Design
Sitzen ist nicht genug: Zum 100. Geburtstag des Möbelentwerfers Verner Panton
Vielleicht sein berühmtester Entwurf: eine fließende Kurve aus dem damals noch „Putzeimer“-Material Kunststoff. Eine Utopie. Ein Ausrufezeichen. Ein Freischwinger aus einem Guss, ohne Schrauben. Auf dem Panton Chair von Verner Panton ist Sitzen kultureller Akt. Man nimmt nicht nur Platz, man gehorcht Regieanweisungen – wenn es sein muss, den eigenen. Oder wie Kate Moss 1995 auf dem Cover der „Vogue“ denen des Fotografen Nick Knight.
Die Haare wie zum Duschen hochgesteckt, nackt, vornübergebeugt, ihre Haltung quer zur Sitzrichtung – ein Zitat des Stuhlswings. Das Bild ist berühmt, die Stuhlfarbe rot. Der Panton Chair jedoch gehört zu den Stilikonen des 20. Jahrhunderts.
„Das ist doch eine Amöbe“
Der Däne Panton wurde 1926 auf Fünen geboren – als Sohn eines Gastwirts. Er wollte Maler werden, studierte dann doch Architektur in Kopenhagen. Anfang der Fünfzigerjahre arbeitete er für zwei Jahre im Büro des großen Arne Jacobsen. Aber schon 1955 fuhr er als Selbstständiger mit dem VW-Bus, dem Zeichenblock auf dem Schoß und der Skizze seines monolithischen Freischwingers im Gepäck durch Europa.
Die Reaktionen auf ihn waren anfangs skeptisch: „Das ist doch kein Stuhl, das ist eine Amöbe“, erinnert sich seine Witwe Marianne Panton in einem Interview an ketzerische Kommentare. Bei der Stuttgarter Möbelmesse 1964 nannten Kritiker seine knallbunte Präsentation „Orangerie“. In New York mussten seine wie aufgeklappte Eistüten aussehenden Stühle wegen zu hohen Verkehrsaufkommens und bremsender Autos aus dem Schaufenster geräumt werden. Sein Durchbruch kam mit Willi Fehlbaum von Vitra.
Utopist mit Zeichenstift
1968 stellte die Firma aus Weil am Rhein den Panton Chair auf der Kölner Möbelmesse vor. Panton wurde zum Andy Warhol der Designgeschichte, zum Hippie unter den Gestaltern, zum Mann der Stunde im Summer of Love. Ein Utopist mit Zeichenstift. Panton verstand es, die pfeilende Aufbruchstimmung des sogenannten „Space Age“ der Sechziger und die leicht bekiffte Lässigkeit der Seventies zu rekombinieren. Sein „Living Tower“ ist ein Kunststück zwischen Interieur-Spielplatz und sozialer Skulptur.
Weil es, wie Marianne Panton einmal erzählte, nichts gab, wozu Teile wie seine FlowerPot-Lampe aus Halbkugelschalen passten, baute er kurzerhand Totaleinrichtungen samt mitgestalteter Decken, Wände und Böden. Wie Design auf LSD wirkt Pantons höhlenartiger Living Tower, den Bayer (Leverkusen) 1970 bei der Kölner Möbelmesse vorstellte.
Privat trug er Blau
Privat trug er Blau – bis hin zu den Unterhosen. Seine Möbel ließ er Orangerotviolett eskalieren. „Man sitzt bequemer auf einer Farbe, die man mag“, lautete sein Credo. Rot lässt das Herz schneller schlagen, Blau beruhigt. Er wollte Menschen nicht nur bunt umgeben, sondern umtreiben.
Die „Spiegel“-Kantine, heute im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MK&G) installiert, ist so nicht bloß Nutzraum, sondern anfeuernde Szenografie. „Verner Panton steht für Mut, Vision und die Überzeugung, dass Gestaltung mehr ist als Form: ein ganzheitliches Erlebnis“, lässt sich Stephanie Regenbrecht zitieren, die im MK&G die Sammlung Kunstgewerbe und Design leitet. Kein Wunder, dass von Panton entworfene Möbelstücke der Pantonova-Serie aus verchromten Lineaturen im James-Bond-Film „Der Spion, der mich liebte“ (1977) glänzten – wenn auch im Hauptquartier des Bösewichts Stromberg.
Anfang der Achtziger erlebte Panton mit dem Aufkommen der Plastikskepsis einen leichten Karriereknick. Mitte der 1990er-Jahre war er wieder zurück. Am 5. September 1998 starb er im Alter von 72 Jahren – und als Ikone. Sein Stern strahlt hell in die Gegenwart.
Nicht nur Schönheit
Der Modemacher Dries Van Noten sagt über ihn: „Nicht nur die Schönheit, sondern der Optimismus in Pantons Arbeit hat mich berührt. Damals schauten Künstler und Musiker nach vorne und brachten die Zukunft in die Gegenwart.“ 2018 entwarf der Belgier Van Noten eine Kollektion in Panton-Farben als Hommage. Miuccia Prada setzte ihre Gäste bei einer Modenschau auf Panton-Hocker, die im Raum standen wie Protagonisten. Heute gibt es Versionen des Panton Chair wie „Panton Chrome“ oder „Panton Glow“, der im Dunkeln leuchtet. Marianne Panton, die Witwe, nennt ihn „das Gespenst“: „Wenn man nachts durch die Wohnung geht und diesen Stuhl leuchten sieht, bekommt man wirklich einen Schrecken!“ Am 13. Februar wäre Verner Panton 100 Jahre alt geworden.
Ausstellungen
„Form, Farbe, Raum“ heißt eine Ausstellung im Schaudepot des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, die bis zum 23. Mai läuft. Das Kunstgewerbemuseum in Berlin zeigt bis zum 13. November die Schau „Power, Pop und Polymere“: