging nach Ost-Berlin, was eine seltsamste Erfahrung war. Aber ich bin froh, dass ich es getan habe.
In Deutschland gibt es eine reiche Geschichte des Synthie-Pop. Berufen Sie sich auf Pioniere wie Kraftwerk?
Sehr sogar. Kraftwerk waren absolute Pioniere mit all diesen Alben. Und sie bleiben spektakulär. Ich habe sie live erlebt, als ich jung war. Als sie vor einigen Jahren nach London kamen, spielten sie eine Woche lang in der Tate Modern, und ich habe drei dieser Shows gesehen. Einfach cool! Auch die deutschen Bands Neu! und Can waren etwas ganz Besonderes.
Sie waren 16, als Sie die Schule verließen und Duran Duran gründeten. Bis heute haben Sie 100 Millionen Tonträger verkauft. Hatten Sie von Anfang an eine Vision für die Band?
Als John Taylor und ich die Band gründeten, hatten wir eine Art Manifest. Wir waren ehrgeizige junge Leute. Unsere Entschlossenheit und Hartnäckigkeit haben sich wirklich ausgezahlt. Wenn man in irgendetwas erfolgreich sein will, muss man hart arbeiten. Man muss es wirklich wollen, um es gut zu machen. Wir liebten es, in Birmingham aufzuwachsen, aber Junge, wir wollten auch raus aus der Stadt! Wir wollten die Welt sehen, Europa, Deutschland, Holland, Belgien, Frankreich, Italien. Wir wollten Amerika sehen, New York. Wir wollten auch Tokio sehen. In einer Band zu sein, war eine großartige Möglichkeit, diese Dinge zu tun.
Birmingham ist Zentrum der britischen Metallverarbeitung und hatte lange ein ziemlich düsteres Image. Was hatte Birmingham mit Ihrer eher optimistischen und aufmunternden Musik zu tun?
In Birmingham war alles industriell und grau. Aber die Menschen dort sind unglaublich freundlich, bodenständig und fleißig. Anstatt darüber zu schreiben, wie miserabel das graue Leben war und wie teuflisch die politische Situation in Großbritannien zu dieser Zeit war, beschlossen wir, den umgekehrten Weg zu gehen und zu sagen: Es muss da draußen etwas geben, das man erleben kann. Es gibt eine hellere Welt. Es gibt Dinge, die optimistischer sind. Auch als Menschen versuchen wir bis heute, in dieser Welt optimistisch zu bleiben.
Aus Birmingham stammen auch The Moody Blues, das Electric Light Orchestra, Phil Lynott, Steve Winwood, Dexies Midnight Runners, Judas Priest und Black Sabbath. Gibt es einen Birmingham-Sound?
Ich denke, das ist Heavy Rock aus den späten Siebzigern, frühen Achtzigern. Black Sabbath stammen sogar aus den späten Sechzigern, nicht wahr? Und einige Mitglieder von Led Zeppelin sind auch aus dieser Gegend. Als wir in Birmingham als junge Band im Studio waren, arbeiteten links von uns UB40 und rechts nahmen Dexy's Midnight Runners auf. Alle drei Bands hatten irgendwann in ihrer Karriere einen Nummer-eins-Hit. Ich glaube, wenn wir aus London gekommen wären, hätten wir das Musikmachen nicht so gut gelernt. In Birmingham hatten wir Platz. Wir waren die Underdogs. Wir hatten es dort geschafft, uns als Band zu entwickeln, bevor wir uns an Plattenfirmen gewandt haben.
Sie waren die Lieblingsband von Lady Diana. War die Prinzessin sehr musikalisch?
Ich glaube, sie liebte Musik. Sie war in unserem Alter, als wir eine der neueren Bands in England waren. Einmal haben wir sogar ein Konzert für sie und Prinz Charles gegeben, also für seine Stiftung. Wir haben die beiden ein paar Mal getroffen. Diana war immer sehr charmant und natürlich wunderschön. Sie hat auch einige sehr nette Dinge über uns in den Medien gesagt, was sehr schön war.
Bei dem erwähnten Benefiz-Konzert im Juli 1983 hätte es beinahe einen terroristischen Anschlag auf Prinzessin Diana und Prinz Charles gegeben - mithin auch auf Duran Duran. Wie sind Sie damit umgegangen?
Natürlich wussten wir in dem Moment nichts davon, aber etwa ein Jahrzehnt später gab es einen Zeitungsbericht. Ich glaube, es war die „Sunday Times“, die darüber schrieb, dass es einen Plan (von der IRA. Die Red.) gab, einen Sprengsatz unter der königlichen Loge anzubringen, in der sie in jener Nacht saßen. Zum Glück wurde der Anschlag vereitelt, aber es war schon eine düstere Zeit.
Zeitsprung: 2023 erschien Ihre bisher letzte Platte „Danse Macabre“. Niemand hätte „Paint It Black“ auf einem Duran-Duran-Album erwartet. Wie haben Sie es geschafft, dass das Stück für Sie funktioniert?
