Konzert RHEINPFALZ Plus Artikel Staatsphilharmonie: Lebensfreude pur und ein fulminantes Gitarren-Solo

Mal feurig, mal sanft: Milos Karadaglic mit seiner Gitarre.
Mal feurig, mal sanft: Milos Karadaglic mit seiner Gitarre.

Einer der besten Gitarristen der Welt mit dem berühmtesten Gitarrenkonzert überhaupt und einen Beethoven, wie man ihn so noch nie gehört hat: Ein atemberaubendes Konzerterlebnis bescherte die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter Leitung ihres Chefdirigenten Michael Francis den Klassikfans im BASF-Feierabendhaus.

Mit seinem Debütalbum „Mediterraneo“ stürmte der montenegrinische Gitarrenvirtuose Milos Karadaglic im Vorjahr auf Platz eins der Klassikcharts. Eine Entzündung im Arm scheint nun endgültig überwunden, wie sein Auftritt zum sehnsüchtig erwarteten Auftakt der BASF-Konzertsaison nach langer Corona-Pause unmissverständlich belegte.

Mit der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz begrüßten die Veranstalter ihren ältesten Kooperationspartner in Sachen Kultur: Ziemlich genau vor 100 Jahren startete das Konzertprogramm der BASF mit einem Auftritt des pfälzischen Vorzeigeorchesters. Ein Jubiläumskonzert sollte es also sein, entsprechend „jubilierend“ war das Programm: Die optimistisch strahlende Siebte von Beethoven und das heitere, viel gespielte Gitarrenkonzert von Joaquín Rodrigo.

Der stille Frauenschwarm

Keine Pause, kein Sekt, dafür in großzügigen Abständen aufgestellte Sitzreihen – auf ein normales Konzertleben wird man wohl noch eine Weile warten müssen, aber immerhin: Der Anfang ist gemacht, und die Erleichterung und Freude darüber, wieder ein Live-Konzert erleben zu dürfen, war im Saal allenthalben spürbar.

Als „The King of Aranjuez“ ist Milos Karadaglic bekannt. Das „Concierto de Aranjuez“ hat der bereits im dritten Lebensjahr erblindete Komponist Joaquín Rodrigo (1901-1999) in Braille-Schrift notiert, andere kreative Einfälle diktierte er Schreibern. Genialität kennt keine Schranken, siehe Beethoven und seine Nahezu-Taubheit. Aber Schicksalsschläge waren nicht das Thema des Abends, sondern vielmehr ausgelassene Lebensfreude, angefangen mit den vom Solisten temperamentvoll artikulierten Eröffnungsakkorden, die jeder Gitarrenschüler kennt. Dass der stille Frauenschwarm auch anders kann, beweist er im herrlich verträumten Adagio, jenem Evergreen, der als bekanntester Gitarren-Ohrwurm der Musikgeschichte gilt.

Phänomenale Kunst

Milos Karadaglic ist ein Gitarrenvirtuose, der die ganze Bandbreite mit einer geradezu schlafwandlerischen Sicherheit beherrscht: Mal feurig, mal sanft, trifft er die ganz Klangpalette der klassisch-spanischen Flamenco-Kunst. Ein Virtuose, der lyrisch-verträumt die Saiten seines Instruments anschlägt, um es im nächsten Moment mit perkussiv-peitschenden Akkordschläge zu traktieren. In der brillant artikulierten Kadenz findet seine phänomenale Kunst ihren vorläufigen Höhepunkt und gibt der Staatsphilharmonie den Impuls für Klangexplosionen, die normalerweise bei Gitarrenkonzerte seitens der Begleitung nicht erlaubt sind.

An dieser Stelle gilt die Bewunderung vor allem der Pianissimo-Kultur des Orchesters, das ungeachtet der klanglichen Fehlkonstruktion „Gitarre plus Orchester“ die richtige Balance findet und dem Solisten genügend Spielraum für feine dynamische Abstufungen bietet. Als Zugabe folgt mit „Asturias“ von Isaac Albéniz ein weiterer berühmter Ohrwurm der Gitarrenliteratur.

Begeisterndes Orchester

Überhaupt sind die bei Beethovens Siebter völlig entfesselt auftrumpfenden Mitglieder der Staatsphilharmonie die großen Helden des Abends. Es klingt vielleicht übertrieben, muss aber ganz doch so gesagt werden: So einen siegreichen Beethoven hat man noch nie gehört. Eine unglaubliche Kraft verströmt der in voller Besetzung aufspielende Klangkörper unter der energisch-explosiven, auf messerscharf gezeichnete Kontraste bedachten Stabführung seines Chefdirigenten Michael Francis. Gefühlte eine Million Kalorien wurden bei dieser Aktion verbraucht. Der sportliche Engländer treibt seine Leute energisch voran, zwingt sie zur kompromisslosen Leidenschaft – und beschert damit den Klassikfreunden ein unvergessliches Klangerlebnis.

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