Architektur
Sprung ins Offene: Ein Umbau in Ludwigshafen gehört zu den besten deutschen Architekturen
Immer gut, wenn man sich auskennt. Boris Milla zum Beispiel war schon in Badehosen in der Architektur in der Pettenkofer Straße 9 in Ludwigshafen, die er jetzt umgebaut hat. Behutsam. Voller Respekt für den Genius des Ortes. Vom Schwimmbad in ein Gründerzentrum. Vom denkmalgeschützten Hallenbad Nord in ein zukunftsträchtiges Multifunktionsterrain. Im „Freischwimmer“ werkelt man in Start-ups, mietet sich zum Arbeiten ein, geht Kultur über die Bühne, normalerweise. Milla, der seit 2015 mit Bruder Lars Jens in Karlsruhe ein Architekturbüro betreibt, ist in Ludwigshafen geboren. Abi am Geschwister-Scholl-Gymnasium. Der junge Baumeister klingt jetzt noch ganz erfüllt. Froh, dass er das Projekt hat verantworten dürfen. Und mit so viel Erfolg. Immerhin hat es sein Umbau unter die besten 100 Arbeiten des wichtigen Wettbewerbs um den Preis des Frankfurter Deutschen Architekturmuseums (DAM) geschafft.
Gewächshaus auf dem Dach
Gewinnen kann Milla, 2018 Landes-Holzbau-Preisträger, mit dem „Freischwimmer“ nicht. Im Finale stehen ein „Wohnregal“ und der Erweiterungsbau der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, das Werk 12 in München und ein Verwaltungsgebäude mit Gewächshaus in Oberhausen von Kuehn Malvezzi. Aber in dem aus dem Wettbewerb resultierenden „Architekturführer Deutschland“, den unter anderem DAM-Direktor Peter Cachola Schmal bei DOM publishers herausgibt, steht er schon drin. In vielleicht einem der Reisebücher jetzt für architektonisch Affine, von Apolda bis Garmisch-Partenkirchen und Hamburg. Und als einzige Architektur aus der Pfalz ist das Ludwigshafener Projekt vertreten. Auch aus ganz Rheinland-Pfalz ist lediglich noch ein revitalisierter Dreiseiten-Hof aus dem 18. Jahrhundert in Hainau im Taunus dabei.
Sauna-Stammgast Helmut Kohl
Das Hallenbad Nord ist 1956 eingeweiht worden. Größtenteils finanziert von der BASF. Ein „Sport- und Volksbad“, wie es damals hieß: „Ort des gesteigerten Genusses“. Tribüne für 500 Zuschauer, Unterwasserfenster, um die Vorführungen der Kunstschwimmer zu beobachten. Mit eigenem Friseur, Schwitzbad. Wandmosaiken von Rolf Müller-Landau in der Sauna, die durch ihren Stammgast Helmut Kohl, na ja, weltberühmt geworden ist.
In den guten Zeiten kamen am Tag 600 Badegäste. 2001 war damit allerdings Schluss. Stilllegung, die Bedarfsplanung, die Finanzen. Dornröschenschlaf dann. Querelen. Bürgerbewegungen wurden aktiv. Verrottung setzte ein. Seit fünf Jahren aber ist das große Schwimmbecken wieder gefüllt bis zum Rand.
25 mal 15 Meter groß, Fassungsvermögen, eine Million Liter Wasser. Jetzt ein Löschwasserreservoir der GML, der Gemeinschafts-Müllheizkraftwerk Ludwigshafen GmbH, die in den rückseitigen Gebäudeteil eingezogen ist. Den Foyertrakt mit den Seitenflügeln begannen die Technischen Werke Ludwigshafen AG (TWL) neu zu beleben. Das heißt Boris Milla hat erst einmal eine Machbarkeitsstudie erstellt. Das Gebäude „gelesen“, wie er sagt. Es ist als „Stahlbetonkonstruktion mit Atrium und transparenter Schwimmhalle“ in die Landesdenkmalschutzliste eingetragen.
Die Milchbar ist geblieben
Architekt Heinrich Schmitt (1899 bis 1985), wie Boris Milla Ludwigshafener, war baugeschichtlich bedeutsam für die Stadt. Honorarprofessor an der TU Karlsruhe. Sein Markenzeichen: vor allem Industriebauten für die BASF oder Benckiser. Oder spektakulärer: die vier Hochhäuser der Froschlache in Friesenheim, 1966 gebaut, 21 Stockwerke hoch, Rekord für Wohnhäuser zu der Zeit. Ein vielseitiger Mann. Schmitts Hallenbad Nord habe ihn, sagt Boris Milla, trotz seiner Funktionalität an eine französische Schlossanlage erinnert, an einen Kreuzgang, eine Oase. Tatsächlich geht das Gebäude – typisch wiederum für die Formensprache der 1950er-Jahre – teilweise in halber Geschosshöhe (Split-Level) mittels einer Treppe in einem ungeahnt weitläufigen, gleichzeitig intimen Innenhof über. Fast meint man in der Kaffeepause durch Wandelgänge um ihn herum zu flanieren.
Milla sagt, die Architektur sei so gut, er habe das Gebäude im Wesentlichen nur neu programmieren müssen, weiterdenken, das Vorhandene mit Neuem überlagern. Heißt? Die gläserne ehemalige Milchbar im großzügigen Foyer zum Beispiel ist geblieben. Das Lehrschwimmbecken ist – einfach durch Terrassierung – zum hellblau gekachelten Vortragssaal mutiert, den die Zuhörer an Tresen am Beckenrand umsitzen. Gefährlich für die Referenten, die Assoziationen. Von wegen: „Der schwimmt ja ganz schön, höhöhö“. Unvermittelt fühlt man sich in dem Gebäude mit seiner Luftigkeit, mit seinen Freiheiten, der bewussten Unbestimmtheit mancher Terrains, der leisen Überschreibung des Vorhandenen in Aufbruchsstimmung versetzt, zurück in die Zukunft.
Seifenschalen als Skulptur
Größter baulicher Eingriff war es, die Areale mit den Umkleiden zum Innenhof zu öffnen. Jetzt sind es lichte Räume. Derweil dienen die gemauerten Kabinen – die Verriegelung zeigt immer „Frei“ – inzwischen als Rückzugsräume, Denk-Alkoven und Orte zum Telefonieren. Sogar die schön untereinander gereihten Seifenschalen sind erhalten geblieben. Sie wirken wie ein Ready-made, Duchamps umfunktioniertem Urinal ähnlich. Und sie sind jederzeit wieder einsetzbar, sofern sie gebraucht werden. Architekt Boris Milla jedenfalls hält einen Rückbau des „Freischwimmer“ in ein Schwimmbad – augenzwinkernd ins Spiel gebracht – für sehr unwahrscheinlich. Aber für möglich.
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