Berlin
Tim Burtons bizarre Welten
Wenn irgendwo die Worte „immersive“, „interactive“ und „experience“ auftauchen, am besten noch in marktschreierischer Kombination, schrillen bei vielen völlig zu Recht die Alarmglocken. Zumindest seit Februar 2024. Wir erinnern uns: Damals ging im schottischen Glasgow „Willy's Chocolate Experience“ über die Bühne, eine unlizenzierte Schau, die auf Roald Dahls Klassiker „Charlie und die Schokoladenfabrik“ basierte und im Netz mit KI-generierten Bildern um das Interesse potenzieller Gäste warb.
Was diese dann aber vor Ort erwartete, war eher Albtraum als Traum: eine spärlich eingerichtete, heruntergekommene Lagerhalle in einem schmucklosen Industrieviertel, drei auf die Schnelle engagierte Schauspieler, und ein zweiminütiger Rundgang durch die pure Tristesse. Bilder der Veranstaltung – der Begriff ist hier eigentlich schon ein unverschämter Euphemismus – gingen viral, weltweit berichteten Medien über diese Enttäuschung.
In Berlins Christiania
Eine Geschichte, die man im Hinterkopf hat, wenn man sich auf den Weg zu „Tim Burton’s Labyrinth“ macht, einer Wanderausstellung, die eben auch mit diesen beiden so gefährlichen Begriffen wirbt: „immersive“ und „experience“, sogar das Wort „unique“, also: einzigartig, taucht da auf, was ja alles oder nichts heißen und damit gut oder schlecht sein kann. Zu finden ist die Ausstellung in der Radsetzerei auf dem RAW-Gelände in Berlin-Friedrichshain, einem Areal, das früher mal der Deutschen Bahn gehörte (RAW steht für Reichsbahnausbesserungswerk) und das seit 1999 Schritt für Schritt in ein alternatives Kulturprojekt umgewandelt wurde. In den Clubs hier wird nachts gefeiert, auch tagsüber wabert ein kaum zu ignorierender Gras-Geruch über das Gelände, der Vibe erinnert einen unweigerlich an Kopenhagens alternativen Stadtteil Christiania.
Gut, nun also, Radsetzerei, „Tim Burton’s Labyrinth“, immersiv und das ganze Pipapo. Um alle Bedenken zu zerstreuen: ein zweites Glasgow wartet hier nicht auf die Besucher. Die Multimedia-Ausstellung ist von dem Kultregisseur, der gerade seinen wohlverdienten Stern auf dem Hollywood-Boulevard erhalten hat, persönlich autorisiert, er hat dafür auch Objekte aus seinem privaten Archiv zur Verfügung gestellt, Zeichnungen, Skizzen, beispielsweise. Die Schau war 2022 bereits in Madrid zu sehen, ist nun über Paris, Brüssel und Barcelona in Berlin gelandet.
Zweite große Burton-Schau
Es ist bereits der zweite Versuch, Tim Burtons surreale Gedankenwelt über eine Ausstellung zugänglich zu machen: 2009 versuchte man sich im New Yorker MoMa daran, den genialen Regisseur, der sich mit Vorliebe im Gothic- und Horror-Bereich inspirieren lässt, zu ergründen. Burton missfiel das Projekt seinerzeit aber: Es habe auf ihn gewirkt, als habe damals jemand seine Socken an die Wand des Museums genagelt, kritisierte er. Ob er mit der neuen Werkschau zufrieden ist? Man weiß es nicht, geäußert hat sich der Mann bis dato nicht. Er verdient aber diesmal eben auch mit.
Optisch und atmosphärisch gelungen ist der von Álvaro Molina entworfene Rundgang auf jeden Fall. Es ist ein Streifzug durch die große, schillernde Karriere Tim Burtons. Ein Eintauchen in seine düstere, bizarre, oft aber auch schreiend komische Welt. Als Besucher arbeitet man sich von Raum zu Raum vor und wird in jeder Kammer mit einem Kapitel aus Burtons weitreichendem Schaffen konfrontiert. So gibt es ein Wiedersehen mit Edward mit den Scherenhänden, Sweeney Todd, Willy Wonka (also sehr viel Figuren, die von Johnny Depp gespielt wurden), Beetlejuice, Jack Skellington oder Batman. Zum einen in ganz analoger Form, lebensgroß, jede Figur natürlich eine instagram-taugliche Foto-Möglichkeit, die von den Besuchern auch entsprechend genutzt wird. Der passende Soundtrack zu jedem Film begleitet die „experience“, oft stammt die Musik dabei von Danny Elfman.
Was beim Rundgang verärgert
Wer sich für die Genese der Charaktere interessiert, sieht sich noch die passenden Bilder an der Wand an, zum Teil Malereien und Skizzen auf Papier, zum Teil sind diese aber auch auf kleinen Bildschirmen animiert (immersiv!). 150 Originalwerke sind in der Ausstellung zu bestaunen, wahnsinnig viel Information wird dazu aber nicht mitgeliefert. Das macht zwar alles visuell etwas her, dem Künstler Tim Burton kommt man so aber kaum auf die Spur. Man kratzt hier lediglich an der Oberfläche.
Wer den normalen Rundgang bucht, wird auch einiges verpassen. Denn: Aus jeden Raum führen mindestens zwei Türen, man muss sich entscheiden, darf den Weg auch nur einmal beschreiten, es bleiben also immer Räume unbetreten und damit auch ungesehen. Außer man bucht das deutlich teurere Premium-Ticket, dann darf man auch ein paar mehr Klinken drücken. Eine durchaus ärgerliche Geldmacherei.
Die Ausstellung
„Tim Burton’s Labyrinth“ , Radsetzerei Revaler Straße / Dirschauer Straße, 10245 Berlin-Friedrichhain, bis 3. November, mittwochs, donnerstags 14-19 Uhr, freitags, samstags, sonntags 10-19 Uhr.