Interview
The Kinks: Wir waren immer umstritten
Mister Davis, der verzerrte Power-Akkord, der vor 60 Jahren von Ihrer elektrischen Gitarre widerhallte, sollte den Rock’n’Roll verändern. War Ihnen das damals irgendwie bewusst?
Nein. Ich hatte diese Gitarrensounds in meinem Kopf. Und ich habe immer gerne mit ihnen experimentiert, die Töne gedehnt. Ich hatte ständig neue Ideen. Ich bekam diesen Sound, indem ich die Gitarrensaiten immer weiter dehnte und am Ende den Lautsprecherton abschnitt. Sicherlich ist vieles zufällig passiert. Manchmal sind es die dümmsten und zufälligsten Dinge, die die Musik, die Malerei oder die Kunst im Allgemeinen anregen.
Es gibt schon lange das Gerücht, Jimmy Page von Led Zeppelin sei als Studiomusiker an frühen Kinks-Aufnahmen wie „You really got me“ beteiligt gewesen. Können Sie das bestätigen?
Nein. In einer frühen Phase wollte unsere Plattenfirma Unterstützung von Session-Spielern. Das hat mir aber nicht gefallen. Wir waren unsere eigenen Studiomusiker. Page war aber schon ein toller Typ. Ich konnte sehen, wie er in den folgenden Jahren bekannt wurde. Er war ein sehr eigenständiger Gitarrist. Aber The Kinks sind The Kinks. Der Gitarrensound war mein eigener.
James Hetfield von Metallica lobte Sie in seiner Laudatio zum 25. Jahrestag der Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame als „einen der ersten Punks“. Fühlten Sie sich geehrt?
Wow, James Hetfield hat das gesagt? Ja, ich denke, in gewisser Weise war ich das auch. Denn ich habe immer mit Sounds und Gitarreneffekten experimentiert. Ich war wirklich froh, als ich herausfand, dass Mädchen diesen Sound auch mochten (lacht). Ich konnte also flirten. Vor Leuten zu spielen, war eine Freude. Ich liebte unsere Musik, die experimentell und unterhaltsam war. Und man konnte dazu tanzen. Das war die perfekte Kunstform für mich als jungen Mann, der sich auf eine Reise begab.
Wer waren anfangs Ihre Idole als Gitarrist?
Eddie Cochran hat mich stark beeinflusst. Ich liebte auch Duane Eddy. Ich habe ihn vor ein paar Jahren wieder getroffen, was ein Vergnügen war. Er sagte etwas sehr Nettes zu mir: „Wenn du jemals einen Bassisten brauchst, bin ich für dich da.“ Das hat mich sehr glücklich gemacht. Cochran und Eddy sind Rock’n’Roll-Originale. Einiges von dieser Musik klingt wie Züge. Das hat mir immer gefallen. Das Schlagzeug, der Backbeat, es ist, als säße man in einem Zug und würde aus dem Fenster schauen und das Leben genießen.
Andererseits haben Musiker wie Pete Townshend oder Jimi Hendrix Ihren Gitarrensound als einen großen Einfluss bezeichnet. Waren Sie überrascht, als Sie das hörten?
Nein, es schien mir normal. Die Art und Weise, wie wir Musik empfinden – sie kann das Innenleben oder den Klang der Menschen beeinflussen – ist fantastisch. In der Musik geht es immer um Menschen.
Haben Sie als junger Mann ein wildes Rock’n’Roll-Leben geführt?
Ich denke schon, ja, vor allem in den frühen Tagen. Denn alles war wild und die Mode war toll und ungewöhnlich. Ich trug auch alberne Frisuren. Ich liebte es. Es war eine wirklich interessante Zeit mit der frühen neuen Musik aus Amerika.
In Julien Temples Film „Kinkdom Come“ bekennen Sie: „Ich ging auf die Partys und nahm die Drogen, und Ray schrieb die Songs darüber: Er war Oscar und ich war wild.“ War Ihr eigenes Leben eine Inspiration für Ihren Bruder?
Ja, ich glaube schon, denn ich ging immer auf Partys, tanzte und lernte neue Leute kennen. Ich war ein „dedicated follower of fashion“ (Songtitel von The Kinks). Dieses Musikstück fängt die Zeit ein, als ich jung war. Mode war ein sehr wichtiger Ausdruck der damaligen Zeit. Wir jungen Leute experimentierten mit Mode und Musik. Das war eine ganz normale Sache für uns.
Ihre gefühlvolle Ballade „Strangers“ von 1970 wurde häufig gecovert. Darin geht es um Ihren Schulfreund George Harris, der an einer Überdosis starb.
