Pfalzgeschichte(N)
„Urknall“ der Sonderpädagogik: Ramstein und die Basale Stimulation
In einer Ecke: ein Plattenspieler, auf dessen Teller eine schwarz-weiß gestreifte Dose steht und sich dreht. Davor: eine Schüssel mit getrockneten Erbsen und ein Polsterring voller Kunststoffbälle. An der Decke: ein Geflecht aus langen Schnüren, die herabhängen wie ein dichter Vorhang. In einer Vitrine: ein Deckchen, zusammengenäht aus verschiedenartigen Stoffresten. Daneben ein Holzbrett, auf dem unterschiedliche Materialien befestigt sind, von Luftballons bis Draht. Ein Stück Schlauch, an beiden Enden mit Korken verschlossen und mit Murmeln gefüllt. Eine Mullbinde, vollgestopft mit Kernen.
Rustikal, provisorisch wirken diese Dinge, und doch seltsam vertraut. Ein Großteil gehört heutzutage so oder ähnlich zur Standardausstattung jeder ambitionierten kindlichen Frühförderung. Was ist schon eine Krabbelgruppe ohne Bällebad, ohne Rasseln aus Kirschkernen in Plastikflaschen?
„Man hat sie weggesperrt“
Andreas Fröhlich muss unwillkürlich lächeln. Gemeinsam mit Evelyn Weiß, Historikerin und langjährige Leiterin des Museums im Westrich, hat der 74-Jährige diese Dinge zusammengetragen, um zu zeigen, wie alles begann, hier im ehemaligen Schwesternhaus. Wie weit der Weg gewesen ist, der 1976 in Ramstein-Miesenbach seinen Ausgang nahm.
„Damals gab es von alldem fast nichts“, sagt der Professor für Sonderpädagogik, der in Heidelberg und Landau lehrte und seit Langem in Kaiserslautern lebt: „Wir mussten uns viele dieser Spielsachen erst ausdenken.“ Wobei „Spielsachen“ im Grunde das falsche Wort ist. Es sind Gegenstände, die Kinder dazu anregen sollen, die Welt um sich herum zu entdecken, sie mit allen Sinnen zu begreifen. Warum dazu nicht ein Planschbecken mit bunten Kugeln füllen und als Erlebnisraum nutzen? Aber darauf musste man erst mal kommen vor 45 Jahren, als Fröhlich mit einem Team aus Sonderpädagogen, Kinderkrankenschwestern, Erzieherinnen und Therapeutinnen ein Projekt startete, das die Sicht auf Kinder mit schweren und schwersten Behinderungen grundlegend verändern sollte.
Bis zu diesem Zeitpunkt galten Kinder mit komplexen Behinderungen, mit Schädigungen des Gehirns, einhergehend mit vielfältigen körperlichen Einschränkungen und kaum fähig, sich zu bewegen oder auszudrücken, schlicht als „bildungsunfähig“, wie Fröhlich es ausdrückt. Und mehr noch: Für ihre Familien waren die so verletzlichen und pflegebedürftigen Zöglinge nicht nur eine hohe physische Belastung, sondern auch ein gesellschaftlicher Makel. „Man hat sich dieser Kinder geschämt“, erklärt Evelyn Weiß: „Man hat sie weggesperrt.“
Jenseits des Üblichen
Diesen Kindern etwas beibringen? Sie fördern? Undenkbar. Oder unvorstellbar, denn wie sollten die Eltern das bewerkstelligen, wo es doch keine besondere staatliche Unterstützung und Fürsorge gab? Manche verschwanden gar in Altenheimen oder Kinderkliniken, die zumindest Erfahrung mit der körperlichen Pflege hatten. „Man wusste mit ihnen nichts anzufangen“, sagt Evelyn Weiß. Kurz: Man hatte diese Kinder aufgegeben.
Selbst die 1966 von engagierten Eltern beeinträchtigter Kinder in Landstuhl gegründete Kinderhilfe Westpfalz konnte die Bedürfnisse dieser schwerstbehinderten Kinder und Jugendlichen nicht auffangen. Dort lernte der gebürtige Mannheimer Fröhlich als junger Lehrer erstmals solche jungen Menschen kennen – und erkannte, dass er hier ganz anders an die Sache herangehen musste. Um diese Kinder zu fördern, ihre Lebenssituation zu verbessern, brauchte es einen anderen Zugang. Über die Sprache und die übliche Methodik konnte es jedenfalls nicht gehen.
Die Welt um mich herum
„Wir mussten ganz von vorn anfangen“, erinnert sich Fröhlich. Damit meint er nicht nur, dass er hier pädagogisches Neuland betrat. Er musste, auch bei älteren Kindern, dort beginnen, wo jegliche Kommunikation anfängt: mit einer Zuwendung wie bei Säuglingen – mit Sinneseindrücken.
Entsprechend würde „Lernen“ bei diesen Kindern ganz anders aussehen. Es würde nicht darum gehen, zu rechnen, zu lesen oder zu schreiben, nicht einmal, zu sprechen. Sondern um eine andere Art von Wissen, von Information: Es existiert eine Welt um mich herum, die ist irgendwie beschaffen und ich kann mit ihr in Beziehung treten. Ginge Fröhlichs Plan auf, würden diese oft in sich abgekapselten, aufs bloße Dasein reduzierten Kinder erstmals die Chance bekommen, die Welt um sie herum mithilfe ihrer Sinne wahrzunehmen – und damit auch sich selbst. Darum beispielsweise der Plattenspieler mit der schwarz-weißen Dose. Fröhlich bemerkte, dass die Kinder den Kontrast von Hell und Dunkel registrierten, sobald sich der Plattenteller drehte. „Sie fanden das faszinierend“, erzählt Fröhlich. Kinder, die ihre Augenbewegungen nicht steuern konnten, erkannten nun, dass es überhaupt etwas zu sehen gab. Sie interessierten sich auf einmal für das, was um sie herum war – die Grundvoraussetzung dafür, Neues zu lernen.
