Kultur Sinfonische Gewitter

Ein Auftragswerk der Stadt Kaiserslautern, ihr Beitrag zum gerade vergangenen Lutherjahr 2017: Marc-Aurel Floros’ sinfonische Fantasie „Luther“ zum Auftakt des jüngsten Konzerts in der Fruchthalle. Im zweiten Teil des Abends erklang Beethovens neunte Sinfonie, für den Jahresanfang eine stets beliebte Programmoption. Andreas Hotz, ehemaliger Kapellmeister am Pfalztheater, leitete das Orchester und den Chor des Hauses.
Der in Köln lebende Komponist Marc-Aurel Floros war in Kaiserslauterns Konzertleben zuvor schon wiederholt mit Kompositionen präsent.„Mit Luther“, so hieß es in den Programmnotizen zur Uraufführung, lege er eine sinfonische Fantasie vor, „die, inspiriert vom Schaffen des Reformators, dessen Leben in Musik fasst.“ Das geschah in unverstellt dramatischen, ja ausgesprochen kämpferischen Tönen, die ihrem Gegenstand im Wesentlichen vermutlich gerecht wurden. Floros schöpfte aus dem Vollen, mobilisierte die ganze geballte sonore Gewalt des großen Sinfonieorchesters. Zu erleben war ein entfesseltes Pandämonium mit gigantischen Toneruptionen und Verdichtungen, monumentalen Kulminationspunkten und erregten Steigerungen. Auf die einleitende, im weiteren Verlauf der Komposition mehrfach in abgewandelter Form wiederkehrende Choralmelodie folgten Instrumentalaufschreie von schmerzender Schärfe, grelle Pfeiftöne, wuchtige Blechbläserstöße, viel heftiges Schlagzeuggewitter, Peitschenhiebe und markante, mitunter auch martialische Rhythmen. Hartnäckige Ostinato-Wiederholungen waren ebenfalls nicht selten. Assoziationen mit dem Jüngsten Gericht mochten sich mitunter dabei aufdrängen dabei. Spannung und Entspannung stellten andererseits ein wesentliches Element der Dramaturgie von Floros` Komposition dar: Die großen sinfonischen Kraftentfaltungen alternierten regelmäßig mit Ruhepunkten der Stille. Sein Profil verdankt das Stück in erster Linie seiner farbenprächtigen Klanglichkeit und Floros` treffsicherer Orchestrierung. Es verfehlt dadurch keineswegs seine Wirkung. Der Gefahr der Eintönigkeit entgeht es allerdings auf Dauer nicht, der Komponist hätte sich möglicherweise kürzer fassen können. Auf jeden Fall erklang aber das Werk bei seiner Uraufführung in ohne Einschränkung adäquater Wiedergabe durch das konzentriert und sehr geschlossen aufspielende Pfalztheaterorchester unter der impulsiven Stabführung von Andreas Hotz, einem mit großem gestischem Aufwand agierenden Energetikers am Pult. Durch den stets wachen Ausdruckswillen, den feurigen Elan des die Musiker unermüdlich zu angespannter, emotionsgeladener Spielweise animierenden Dirigenten erhielt nach der Pause auch Beethovens neunte Sinfonie scharfe Umrisse. Ihre Aufführung stand im Zeichen von in keinem Augenblick nachlassendem intensiven Ausdrucks, prägnanten Akzentuierungen und straffer, vorwärts drängender Abläufe. Die große Linie stimmte also. Indes: wie so oft, steckte der Teufel auch diesmal im Detail. Genauer: das Klangbild des Pfalztheater-Orchesters war alles andere als durchsichtig, vieles geriet zu robust, die klangmächtigsten Sektionen dominierten oft einseitig. So waren gleich zu Beginn die Haltetöne der Hörner und der ersten Klarinette etwas zu laut im Verhältnis zu den motivisch wichtigen leisen Entwürfen der ersten Violinen. Im späteren Verlauf des Stücks verschwammen kleine Notenwerte häufig. Zudem hatte ein Piano, das diesen Namen verdient hätte, diesmal Seltenheitswert; wobei der erste Einsatz des Hauptthemas in den Celli und Kontrabässen im Finale immerhin eine feine Ausnahme bildete. Im dritten Satz kam dann das Passagenwerk der ersten Geigen kaum zur Geltung. Es konnte dabei der Eindruck mehr oder minder belangloser Begleitfiguren zum Thema der Bläser aufkommen, wo es sich doch um berückend beseelten Instrumentalgesang handelt. Diese Stellen verlangen nach sehr genau ausgehörter Tonbalance. Dafür freilich ist die Akustik der Fruchthalle, zugegeben, ausgesprochen problematisch. Schließlich aber: Beethovens schwierigen Vokalsatz haben im Finale der Pfalztheaterchor und ein Soloquartett mit Katharina Leyhe (Sopran), Polina Artsis (Mezzo), Daniel Kim (Tenor) und Wieland Satter (Bass) vorzüglich bewältigt.