Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Streiten für die Kunst: 100 Jahre Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler

Das 1875 bis 1880 errichtete Pfälzische Gewerbemuseum, ab 1927 Landesgewerbeanstalt, heute Museum Pfalzgalerie in Kaiseslautern,
Das 1875 bis 1880 errichtete Pfälzische Gewerbemuseum, ab 1927 Landesgewerbeanstalt, heute Museum Pfalzgalerie in Kaiseslautern, im Jahr 1925.

Die Abkürzung APK steht für eine der ältesten und größten Künstlervereinigungen Deutschlands. Als sie 1922 gegründet wurde, war die Pfalz französisch besetzt. Ihre Mitglieder planten mit großen Idealen für den Aufbruch in eine neue Zeit. Die war nach wenig mehr als zehn Jahren zu Ende. Aber seit 1948 gibt es eine neue APK. Dort streitet man manchmal auch gegeneinander, aber immer für die Kunst.

APK: drei Buchstaben, die es 100 Jahre miteinander ausgehalten haben. Ein Grund zum Feiern ist das allemal, zumal ein friedliches Miteinander schon von Beginn an nicht zu den charakteristischen Kennzeichen der „Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Kunst“ gehörte. Wesentlich häufiger war Zoff angesagt. Oder nennen wir es besser: mitunter heftige Diskussion um den richtigen Weg. Das verwundert nicht, schaut man auf die Vielfalt der Ziele, die sich die Gründer einst auf die Fahne geschrieben hatten – in den ersten Jahren nach dem verlorenen großen Krieg, in denen sie in den Trümmern einer untergegangenen Welt doch irgendwie alle noch an den Aufbruch in eine neue, bessere Zeit glaubten. Und an die bedeutende Rolle der Kunst dabei. Die Zeit spielte allerdings nicht mit, die Ansprüche mussten zurückgeschraubt werden ...

Aber die Vielfalt dessen, was sich da 1922 zusammengeschlossen hat, ist womöglich auch einer der Gründe, warum APK auch noch 100 Jahre später Kunst in der Pfalz meint, auch wenn die drei Buchstaben – nach der Quasi-Auflösung 1933 und der Neugründung 1948 – jetzt für „Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler“ stehen. Und demnächst – man ist schließlich im 21. Jahrhundert angekommen – wird wohl gendergerecht der Name erweitert: Über ein Drittel der APK-Mitglieder ist mittlerweile weiblich.

Abseits der Metropolen

Das war im Gründungsjahr 1922 noch nicht so. Da musste sich eine begabte Grafikerin wie Hanna Forster (1903-1997) doch noch sehr in der Minderheit fühlen. Immerhin: Sie hat den Katalog-Umschlag zu einer der ersten auswärtigen APK-Ausstellungen – beim benachbarten badischen Kunstverein in Karlsruhe – gestaltet (und Generationen von Pfälzer Abc-Schützen lernten später mit ihren Bildern zu Fibel „Meine bunte Welt“ das Lesen).

Bleibt festzuhalten: Die APK feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag, als eine der ältesten und und größten Künstlervereinigungen Deutschlands. Auch wenn es im Grunde zwei APK gibt: die erste, der nur wenig mehr als zehn Jahre vergönnt waren, ehe sie, „gleichgeschaltet“ wie viele andere, aufging in die „Notgemeinschaft Pfälzer Kunst im Kampfbund für deutsche Kultur in der Westmark“. Und die zweite, nach dem nächsten verheerenden Krieg wieder Erweckte, der es bis heute gelungen ist – allen Widerständen von innen und außen zum Trotz – der Kunst in einer Region abseits der großen Metropolen Bühnen zu bieten und somit Auftrittsmöglichkeiten alle jenen, die diese Kunst schaffen.

Der väterliche Wegbegleiter

Das ist weit entfernt vom großen allumfassenden Anspruch der Gründergeneration, von dem gleich die Rede sein soll. Aber es war auch einer der Männer der ersten Stunde, der realistisch formulierte, was bis heute gilt: „Die besten Pfälzer Künstler sollten sich kennen, voneinander wissen und von Zeit zu Zeit gemeinsam ausstellen ...“, schreibt Albert Haueisen (1872-1954) am 21. Januar 1921 – noch ungegendert – an seinen Schüler und Freund, den nur vier Jahre jüngeren Daniel Wohlgemuth (1876-1967).

Ein Jahr später wird dann am 16. Januar 1922 bei einem Pfälzischen Heimatkundetag in Neustadt an der Haardt die „Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Kunst“ ins Leben gerufen. Albert Haueisen, zu dieser Zeit bereits hoch geachteter Kunstprofessor in Karlsruhe und renommierter Maler, wird zum väterlichem Wegbegleiter für viele Jüngere und ganz Junge, erteilt Ratschläge, lädt in sein Atelier nach Jockgrim ein. Bei den fortan von der APK organisierten Ausstellungen ist der Name Haueisen einer der Zugpferde. 1924 wird er auch in die Jury gewählt. Denn: Irgendwer muss ja nun auswählen, wer die „besten Pfälzer Künstler“ sind. Genau diese Frage wird auch später immer wieder für Zündstoff sorgen – man ist ja schließlich nicht „gleichgeschaltet“. Und denkt man die Entwicklung im Sinne des als Gründervater der ersten APK geltenden Hermann Graf weiter, wird sich das Gesamtniveau so weit erhöhen, dass es nur noch gute Kunst gibt.

Der aus Eisenberg stammende Hermann Graf (1887-1970) ist die treibende Kraft der Gründung, die so viele disparate Kräfte zusammenführen wird. Selbst kein Künstler sondern Diplom-Ingenieur, der in München Architektur studiert hat, wird er 1921 zum Leiter des Pfälzischen Gewerbemuseums mit der angeschlossenen Kreisbaugewerkschule (der heutigen Meisterschule für Handwerk) berufen. Das Haus besitzt seit 1903 auch eine wertvolle Kunstsammlung: 150 Gemälde, gestiftet vom im pfälzischen Landstuhl geborenen königlich-bayerischen Hofrat Joseph Benzino, der Grundstock des heutigen Museums Pfalzgalerie Kaiserslautern.

Der APK-Architekt

Graf ist geprägt von den Ideen des 1907 gegründeten Werkbunds, der seinerseits wiederum die Gedanken des britischen Sozialreformers und Kunstkritikers John Ruskin und der Arts-and-Craft-Bewegung aufnahm. Wo wie in Kaiserslautern Handwerk, Kunstgewerbe und bildende Kunst an einem Ort zusammenfinden, kann Graf mit Elan die große Aufgabe anpacken: In einer vom Krieg ausgelaugten Region unter französischer Besatzung, auch zuvor, fern von der Landeshauptstadt München, schon ohne künstlerisches Zentrum und ohne Akademie, nicht nur die Kunst und die Künstler zu fördern, sondern ebenso das Handwerk, und beizutragen zur Volksbildung und somit zum gesellschaftlichen Fortschritt.

Hermann Graf beschreibt ein Hauptziel so: „Die Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Kunst will alle mit künstlerischen Fragen sich beschäftigenden Vereine, Stellen und Persönlichkeiten, sowie alle Kunstfreunde der Pfalz zum Zwecke des Schutzes und der Sammlung alter bodenständiger Kunst, zur Belebung der heutigen bildenden Kunst und zum wirtschaftlichen Selbstschutz der Künstler zusammenschließen, ohne die innere Arbeit der angeschlossenen Verbände einzuengen. Sie will weiter durch Veranstaltungen ständiger Ausstellungen, deren künstlerisches Niveau durch eine Jury gewahrt werden soll, die Fühlung zwischen Künstler und Publikum immer enger gestalten. Die Ausstellungsmöglichkeiten innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Kunst bieten sich allen in der Pfalz geborenen oder ständig dort arbeitenden Künstlern, sofern sie bei einem der angeschlossenen Verbände Mitglied sind.“

Anonyme Briefe

Zu dieser ersten APK gehören 23 Verbände und Institutionen, darunter die Regierung der Pfalz, der Verband Pfälzischer Bildhauer und Grabsteingeschäfte, der Verein der Museumsfreunde Neustadt an der Haardt, das Ortsmuseum Landau, der Pfälzerwaldverein und die Arbeitsgemeinschaft für Zeichenwissenschaft Zweibrücken. Prominente Künstler wie Hans Purmann, als Mitglied, und Max Slevogt begleiten die Anfangsjahre der APK. Die beiden Südpfälzer Maler August Croissant und Hermann Sauter sind die ersten Vorsitzenden, Hermann Graf der Schriftführer, und im Pfälzischen Gewerbemuseum wird die Geschäftsstelle eingerichtet. Zum Zehnjährigen 1932 kann die APK auf stolze von ihr organisierte 100 Ausstellungen zurückblicken – fast die Hälfte davon außerhalb der Pfalz.

