Kaiserslautern
Schuld und Sühne: Die Oper „Dead Man Walking“ am Pfalztheater
Regisseur Philipp Westerbarkei ist eine packende Inszenierung des schweren Stoffes gelungen. Auch musikalisch glänzten sowohl die Solisten – allen voran Anna Harvey als Sister Helen und Hyunkyum Kim in der Rolle des Joseph de Rocher – als auch Chor und Orchester unter dem Dirigat von Olivier Pols mit einer Spitzenleistung.
Jake Heggies Operndebüt, 2000 als Auftragswerk der San Francisco Opera im dortigen War Memorial Opera House uraufgeführt, zählt zu den meistgespielten zeitgenössischen Opern. Und „Dead Man Walking“ behandelt ein brandaktuelles Thema: die Todesstrafe. In Deutschland müssen wir uns zum Glück nicht damit auseinandersetzen, aber weltweit wird die Todesstrafe zunehmend häufiger vollzogen, auch in den USA hat die Zahl der Hinrichtungen wieder zugenommen.
Jake Heggies Oper beruht auf dem Buch „Dead Man Walking“ der amerikanischen Ordensschwester Helen Prejean, einer engagierten Aktivistin gegen die Todesstrafe, das 1993 für den Pulitzerpreis nominiert und 1995 prominent mit Susan Sarandon und Sean Penn verfilmt wurde. Helen Prejean, Lehrerin für Englisch und Religion, betreut seit 1981 – anfangs mittels Brieffreundschaften – Todeskandidaten wie den 1984 auf dem elektrischen Stuhl hingerichteten Elmo Patrick Sonnier.
Jake Heggies Librettist Terrence McNally verschmilzt in der Oper zwei Täter aus dem Buch von Schwester Helen Prejean zu einer einzigen Figur. Im Gegensatz zur Verfilmung kann Sister Helen dem als Mörder verurteilten Joseph de Rocher, dem vorgeworfen wird, zusammen mit seinem Bruder eine junge Frau vergewaltigt und sie und ihren Freund getötet zu haben, unmittelbar vor seiner Exekution ein Geständnis abringen.
McNally und Heggie lassen auch keinen Zweifel daran, dass Joseph de Rocher (Hyunkyum Kim) schuldig ist, denn ihre Oper setzt mit einer Vergewaltigungsszene ein.
Die Einheitsbühne von Thomas Dörfler zeigt ein Motel-Apartment im Stil der 1980er Jahre – den „amerikanischsten aller Räume“, wie der Bühnenbildner betont –, das im Verlauf der Handlung immer leerer wird. Hier sitzt Joseph de Rocher auf einem Sofa und nimmt sich mehrmals ein Bier aus dem Kühlschrank. Ein Streicherthema setzt ein, begleitet von einer in sich kreisenden Begleitfigur, die an Minimal Music denken lässt.
Durch ein Fenster im Hintergrund sieht man schattenhaft das Verbrechen, das sich vor allem in der Musik abspielt. In die Popmusikweise eines tanzenden Paares brechen hektisch erregte Klänge ein, die in ihrer Bildgewalt sogleich an Filmmusik erinnern. Joseph, der durch Stroboskopeffekte wie elektrisiert scheint, zieht den Vorhang zu – die Szene schwenkt über zu Sister Helen, die gemeinsam mit Sister Rose (Jelena Bankovic) mit Kindern den Gospel „He will gather us around“ einstudiert, der sich wie ein Leitmotiv durch die Oper zieht.
Helen hat einen Brief von Joseph de Rocher erhalten, in dem er sie um ein Treffen bittet. Trotz der Warnungen von Rose entschließt sie sich zu der strapaziösen Fahrt, bei der sie sich auch einen Strafzettel einfängt. Ihre Stimmungen und Stimmungsschwankungen reflektiert die Musik Heggies dabei wie ein Kaleidoskop, in dem sich ein tönendes Psychogramm zusammensetzt, Sinnbild ihrer inneren Zerrissenheit.
