Interview Shirley Manson im Interview: „... oder ich würde wie ein Stein zu Boden sinken“

Shirley Manson und Garbage haben ein neues Album am Start.
Shirley Manson und Garbage haben ein neues Album am Start.

Garbage sind dafür bekannt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Auf ihrem neuen Album kommt die Band aber weniger wütend als hoffnungsstiftend daher.

Shirley, Sie haben gerade Ihren ikonischen Polka-Dot-Dress aus dem „I Think I“m Paranoid“-Video versteigert, um denen zu helfen, die von den Waldbränden in Los Angeles betroffen waren. Sie wohnen selbst in L.A.. Hat es Sie auch getroffen? Waren Sie damals in der Stadt?
Nein, ich war zu der Zeit gerade in Ägypten. Als es brannte, rief mich meine Nachbarin an. Sie sagte mir, dass das Feuer nicht mehr weit von unserem Haus entfernt sei und bot an, noch schnell ein paar wichtige Gegenstände daraus zu retten. Das hatte mich in Alarmbereitschaft versetzt, aber zum Glück sind wir vom Feuer verschont geblieben. Anders als der Rest der Stadt. Es war sehr schlimm. Viele Menschen, die ich kenne, sind betroffen.

Die Bilder, die man von dem Brand sah, sahen nach Apokalypse aus. Und standen symbolhaft für das Gefühl, das in den USA ob der politischen Situation viele haben. Als Sie mit den Arbeiten am neuen Album begonnen hatten, wussten Sie da schon, dass es politisch werden würde?
Unser letztes Album „No Gods No Masters“ war sehr politisch. Es war aus der Wut geboren, beobachten zu müssen, wie die extremen rechten Kräfte überall erstarkten. Bei der neuen Platte wollten wir einen anderen Ansatz wählen. Auch meiner eigenen geistigen Gesundheit willen. Mir war klar, dass ich mein Mitgefühl, meine Hoffnung anzapfen musste, oder ich würde wie ein Stein zu Boden sinken. In den letzten drei Jahren litt ich nach Hüft-Operationen unter starken Schmerzen, was meine Psyche stark belastet hat. Ich musste mich auf meine Genesung und Positivität konzentrieren. Dennoch ist die Welt gerade verstörend. Und das alles fließt in das Album ein. Nur eben auf eine andere, weniger wütende Art als bei „No Gods No Masters“.

Man hat den Eindruck: Viele sind über das Stadium Wut gerade hinaus, sind entweder resigniert oder, wie Sie offensichtlich, versuchen positive, optimistische Energie zu verströmen.
Ich kann nur für mich sprechen, aber ja, ich bin über die Wut-Phase hinaus. Die Welt hat sich in die Richtung entwickelt, vor der ich immer gewarnt und vor der ich immer Angst hatte. Meine Wut hilft mir jetzt nicht mehr weiter. Es ist zu spät. Ich muss meinen Intellekt und meine Energie jetzt anders einsetzen. Jetzt die Hoffnung zu bewahren, das ist Ungehorsam. Widerstand. Wir sind nun dieser bizarren Flutwelle an Gier, Zerstörung und Wut ausgesetzt, aber auch die wird irgendwann abebben.

Der Titel des Openers „There Is No Future In Optimism“ führt einen da ja erst einmal auf eine ganz andere Fährte.
Hier ist die Dynamik der Band offengelegt. Als ich verletzt ans Bett gefesselt war, habe ich die Band ermutigt, ohne mich weiter an der Musik zu arbeiten. Wir arbeiten immer langsam, und ich wusste, wir mussten unbedingt loslegen. Die Band schickte mir aus dem Studio Ideen per Mail zu, und ich arbeitete dann aus dem Bett heraus an den Lyrics. Eine ihrer Ideen trug den Titel „There Is No Future In Optimism“. Das löste etwas in mir aus. Den Titel fand ich interessant, er stand im krassen Kontrast zu meiner Gefühlslage und meiner Vorstellung für die Platte. Ich glaube genau an das Gegenteil. Im Grunde war das gegen diesen Titel anschreiben die Initialzündung für die Message des Albums.