Nun, es ist einfach ein großartiger Song. Wir hätten jeden der frühen Rolling Stones-Titel nehmen können. Aber diese Nummer passte einfach zum Albumthema Halloween. Wir mussten sie nur ein bisschen umgestalten, damit sie sich anders anfühlt. Das Original ist fantastisch. Es hatte also keinen Sinn, einfach eine Kopie zu machen, in der Simon singt.
Peter Rudge, in den 1970er-Jahren Manager der Rolling Stones, arbeitete ab 1988 für Duran Duran. Hat er Sie auf die gleiche Weise gemanagt wie die Stones?
Das glaube ich nicht. Wir sind ganz anders als die Rolling Stones. Natürlich habe ich die meisten von ihnen irgendwann einmal getroffen und kenne ein paar von ihnen ziemlich gut. Sie sind ganz, ganz andere Leute als Duran Duran. Aber Peter Rudge hatte eine bemerkenswerte Vergangenheit als Manager, er war auch eine Zeit lang für The Who tätig. Er kam mit Keith Richards und Mick Jagger und mit Keith Moon und Pete Townsend zurecht. Er war also durchaus in der Lage, auch mit uns umzugehen.
Was bedeuten Ihnen persönlich die Rolling Stones?
Die Rolling Stones sind eine der größten Rockbands aller Zeiten, keine Frage. Aber in meiner Jugend drehte sich alles um David Bowie und Roxy Music und andere Acts aus den 70ern. Meine Eltern haben sich die Beatles sehr oft angehört. Also habe ich sie auch geliebt. Als ich älter wurde, war „Some Girls“ das erste Rolling-Stones-Album, mit dem ich mich wirklich identifizieren konnte. Auf dieser Platte hatten sie Disco genommen und eine Rockversion davon gemacht, was ich sehr clever fand.
Von Siouxsie and the Banshees haben Sie den 80er-Jahre-Klassiker Song „Spellbound“. Die Band entstammt ja der harten Londoner Punk-Szene um die Sex Pistols. Waren Sie als Teenager Punk?
Ich liebte Punkmusik und habe Siouxsie and the Banshees sehr oft live gesehen, ja. Zum Beispiel in einem Club namens Rebecca’s, das war ein winziger Ort in Birmingham. Und auch in einem Club namens Barbarella’s. Sie waren unglaublich. Sie und The Cure sind meine beiden Lieblings-Punk- und Post-Punk-Bands. Damals war es toll, Konzerte in kleinen Clubs zu erleben. Ich habe sie alle gesehen, The Clash, The Sex Pistols, The Jam, Television, Talking Heads. Es war eine erstaunliche, inspirierende Zeit für Musik.
Waren die Sex Pistols eine großartige Live-Band?
Ich habe die Sex Pistols mehrmals live erlebt. Einmal mit Sid Vicious am Bass und einmal mit Glenn Matlock. Ich habe sie auch in Coventry und Wolverhampton gesehen. Zu dieser Zeit waren sie jeden Tag auf der Titelseite der nationalen Zeitungen. Nicht immer aus den besten Gründen. Es gab viele Kontroversen um die Sex Pistols, aber das machte es natürlich noch viel spannender. Ihr Manager Malcolm McLaren war ein absolutes Genie in der Art und Weise, wie sie vermarktet wurden. Aber auch jedes Mitglied der Band wusste genau, was es tat. Ihre Live-Show war abgefahren, aber das hatte mehr mit der Stimmung, der Energie und dem Gefühl von Gefahr zu tun. Sid Vicious war nicht der beste Bassist aller Zeiten, das ist sicher, während Glenn Matlock wirklich ein großartiger Bassist war. Und Steve, Paul und Johnny waren unglaublich. Ich bin wirklich froh, dass ich die Sex Pistols live erlebt habe. Das ist ein historisches Ereignis gewesen.
War Punk für Sie der Schlüssel, weil keiner von Ihnen anfangs wirklich wusste, wie man ein Instrument spielt?
Ohne Zweifel. Keiner von uns wäre bei Duran Duran, wenn es Punkrock nicht gäbe. Ich erinnere mich, dass ich mir eine Punkrock-Show im Barbarella’s besuchte und besonders den Gitarristen beobachtete, weil John und ich beide mit der Gitarre anfingen. Ich sah, wie sich seine Hände bewegten und dachte: „Ich kenne diese Akkorde“. Danach bin ich nach Hause gegangen, habe meine Gitarre genommen und genau dieselben Akkorde gespielt. Und ich dachte: „Das ist der Song!“ Es war das erste Mal, dass ich diese Erleuchtung hatte. Mir wurde dabei klar: Du kannst in einer Band sein. Wenn dieser Typ auf der Bühne steht, dann kannst du das auch. Ich war wahrscheinlich ein viel schlechterer Gitarrist als dieser Typ. Deshalb bin ich rückblickend froh, dass ich auf Synthesizer umgestiegen bin.
Termin
Duran Duran live, 26. Juni, Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyerhalle