Film der Woche RHEINPFALZ Plus Artikel „September 5“ über das Olympia-Attentat 1972

Leonie Benesch (r) als Marianne Gebhardt und Marcus Rutherford als Carter in einer Szene des Films "September 5 - The Day Terror
Leonie Benesch (r) als Marianne Gebhardt und Marcus Rutherford als Carter in einer Szene des Films »September 5 - The Day Terror Went Live«.

„September 5 – The Day Terror Went Live“ des Schweizers Tim Fehlbaum überzeugt durch seine schlichte Sachlichkeit.

Vor 20 Jahren kam der bisher wohl bekannteste Film zum Münchner Olympia-Attentat von 1972 in die Kinos: „München“ von Star-Regisseur Steven Spielberg. Jetzt erscheint dazu „September 5 – The Day Terror Went Live“ des Schweizers Tim Fehlbaum. Er verzichtet völlig auf äußere Spannung. Abgesehen von einigen historischen Aufnahmen zeigt er weder Täter noch Opfer.

Tim Fehlbaum blickt nicht direkt auf die schockierenden Ereignisse des 5. September 1972, sondern auf ein Team des US-amerikanischen TV-Senders ABC, Zeugen des Terroraktes und unmittelbare Berichterstatter. Über deren Arbeit wird das furchtbare Geschehen reflektiert. Der Schwerpunkt des Spielfilms, an dessen Drehbuch Tim Fehlbaum entscheidend mitgearbeitet hat, liegt auf Fragen zu Ethik und Moral. Die entscheidende: Was darf, was muss professioneller Journalismus leisten und was nicht? Das ist heutzutage, da aufputschende Fakenews und Privatmeinungen im Internet und anderswo mehr und mehr eine auf Fakten basierende Berichterstattung torpedieren, überaus aktuell. Pathos bleibt dabei aus. Gerade die schlichte Sachlichkeit des Erzähltons nimmt gefangen. Denn sie bringt einen als Zuschauer rasch dazu, sich gedanklich beispielsweise an den Diskussionen darum, was gezeigt werden muss beziehungsweise darf und was nicht, einzumischen.

Ganzes Ausmaß des Horrors gezeigt

Im Zentrum also stehen das Journalisten- und Fernsehtechnik-Team, hochkarätig besetzt etwa mit John Magaro („Call Jane“), Peter Sarsgaard („Memory“) sowie Ben Chaplin („Cinderella“), und eine deutsche Dolmetscherin (Leonie Benesch). Sie berichten routiniert von der Olympiade. Doch dann nehmen acht Leute der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ israelische Athleten als Geiseln. Das Ende: elf Sportler, Trainer, Schiedsrichter, ein Polizist und fünf Geiselnehmer sind tot. Die Fernseh-Crew nimmt auf, was möglich ist und sendet es in die Welt. Live! Das gab es nie zuvor. Der Film schlachtet das nicht als Sensation aus. Stattdessen zeigt er in einem atmosphärisch dichten Kammerspiel vor allem die Beklemmungen im TV-Studio, den emotionalen Druck, unter dem die Beteiligten stehen, die Mühe, Menschlichkeit und journalistischen Ehrgeiz in Einklang zu bringen. Die Montage aus fiktionalen Szenen und historischen Aufnahmen zeigt durchaus das ganze Ausmaß des Horrors von 1972, auch, wie ungenügend die deutschen Sicherheitsbehörden vorbereitet waren und wie fatal falsch sie handelten. Doch insbesondere werden Möglichkeiten und Grenzen von nützlichem, notwenigem und eben auch unnützem, nicht vertretbarem Journalismus„ ausgeschritten. Das führt zu einem kraftvollen Plädoyer für eine solide, auf bestätigten Wahrheiten beruhende Berichterstattung.

Spürbares Engagement

Das Schauspielteam hat mit spürbarem Engagement agiert. Hochkonzentriert in den Darstellungen, ziehen die Akteure das Publikum in den Bann. Herausragend: Leonie Benesch als Marianne Gebhardt, eine junge Deutsche. Engagiert wurde sie, um den US-Amerikanern rund um die Wettkämpfe zu dolmetschen. Statt sportlichen Begriffen muss sie nun aber die Nachrichten von den deutschen Medien und der Polizei übersetzen. Leonie Benesch arbeitet seit etwa 15 Jahren regelmäßig für Film und Fernsehen, so in dem Kino-Erfolg „Das weiße Band“ und in der Serie „Babylon Berlin“. Weitreichende Bekanntheit bei einem großen Publikum errang sie allerdings erst 2023 mit der vielschichtigen Interpretation einer überforderten Pädagogin in „Das Lehrerzimmer“, ausgezeichnet mit dem Deutschen Filmpreis in der Kategorie Beste weibliche Hauptrolle. Es ist ihre Marianne, dank derer wohl das Gros der Kinobesucher in die Ereignisse von München geleitet wird. Mit sensiblem Spiel macht Leonie Benesch die Nicht-Journalistin zur Identifikationsfigur für Menschen, die in ganz anderen Berufsfeldern als denen von Zeitung, Hörfunk, Fernsehen und Online-Plattformen zuhause sind. Ihnen öffnet ihr sensibles Spiel den Zugang. Dank dieser Leistung dürften die Schauspielerin nun Angebote aus aller Welt erreichen. Herauszuheben ist daneben die exzellente Arbeit des Kameramanns Markus Förderer. Er hat schon die beiden ersten Spielfilme von Regisseur Fehlbaum fotografiert. Die zwei sind ein eingespieltes Team. Förderers oft fast fiebrig anmutende Bildgestaltung in matten, reduzierten Farben trägt wesentlich dazu bei, dass man sich als Zuschauer direkt einbezogen fühlt. Und so stellt man sich am Ende eine Frage, die auch der Film aufwirft, aber bewusst unbeantwortet lässt: Sind Live-Reportagen, wie die vom September 1972 in München richtig oder geben sie Tätern nicht genau das, was sie wollen, nämlich öffentliche Aufmerksamkeit?

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