Ist es wahr, dass der Song vom Mord an George Floyd inspiriert wurde?
Das war ein Teil davon. In diesen Lyrics findet sich all das Verstörende wieder, dass mir in den drei Jahren der Pandemie zugestoßen ist oder das ich wahrgenommen habe. Auch der Horror, den ich empfunden habe, als ich den Mord an George Floyd sah, ist miteingeflossen. Ich lebe in Hollywood, dem Epizentrum des Black-Lives-Matter-Protests, und hier war in jenen Tagen viel Sirenengeheul zu hören, wir hatten hier 24/7 kreisende Helikopter, das war sehr befremdlich. Man kam sich wie in einem Polizeistaat vor. Und dann, mitten in einem der Lockdowns, in denen ich mich als Schottin ohnehin fühlte, als sei ich in den USA eingesperrt, gab es auch noch ein schweres Erdbeben, das mich mitnahm. All das spiegelt sich in der Single wider.

Sie haben eine schwere Zeit durchgemacht. Neben der OP, den Schmerzen, gab es auch den Tod Ihres Hundes. Was hat Ihnen durch diese Phase geholfen? Ich las, sie praktizieren positives Denken …
Ja, ich hatte lange starke, physische Schmerzen. Als mein Hund starb, wollte ich auch sterben. Ich war depressiv. Am Ende hat es mir geholfen, zu verstehen, dass ich dankbar sein muss. Für mein Leben, meine Karriere, meine Band, meine Familie, meinen Ehemann. Das ist positives Denken. Dankbarkeit. Es hat mich gerettet. Und es hat mich durch die lange Reha geführt, in der ich erst wieder laufen lernen musste, was nicht nur physisch, sondern auch mental sehr anstrengend war. Ich bin in der Zeit als Mensch gewachsen, habe viele Skills und Strategien gelernt, mich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren. Meine manchmal katastrophische Vorstellungskraft, mein Unvermögen, das Jetzt zu sehen, haben mir in meinem Leben viel Stress bereitet.

Drückt sich dieses Dankbarkeitsgefühl in dem Song „The Day I Met God“ aus?
Ich stand unter kräftigen Schmerzmitteln und hatte brain fog. Die ersten Wochen nach jeder OP war ich nicht ich selbst. Irgendwie stolperte ich über diesen Chorus: Was ist Gott? Eine Frage, die ich mir gestellt habe im Angesicht der eigenen Mortalität. Als junger Mensch habe ich mir nie über den eigenen Tod Gedanken gemacht, ich fühlte mich nicht zerbrechlich. Und plötzlich war ich das, ich konnte diesen Fragen nicht mehr ausweichen. Während der Reha wurde mir klar, dass Liebe, die mir entgegengebracht wurde und wird, für mich ein Motor ist. Und ich rede da nicht nur von romantischer Liebe, sondern auch von der Liebe durch ein Tier oder von einem Freund oder durch eine Gemeinschaft. Zur Natur. Und da fiel mir dieser Chorus ein. Mein Mann hat mir in meinem Schlafzimmer ein Mikro aufgebaut und ich habe dann dort den Gesang zu diesem Song aufgenommen. In diesem Moment, voll auf Tramadol, hatte ich das Gefühl: Ich habe Gott gesehen. Und plötzlich ergab alles Sinn. Halleluja.

Man spürt auf der Platte Ihren Kampfgeist. Bei „Chinese Fire Horse“ zum Beispiel, ein Lied, in dem Sie sich damit auseinandersetzen, dass so mancher Journalist Sie schon in Rente schicken will. Der Song nahm fast die Überschrift der „Daily Mail“ („Iconic American rock band looks unrecognisable“) vorweg, die Sie ja dann auch auf Instagram kommentiert haben.
Vorweggenommen habe ich das nicht. Die Erfahrung habe ich schon bei der Promo zum letzten Album gemacht. An Interview-Tag eins, ich war 54 Jahre alt und hatte ein Major Label im Rücken, haben mich zwei Journalisten unabhängig voneinander gefragt, wann ich in Rente gehen würde. Das hat mich sehr geschockt, aber auch wütend gemacht. Denn ich habe es echt satt, dass Frauen über 30 gesagt wird, sie sollen bitteschön in Rente gehen. Das nervt. Das ist langweilig. Und gefährlich. Die Lyrics sind als Antwort auf diese Erfahrungen verfasst worden. Auf die „Daily Mail“ habe ich reagiert, weil sie ein Jahr zuvor schon genau die gleiche Story gefahren hat. Sie hatte Bilder aus meinem jüngsten Urlaub in Mexiko mit Bildern von mir von 1995 nebeneinander abgedruckt. Die Message: Shirley Manson ist kaum mehr erkennbar. Ich rede jetzt darüber, weil ich zeigen will: Es ist keine Sünde, älter zu werden. Wir erleben nun zum ersten Mal, wie Frauen in der Musikindustrie im hohen Alter noch Karrieren haben: Patti Smith, Chaka Khan, Stevie Nicks, Debbie Harry, Chrissie Hynde, die Liste ist endlos. Älter zu werden, bedeutet nichts, wenn man einfach nur seine Leidenschaft behält.