Grelle Orchesterblitze markieren ihr Zusammentreffen mit dem scheinheiligen Gefängnisseelsorger Father Grenville (Daniel Kim), der sie auffordert, wieder zu gehen, hier könne sie nichts ausrichten. Im Hintergrund spielen sich derweil Szenen ab, in denen Wärter Häftlinge niederknüppeln. Auch Gefängnisdirektor George Benton (Arkadiusz Jakus), der schon lange an seinem Amt verzweifelt und um seine eigene moralische Haltung ringt, versucht ihr klarzumachen, wie schwierig die Aufgabe sei, die sie sich vorgenommen hat – inmitten dieser Männer auf der Wartestation im Todestrakt, die nur noch Wut, Hass und Angst kennen.
Joseph de Rocher zeigt sich zunächst sehr verschlossen und versucht, Sister Helen zu provozieren, doch nach und nach nähern sie sich in einem Dialog an, auch wenn dieser zunächst ein tastender Schlagabtausch ist. Die Musik ist hier wiederum der Spiegel der Seele, sie leuchtet oszillierend jede Regung aus.
Ein dramatischer Konflikt spielt sich ab, als die Eltern der ermordeten Teenager mit Joseph de Rocher und Sister Helen zusammentreffen. Denn sie hat ihn nicht zu einem Geständnis bewegen können, er beteuert lediglich, dass ihm der Verlust ihrer Kinder leid tue. Aggressiv, aber auch gebrochen tritt hier vor allem Owen Hart (Johannes Fritsche) hervor, dessen Ehe mit seiner Frau Kitty (Valerie Gels) durch den nicht bewältigten Tod ihrer Tochter zerbrochen ist. Aber auch Bethany Yeomen als Josephs Mutter berührt zutiefst mit ihrer Bitte an den Begnadigungsausschuss, in der sie die schwierigen Lebensumstände schildert, unter denen sie Joe und seine beiden Brüder groß gezogen hat. Die Protagonisten treten hier immer wieder vor ein Mikrofon, das Publikum im Saal wird so unmittelbar ihr Auditorium und ihr Gericht.
Sister Helen steht dabei zwischen allen Fronten. Immer wieder versucht sie, Joseph dazu zu bewegen, sich zu seiner Tat zu bekennen – was er bis zuletzt verweigert, weil er dem Staat nicht das Recht geben will, ihn zu töten. Er wirft auch Sister Helen vor, nur ihr Gewissen beruhigen zu wollen.
Erst ganz am Ende, als sein Hinrichtungsdatum feststeht und er herausfindet, dass auch Sister Helen wie er ein Elvis-Fan ist, ringt er sich dazu durch, die Wahrheit zu bekennen und so Vergebung erlangen zu können.
Die britische Mezzosopranistin Anna Harvey, ein Gast von der Deutschen Oper am Rhein, und Bariton Hyunkyum Kim wachsen stimmlich wie darstellerisch über sich selbst hinaus und bringen in der psychologisch stringenten, absolut stimmigen Personenführung von Philipp Westerbarkei die inneren Konflikte der Figuren zum Ausdruck, die der musikalische Klangkörper durchlebt. Hyunkyum Kim, dessen kurze, abgehackte Phrasen seine anfängliche Verschlossenheit charakterisierten, verändert sich dabei zunehmend; sein Klang wird weicher, melodischer und offenbart zunehmend seine Ängste und seine Verletzlichkeit. Überhaupt zeichnet sich Heggies Partitur durch große atmosphärische Dichte aus und integriert unterschiedlichste Stilelemente zu einer in sich stimmigen musikalischen Handschrift. Zusammen mit den übrigen Solisten und dem Chor lässt Dirigent Olivier Pols mit dem heimlichen dritten Star des Abends, der Pfalzphilharmonie, dieses packende Drama um Erlösung in einer unbedingt sehenswerten Produktion lebendig werden.
Termine
25., 28. Juni; 1. Juli.