ARD / ZDF Sparzwang bei den Öffentlichen-Rechtlichen: Das steckt dahinter
Von „Verstehen Sie Spaß?“ mit Barbara Schöneberger über die „Soko“-Krimis bis zum RTL-Frühprogramm: Quer über die Genres hinweg werden Formate eingedampft oder gestrichen – die Lücken werden oft mit Wiederholungen gestreckt. Spätestens die Tatsache, dass das teure ARD-Quotenzugpferd „Tatort“ eine episch lange Sommerpause von etwa vier Monaten einlegt, macht jedem klar: Jetzt geht es ans Eingemachte. Viele Zuschauer sind verärgert.
Die Liste der Sparopfer wird gefühlt jeden Tag länger, eines der prominentesten ist die ARD-Show „Immer wieder sonntags“: Der Fernseh-Frühschoppen mit Stefan Mross wird zum Ende der neuen Saison nach 30 Jahren eingestellt. Ein Paukenschlag war auch die Ankündigung des Mitteldeutschen Rundfunks, aus Kostengründen drei Jahre lang keinen neuen „Tatort“ und keinen „Polizeiruf 110“ mehr zu produzieren – Stars wie Hauptdarsteller Martin Brambach, der im Dresden-„Tatort“ den Revierchef spielt, protestierten vergeblich.
Große Namen schützen keineswegs vor dem Rotstift: „Verstehen Sie Spaß?“, moderiert von Barbara Schöneberger, wurde vom zuständigen SWR von fünf auf nur noch drei Ausgaben pro Jahr gedrosselt – beim Mainzer „Tatort“ mit Heike Makatsch zog der Sender vor einer Weile gleich komplett den Stecker. Beim ZDF wurde das einst von Nina Ruge bekannt gemachte Boulevardmagazin „Leute heute“ weggespart.
Einen schleichenden Sparkurs verfolgt das ZDF bei seinen sechs Krimiserien aus dem „Soko“-Kosmos. Reduzierung statt Absetzung: Von den einzelnen Ablegern werden pro Staffel immer weniger Folgen produziert – bei „Soko Stuttgart“ etwa waren es früher bis zu 30, jetzt sind es nur noch 20 Episoden. Auch bei den Serien „Bettys Diagnose“ und „Notruf Hafenkante“ werden zum Verdruss vieler Fans immer weniger neue Folgen hergestellt, die freien Sendeplätze mit Wiederholungen bestückt. Die ARD-Telenovelas „Rote Rosen“ und „Sturm der Liebe“ sind sogar von bis zu 230 Folgen auf etwa 170 neue Episoden pro Jahr geschrumpft.
Neben dem absoluten Sparzwang gibt es einen weiteren zentralen Grund für die Streichorgie: Finanzielle Mittel werden aus dem linearen Fernsehen abgezogen, um Ressourcen für digitale Projekte freizusetzen, die jüngere Zuschauergruppen erreichen sollen. Unter anderem deshalb mussten im Ersten die recht beliebten Reihen „Toni, männlich, Hebamme“ oder „Daheim in den Bergen“ über die Klinge springen. „Digital First“, nennt sich diese Strategie, zu deren kuriosesten Opfern wohl die ZDF-Krimireihe „Mordsschwestern“ zählt: Der Freitagskrimi wurde trotz exzellenter Einschaltquoten eingestellt, damit Budget für modern inszenierte Miniserien in der Mediathek frei wird – für den hochgelobten Dauerbrenner „Letzte Spur Berlin“ gilt dasselbe. Selbst Top-Quoten im linearen Fernsehen schützen eine Serie also nicht mehr vor dem Aus. Dagegen darf Hans Sigl als „Der Bergdoktor“, der in der ZDFmediathek ein absoluter Streaminggarant ist, munter weiter Herzen brechen und Knochenbrüche kitten.
Im ZDF-Vorabendprogramm am Mittwoch hat der Rotstift schon länger seine Spuren hinterlassen: Um 19.25 Uhr laufen fast keine teuren fiktionalen Serien wie „Blutige Anfänger“, „Hotel Mondial“ oder „Heldt“ mehr, sondern preisgünstigere Factual-Entertainment-Formate wie etwa die „Besseresser“-Sendungen mit Sebastian Lege. Auch die Privatsender müssen sparen. So hat RTL sein etabliertes Boulevardmagazin „Gala“ eingestellt, bei Vox flog „Prominent!“ aus dem Programm. Die kommerziellen Sender müssen auf massiv gesunkene lineare Werbeumsätze reagieren, außerdem soll Geld für das Wachstum der Streaming-Plattform RTL+ freiwerden.
Die klassischen TV-Zuschauer müssen manche Kröte schlucken – die Reaktionen des Publikums darauf sind unterschiedlich. So erntete das neue Sparformat „Deutschland am Morgen“, in dem die Frühmagazine von RTL und die Nachrichtenstrecke von ntv fusioniert wurden, bei den Zuschauern viel Kritik: den einen war es zu boulevardesk, den anderen nicht mehr informativ genug. Bei Krimiwiederholungen sind die TV-Konsumenten dagegen langmütiger. Beim „Tatort“ etwa, der dieses Jahr nur 30 Premieren bietet – in Zeiten, als das Geld noch lockerer saß, waren es bis zu 40 – funktionieren auch Wiederholungen bestens: Die Zweitausstrahlung des Münster-Krimis „Man stirbt nur zweimal“ sahen vor kurzem eindrucksvolle 6,4 Millionen Fans.