Die Musik ist für Garbage-Verhältnisse poppig geraten.
Ich finde sie düster und eher cinematographisch. Und das liegt wohl daran, dass die Band ohne mich, also ohne Gesang, an den Songs arbeiten musste. Für uns ein neuer, disruptiver Ansatz. Die Jungs haben mich mit ihrer Musik überrascht.

Sie sagten neulich: Sie müssen glauben, dass Musik und Kunst immer noch einen Einfluss auf Gesellschaft und Kultur haben. Dass Sie dieser Glauben antreibt. Erodiert das? Taylor Swifts Endorsement für Kamala Harris hatte null Effekt. Leben wir nicht mehr im Zeitalter der Musiker, sondern in dem der Influencer?
Darüber könnte ich stundenlang sprechen! Da spielt so viel rein. Die westliche Welt verändert sich gerade. Für diese ist es ein revolutionäres Zeitalter. Wir sehen grenzenlosen Kapitalismus, das Erstarken rechter Kräfte, die Angst vor Immigration in westlichen, vornehmlich weißen Ländern. Und dann sehen wir eine Band wie die junge, irische Band Kneecap und den Furor, den sie auslöst. Man kann sie mögen oder auch nicht, je nachdem, wo man steht, aber sie schlagen Wellen. Ich glaube schon, dass es bestimmte Künstler gibt, die zu einer bestimmten Zeit in ihrer Karriere einen Impact haben können. Taylor hatte eine lange Zeit einen großen Einfluss, aber natürlich hält auch dieser nicht für immer. Vielleicht haben wir da das Ende ihres ganz großen Einflusses auf die Kultur erlebt. Vielleicht ist auch sie jetzt in dem Alter, in dem sich die jüngere Generation abwendet und wieder ihre eigenen, neuen Stars findet. Aber das ist natürlich. Ich denke, Musik wird immer einen Einfluss haben. Musik, Kunst – das sind Dinge, die die Menschen schon immer umtrieben haben. Selbst in prähistorischen Zeiten.

Ihr geht mit eurer Kunst jetzt auf Tour, erstmal in die USA und nach Kanada. Plant ihr auch für Europa?
Leider sind die USA und Kanada die einzigen Länder, in denen es wir uns gerade leisten können zu touren. Nach Europa zu kommen, das ist derzeit unmöglich. Viele verstehen nicht, wie die Ökonomie in der Musikindustrie funktioniert. Wir waren vergangenes Jahr in Europa auf Tour, auch in Deutschland, das war nicht einfach. Ich sage das nicht, um zu jammern, wir sind als Band in einer privilegierten Situation. Ich mache mir eher Sorgen um zukünftige Musikergenerationen, denen es schwerer gemacht wird, ihr Land zu verlassen und auf Tour zu gehen. Internationales Touren funktioniert heute vor allem für zwei Typen von Künstlern: die jungen, aufstrebenden, die so manche Strapaze noch ertragen und auf sich nehmen. Und die massiven Pop-Stars wie Beyoncé, die sich das noch leisten können. Aber wer nicht zu letzteren zählt und schon zwei, drei Alben veröffentlicht hat, für den wird es schwieriger.

Zur Person

Shirley Manson lebt zwar in den USA, stammt aber eigentlich aus Schottland (Jahrgang 1966). 1994 stieg die Musikerin bei der US-amerikanischen Band Garbage ein, die mit Hits wie „Stupid Girl“, „Only Happy When It Rains“ oder „I Think I’m Paranoid“ große Erfolge feierte. 1999 steuerte die Gruppe, zu der auch Butch Vig, Produzent von Nirvanas „Nevermind“, gehört, den James-Bond-Titelsong „The World Is Not Enough“ zum gleichnamigen Film bei. Gerade ist mit „Let All That We Imagine Be The Light“ das achte Studioalbum der Alternative-Rocker erschienen.

x