Kino
Film der Woche: „Sommer auf Asphalt“ mit Christoph Maria Herbst
Hauptfigur des Films ist zunächst die Mittzwanzigerin Valeska, genannt Les (Mala Emde). Sie lebt offenbar unbekümmert vor sich hin, verdient sich ihren Lebensunterhalt als Fahrradkurierin in Hamburg. Ihr Alltag scheint zwischen Arbeiten einerseits und Partys andererseits recht ziellos dahinzuplätschern. Pläne für die Zukunft hat sie offenbar keine. Handfeste Entscheidungen scheinen nicht ihre Sache zu sein. Selbst in Liebesdingen legt sich Les nicht fest. Einerseits ist da die Zuneigung zu Freundin Roya (Gina Haller), andererseits ist sie von Kollege Tyler (Aaron Hilmer) schwanger. Und der junge Mann freut sich darauf, Vater zu werden. Was Les weniger glücklich macht, als dass es sie nervt. Für völlige Verwirrung sorgt Bert (Christoph Maria Herbst), ihr Vater, der nach Jahren der Funkstille plötzlich und unerwartet vor ihr steht. Er wolle „nicht so lange“ bleiben. Wobei nicht klar ist, was er unter dieser doch recht vagen Zeitangabe versteht. Les begreift erst einmal nicht, dass Bert offenbar in einer Notsituation ist und seiner Tochter dringend davon erzählen möchte. Doch nach einem Unfall springt der etwa Sechzigjährige erstmal für sie als Fahrradkurier ein. Hält er durch? Es sieht so aus. Aber dann türmen sich gleich mehrere Hürden auf …
Erstaunlich filmisch erzählt
„Sommer auf Asphalt“ verdient schon allein deshalb Aufmerksamkeit, weil erstaunlich filmisch erzählt wird. Kamera (Johannes Greisle) und Schnitt (Ramin Sabeti) haben ganze Arbeit geleistet. Sie setzen in der Bildgestaltung auf Tempo. Wobei sie mit klug kalkulierten Momenten der Ruhe wirkungsvolle Akzente setzen. Autor Brix Vinzent Koethe ist mit seinem ersten Drehbuch für einen abendfüllenden Kino-Spielfilm ein Glanzstück gelungen. Wie selten im deutschen Kino erzählt er leichtfüßig und mit wirkungsvoller Komik von Schwerstem. Die Dialoge sind kurz und pointiert, sagen viel, ohne dass sie plump erklären, erreichen oft eine starke emotionale Tiefe. Kitschig wird es nie. Dafür sorgt lakonischer Witz. Besonders begeistert, wie sogar äußerst schräge Situationen zu erhellenden Augenblicken führen. Die zeigen, wie einfach es sein könnte, sich allüberall und tagtäglich von schlichter Menschenliebe leiten zu lassen, und wie schwer wir uns im Alltag damit tun. Les knabbert daran, weil ihre seit langem getrennt lebenden Eltern, die Bestseller-Autorin Sonja (Jenny Schily) und der Friseur Bert, diesbezüglich nicht gerade zu Vorbildern taugen.
Die Intelligenz des Drehbuchs und der Regie
Les und das Publikum werden mit ziemlich vielen harschen Problemen konfrontiert. Die Intelligenz des Drehbuchs und der Regie des bisher vor allem TV-erfahrenen Simon Ostermann („Deutscher“, „Von uns wird es keiner sein“) servieren die Fülle allerdings derart clever und charmant, dass man sich im Kinosaal nicht eine Sekunde lang überfordert fühlt. Man ist vom ersten bis zum letzten Moment voller Spannung und Empathie dabei. Der Gefühlsreichtum sorgt zudem dafür, dass man die doch etwas zu harmonisch anmutende Schilderung des Arbeitsalltags in einer Agentur für Fahrradkurier-Dienste gern übersieht. Mala Emde („303“, „Die Mittagsfrau“, „Köln 75“) und Aaron Hilmer („Das schönste Mädchen der Welt“, „Im Westen nichts Neues“) entfachen ein herrlich knisterndes erotisches Feuerwerk. Das mitzuerleben bereitet einem eine enorme Freude. Das Entscheidende ist jedoch die Interpretation des Bert durch Christoph Maria Herbst. Mit einer verblüffenden Leichtigkeit balanciert er souverän zwischen Komik und Tragik. Wer ihn 2009 bei den Nibelungenfestspiele Worms in „Das Leben des Siegfried“ als Hagen erlebt hat, weiß, was für ein wandlungsfähiger Schauspieler er ist. Weithin wird sein Image trotz Erfolgen im Dramatischen wie der Bestseller-Verfilmung „Der Buchspazierer“ (2024) jedoch von der Fernseh-Comedy-Serie „Stromberg“ geprägt. Mit seinem feingeistigen Porträt des zwischen unerschütterlichem Optimismus und Todesangst lebenden Bert beweist er nun eindringlich sein Können als Charakterdarsteller. In diesem Jahr hat der Star im Kino bereits in „Extrawurst“ brilliert, nun also in „Sommer auf Asphalt“. Wie heißt es doch so schön: Aller guten Dinge sind drei. Es ist zu hoffen, dass der nächste Kinospielfilm mit Christoph Maria Herbst noch in diesem Jahr erscheint.