George und ich – das war das erste Mal, dass ich Gitarre spielte. Er wohnte in einem Haus ganz in der Nähe von uns. Ich ging immer zu ihm und wir spielten Jazz-, Blues- und Hank-Williams-Platten. Das waren große Inspirationen für uns. George und ich waren in der Schule gute Kumpel. Als er starb, war ich am Boden zerstört. Viele Jahre später war ich bei einem Psychologen, als ich eine schwere Zeit durchmachte. Ich erzählte ihm von dem Lied „Strangers“ und spielte es ihm vor. Leider starb George unter schlimmen Umständen. Er war ein Teil meiner Seele und meines Denkens. „Strangers“ ist ein Lied darüber, wie es wäre, wenn George noch lebte. Es ist auch ein Lied über meine und Rays Beziehung. Einfach als Menschen, die zusammen aufwachsen. Wir sind zwar zusammen groß geworden, waren uns aber in gewisser Weise fremd. Viele der Gefühle in „Strangers“ drehen sich darum, dass wir uns nicht richtig kannten.
Ihre erste Band hieß The Ray Davies Quartet. 1962 gehörte Rod Stewart vorübergehend zur Besetzung. Wie kamen Sie mit ihm zusammen?
Rod und ich kommen aus derselben Gegend in London, wir gingen auf dieselbe Schule und mochten Fußball. Wir hatten einen ähnlichen Musikgeschmack, zum Beispiel Blues. Ich liebte auch Otis Redding. Das war eine großartige Zeit, in der man viel über Musik lernen konnte. Am Anfang wusste ich noch gar nichts.
Voriges Jahr haben Sie einen Tweet an Elon Musk gerichtet, nachdem Beiträge über die Band auf TikTok und Twitter wegen des Namens The Kinks mit einer Warnung vor „sensiblen Inhalten“ versehen worden waren. Wie hat Musk darauf reagiert?
Er reagierte nicht wirklich darauf. Ich schickte ihm eine Nachricht, warum wir schon so lange negiert werden. Der Name The Kinks hat sich in der britischen Kultur festgesetzt. Er hat viele alternative Bedeutungen, wie man sich vielleicht denken kann. Wir waren immer umstritten, sogar schon in den Anfängen. The Kinks – was meinen die damit? Damals gab es in den Zeitungen viele Artikel über perversen Sex („kinky sex“). Es gab Auseinandersetzungen in den Medien über die Verwendung dieses Wortes, das politisch nicht korrekt war. Beatles-Promoter Arthur Howes, der unsere Konzerte buchte, meinte: Ihr solltet euch The Kinks nennen!
Ihre schärfsten Konkurrenten waren in den 60er-Jahren die Rolling Stones.
Ich war ein großer Fan von ihnen. Sie kamen aus London und bevorzugten eine raue Spielweise des Rock’n’Roll. Ich liebte auch die Yardbirds. Ihren ehemaligen Gitarristen Jeff Beck habe ich einen Monat vor seinem Tod getroffen. Wir sprachen über Musik, das Leben und Gitarren. Das fand ich großartig, aber dann starb er unverhofft. Wie damals mein Freund George. Das Leben ist so seltsam und viel komplizierter, als wir denken. Es ist wie Science Fiction, wenn man bei den Kinks ist, Songs schreibt und Klänge macht (lacht). Denn als ich jung war, fühlte ich mich sehr stark mit Science Fiction verbunden. Es war eine Erweiterung der Musik.
Die Alben „The Kinks Are the Village Green Preservation Society“ von 1968 und „Arthur (Or the Decline and Fall of the British Empire)“ von 1969 drücken ein sehr englisches Lebensgefühl aus.
Wir waren natürlich immer englisch. Von unseren frühen Tagen an haben wir englische Werte gelebt. Das ist einfach die Art, wie wir erzogen wurden. Unsere Familie hat uns sehr geprägt. Das alles scheint natürlich durch die Musik zu fließen.
Auch die Auseinandersetzungen zwischen Ihnen und Ihrem Bruder Ray sind legendär.
Ich habe bei „The Journey“ wieder enger mit Ray zusammengearbeitet. All diese alten Songs wieder aufleben zu lassen, bedeutet mir persönlich sehr viel.
Könnten Sie sich vorstellen, wieder mit Ray auf Tournee zu gehen?
Es ist möglich. Ich weiß nicht, in welcher Form, vielleicht als Trio mit neuen und alten Songs. Wir werden sehen. Ein Datum haben wir aber noch nicht (lacht).