Die großen Aufgaben für die Zukunft sieht Hermann Graf in der Erziehung der Öffentlichkeit zum Kunstverständnis und zur Freude am Kunstbesitz. Dabei bezieht er auch die damals neuen Medien wie Fotografie und Kino mit ein. Doch wie viele idealistische Aufbruchsprotagonisten muss auch er erfahren, dass die Öffentlichkeit sich nicht so leicht erziehen lässt. Andere Ideen wie die Einrichtung einer Künstlerkolonie in Neustadt oder eines Künstlerheims auf Burg Landeck scheitern zunächst an politischer Trägheit und dann am Geldmangel. Angesichts der Weltwirtschaftskrise wird es auch immer schwerer, Käufer für Kunst zu finden. Und dann gibt es auch anonyme Briefe mit der Aufforderung, Aktdarstellungen zu entfernen. Die „neue Zeit“ färbt sich braun ...

Auch zum Neubeginn 1948 gibt ein Kaiserslauterer Museumsleiter den Anstoß: Karl Maria Kiesel (1903-1971), aus dem französischen Exil zurückgekehrter Grafiker, von 1946 bis 1965 Direktor von Meisterschule und Landesgewerbeanstalt, dem späteren Museum Pfalzgalerie. Das ist bis heute die APK-Postadresse, und dort findet nun auch die Jubiläumsausstellung statt. Jetzt organisiert von der APK Nummer zwei, die seit ihrer Neugründung eine reine Künstler-Vereinigung ist – aber seit 2021 auch Kunsthistoriker und Kunstvermittler (m/w/d!) aufnimmt. Es gilt noch immer, was Albert Haueisen wünschte: Kunstschaffende in und aus der Pfalz mögen Kontakte pflegen, Gedanken austauschen, Interessen gegenüber Politik und Gesellschaft vertreten. Richtungs-, Gruppen oder Einzelinteressen vertritt die APK bis heute nicht. Das führt hin und wieder zum eingangs erwähnten Zoff, garantiert aber die Freiheit der Kunst.

Pfälzer Kunst in Baden: Entwurf eines Katalogumschlags von APK-Mitglied Hanna Forster.
Pfälzer Kunst in Baden: Entwurf eines Katalogumschlags von APK-Mitglied Hanna Forster.
Väterlicher Freund der Jungen ist Albert Haueisen: „Selbstporträt mit Strohhut“ (1911).
Väterlicher Freund der Jungen ist Albert Haueisen: »Selbstporträt mit Strohhut« (1911).
Der „Gründervater“: Hans Graf, 1921 bis 1945 Direktor derPfälzischen Landesgewerbeanstalt.
Der »Gründervater«: Hans Graf, 1921 bis 1945 Direktor derPfälzischen Landesgewerbeanstalt.
Edmund Hausen, Konservator am Kaiserslauterer Museum von 1925 bis 1953.
Edmund Hausen, Konservator am Kaiserslauterer Museum von 1925 bis 1953.
 „Bodenseelandschaft mit badenden Jungen“ von APK-Mitglied Hans Purrmann, entstanden im APK-Gründungsjahr 1922.
»Bodenseelandschaft mit badenden Jungen« von APK-Mitglied Hans Purrmann, entstanden im APK-Gründungsjahr 1922.
„Männlicher Kopf“ von Charles Maria Kiesel, APK-Mitglied von Beginn an, später Museumsdirektor.
»Männlicher Kopf« von Charles Maria Kiesel, APK-Mitglied von Beginn an, später Museumsdirektor.
APK-Mitglied Otto Ditscher (1903-1987), Maler und Grafiker aus Neuhofen.
APK-Mitglied Otto Ditscher (1903-1987), Maler und Grafiker aus Neuhofen.
Ludwig Waldschmidt (1886-1956): „Landschaft mit Kiefern“: Die Kunst des APK-Mitglieds und Pazifisten gilt unter den Nazis als en
Ludwig Waldschmidt (1886-1956): »Landschaft mit Kiefern«: Die Kunst des APK-Mitglieds und Pazifisten gilt unter den Nazis als entartet.
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