Oder die Trockendusche aus herabhängenden Fäden: „Das Kind spürt die Berührungen und merkt: Etwas passiert, wenn ich mich bewege“, erläutert Fröhlich. Unermüdlich dachte sich das Team neue Hilfsmittel aus oder benutzte einfache Alltagsgegenstände in einem neuen Kontext. Stachelige Lockenwickler, die die Kinder fühlen ließen, dass sie überhaupt so etwas wie Hände hatten. Greiflinge aus berührungsintensivem Material, etwa mit Schleifpapier überzogen. Ein Rasierer als Ding, das brummt und vor allem vibriert. Die Schwingungen werden vom Körper aufgenommen, das Kind kann sich selbst spüren.
Schaukeln im Blechfass
Saugschwämmchen, um den Kindern zu ermöglichen, verschiedene Dinge mit dem Mund zu schmecken, ohne in Gefahr zu geraten, sich dabei zu verschlucken. Dazu Berührungen: Ein sanfter Druck auf den Rumpf als Zeichen, dass man da ist. Ein Mitgehen, Mitwippen der Bewegungen des Gegenübers als Signal, dass man ihn begleitet. Kontaktaufnahme, Begegnung in ihrer urtümlichsten Form. Sicherheit, Geborgenheit, Vertrauen durch stetige Wiederholung, die dennoch immer mal wieder variiert, um Vergleiche zu ermöglichen und damit Erkenntnis. Es ging also um die grundlegendsten Dinge, um Anregung der Sinne in der schlichtest-möglichen Form.
„Daher nannten wir das Konzept schließlich Basale Stimulation. Wir machten allereinfachste Angebote. Die Kinder mussten dafür überhaupt nichts können“, sagt Fröhlich. Doch sie reagierten, manche zum ersten Mal überhaupt, auf äußere Reize. Solche Momente haben sich Fröhlich eingeprägt. Wie jener, als ein Kind in dem abgetrennten Deckel eines Blechfasses auf dem Boden schaukeln durfte, der Prototyp der heute weit verbreiteten Schaukelwanne: „Da hat es zum ersten Mal gelächelt!“
Aber zuvor hatte es einiges an Überzeugungsarbeit bedurft, weniger beim Land Rheinland-Pfalz, das diesen besonderen Schulversuch in Ramstein unterstützte. Sondern gerade bei den Eltern, die ihre Schützlinge zunächst nur zögernd aus dem Haus gaben und die Pädagogen misstrauisch beäugten. Mit fünf Kindern startete das Projekt, später waren es acht in zwei Gruppen, eingesammelt per Bus „von Ludwigswinkel bis Wolfstein“, sagt Fröhlich. Das war schon die erste Lehrstunde für die Kinder: andere Bezugspersonen, andere Abläufe und andere Aufenthaltsorte anzunehmen.
Weil es kaum kindergerechte Orthopädietechnik gab, baute Fröhlichs Team selbst Hilfen, die den Kindern das aufrechte Sitzen ermöglichen sollten. Erste Modelle wurden aus einem Schaumstoffwürfel geschnitten, wie in der Schau gezeigt wird.
Auch die Betreuer mussten selbst erst lernen, denn über die Entwicklung schwerstbehinderter Kinder war kaum etwas bekannt. Die Standortwahl Ramstein erwies sich dabei als Glücksgriff, wie Historikerin Evelyn Weiß betont. Hier sei man wohl aus der stark christlichen Prägung des Ortes heraus behinderten Menschen ohne Vorbehalte begegnet: „Sie gehörten wie selbstverständlich zum Gemeinwesen dazu.“
Von ganz klein bis ganz alt
Eingebettet in eine solche Gemeinschaft stellten sich bald beachtliche Erfolge bei Fröhlichs Schulversuch ein. „Wir konnten zeigen, dass jedes Kind in der Lage ist zu lernen“, sagt der Sonderpädagoge. Mit dem Ende des Projektes im Jahr 1980 änderte das Land daraufhin das Schulgesetz, um fortan auch schwerstbehinderten Kindern in speziellen Einrichtungen Bildung zu ermöglichen: „Wenn man es so will, erfüllten wir damit auch eine sozialpolitische Aufgabe, indem wir diese Menschen aus dem Verborgenen holten. Sie haben ein Anrecht darauf, beschult zu werden.“
Längst jedoch ist die Basale Stimulation der Kinderförderung entwachsen. In den 1990er-Jahren wurde sie in die Pflege von Frühgeborenen, von Intensiv- und Komapatienten, von dementen Menschen und von Sterbenden integriert und gehört in vielen Ländern der Welt wie selbstverständlich zum Behandlungsrepertoire besonders pflegebedürftiger Menschen. Angefangen hat es mit selbstgebasteltem Spielzeug in Ramstein.
Ausstellung
Die Ausstellung im Museum im Westrich, Ramstein-Miesenbach, Miesenbacher Straße 1, ist noch zu sehen bis Ende Oktober. Geöffnet ist sie mittwochs und sonntags von 14 bis 17 Uhr.
Der Film
Über das Konzept der Basalen Stimulation hat der Landauer Filmemacher Paul Schwarz eine Dokumentation gedreht. Der 75-minütige Film mit dem Titel „Das Leben spüren“ ist für 15 Euro (zuzüglich Versand) zu beziehen unter SchwarzPaul@t-online.de.