Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Schöne des Tages: Orchideen im Bliesgau

 Kalkhalbtrockenrasen im Raum Zweibrücken: Ziemlich genau die Hälfte aller in Deutschland vorkommenden Orchideenarten blühen hie
Kalkhalbtrockenrasen im Raum Zweibrücken: Ziemlich genau die Hälfte aller in Deutschland vorkommenden Orchideenarten blühen hier.

Kalkreicher Boden und steile Hänge in der Sonne: Die Südwestpfalz um Zweibrücken und der angrenzende Bliesgau sind wie gemacht für Orchideen. Die Blüte der seltenen Schönheiten beginnt dieser Tage. Sie brauchen einen Pilz und den Menschen zum Überleben. Doch manchmal liebt der Mensch sie auch zu Tode.

Es sind nicht nur Naturschutzgebiete, in denen zwischen April und August Hunderte von Exemplaren heimischer Orchideen ihre bizarren Blüten treiben. Wer wie Ilse Heintz und Anita Naumann ein geschultes Auge für die seltenen Schönen hat, entdeckt sie auch anderswo, sogar an Straßenböschungen. „Das Große Zweiblatt ist so eine eher unempfindlichere Art. Sie wird aber oft gar nicht als Orchidee wahrgenommen, weil sie unauffällige Blüten hat. Da geht man dran vorbei“, erzählt Naumann. Das ist bei plakativen Arten wie der Bocksriemenzunge – eine der Lieblingsarten Naumanns – schon anders: „Kniehoch und mit in sich gedrehten auffälligen Zungen, das zieht die Blicke auf sich.“

Die Umweltwissenschaftlerin und Biogeografin, Jahrgang 1982, betreut im Zweckverband Biosphäre Bliesgau den Fachbereich Naturschutz, Forschung und Monitoring im Biosphärenreservat Bliesgau, das auf saarländischer Seite an die Pfalz anschließt – mit gleichen Böden und ähnlichen landschaftlichen Gegebenheiten und damit auch vielen Orchideen. Ilse Heintz, von Haus aus Lehrerin, tritt mit 81 Jahren inzwischen zwar etwas kürzer, hat sich aber unter anderem in 25 Jahren als Vorsitzende der Zweibrücker Pollichia-Gruppe intensiv den Orchideen gewidmet, Besuchergruppen geführt, Vorträge gehalten.

Rund um den Zweibrücker Flughafen, Richtung Contwig, bei Battweiler und Mittelbach, Mörsbach, Oberauerbach und Kirrberg, nahe Dietrichingen wachsen die Pflanzen – „zuverlässig 28 bis 30 verschiedene Arten können wir jedes Jahr im Zweibrücker Raum nachweisen“, sagt Heintz. Das ist ziemlich genau die Hälfte aller in Deutschland vorkommenden Arten. Die Standorte sind meist solche, die spätestens mit der Mechanisierung der Landwirtschaft nicht mehr für den Menschen attraktiv waren: steile, warme Hänge, aber auch vom Militär belegte und damit geschützte Flächen und ehemalige Kalksteinbrüche. Details verraten die Naturschützer nicht gern: Zu viel Besuch gefährdet das fragile Gleichgewicht der Natur in solchen Zonen.

Die Ersten blühen im April

Die Hauptblütezeit der Orchideen liegt im Mai, doch etwa das Kleine Knabenkraut und die Kleine Spinnenragwurz wagen sich auch schon im April aus der Deckung der Gräser und Kräuter ihrer Magerwiesen. Orchideen tragen oft beschreibende Namen wie Fingerwurz, Hängendes Männchen und Netzblatt. Knabenkraut und Spinnenragwurz machen da keine Ausnahme.

Beispiel Knabenkraut: Die Wurzelknolle des Kleinen Knabenkrauts und die seiner Verwandtschaft wie etwa Purper-, Helm-, Manns- und Brandknabenkraut, ähnelt in ihrer Form zwei Hoden. Daher kommt der Name und deshalb wurde aus der Pflanze in nicht allzu grauer Vorzeit ein Trank gewonnen, der die Potenz steigern sollte. „Es war ja so, dass vom Aussehen einer Pflanze auf ihre Wirksamkeit geschlossen wurde“, erzählt Heintz. „Das ist natürlich Humbug. Und die Art ist überdies strengstens geschützt.“

Auch die Ragwurz-Arten – alle fünf in Deutschland vorkommenden wachsen im Boden des Zweibrücker Westrich – haben im Zusammenhang mit Fortpflanzungsmethoden Berühmtheit erlangt. „Sie setzen auf eine Strategie, die aus menschlicher Sicht schon fies genannt werden kann“, sagt Ilse Heintz schmunzelnd. Diese Schönen des Tages nämlich bilden mit ihrer Blüte den Körper von Insekten nach. Spinnen, Fliegen, Bienen und Hummeln gehen ihnen deshalb auf den Leim. Lässt sich etwa ein liebestolles Hummelmännchen auf der Hummel-Ragwurz nieder, wird ihm von der Pflanze ein vorbereitetes Pollenpaket auf die Stirn gepflanzt, das die Hummel dann zur Bestäubung auf die nächste, zwittrige, Pflanze trägt. „Für die Orchideen ist das perfekt, aber für die Hummel heißt es: Außer Schönheit nix gewesen“, erzählt Heinz. „Pollen und Nektar gibt es nämlich nicht.“

Gewinner und Verlierer

Die Fliegen-Ragwurz scheint, so sagt es Anita Naumann, auf dem Rückzug zu sein. An bekannten Standorten fehlt sie heute oft. Die Bocksriemenzunge und die Bienen-Ragwurz gehören dagegen offenbar in der Südwestpfalz und dem Bliesgau zu den Klima-Gewinnern. Nach drei trockenen Jahren sind ihre Bestände gewachsen, haben die Pflanzen sogar neue Standorte erobert.

Auch die Pyramiden-Orchis mit ihren Blüten in pink kommt mit den trocken-warmen Bedingungen offenbar gut zurecht. Vor etwa 20 Jahren wurde die Art bei Mittelbach entdeckt von Peter Wolff und dem inzwischen verstorbenen Doktor der Botanik Walter Lang. „Das war sensationell“, erinnert sich Heintz. „Heute sind aus den damals 50 Pflanzen über 500 geworden.“

Trocken, warm und kalkreich mögen die meisten Orchideen ihren Standort, doch es gibt im Zweibrücker Westrich und im Bliesgau auch Arten, die feuchte Wiesen und lichte Wälder bevorzugen, teils sogar von Gemeinschaften mit bestimmten Nachbarpflanzen abhängig sind. Ob diese Arten, darunter die auch schon ab April blühende Breitblättrige Fingerwurz, mit zunehmender Trockenheit klarkommen werden? Ilse Heintz zumindest sorgt sich um Waldvögelein, Waldhyazinthe und Sumpf-Stendelwurz.

Das Klima im Wandel ist ein Unsicherheitsfaktor, wenn es um die Zukunft der heimischen Orchideen-Arten geht. Doch sie brauchen ganz allgemein tatkräftige Hilfe, um zu gedeihen: Orchideen wollen ungestört sein, vertragen keine Bodenbearbeitung. Andererseits dürfen sich auch keine Sträucher auf ihren Wiesen ausbreiten. Eine Mahd ist deshalb notwendig, Pflügen und Eggen aber wären tödlich für den Artenreichtum der Pflanzen, Insekten und Vögel, ebenso wie gar keine Nutzung der Flächen. Längst sind überall in den Naturschutzgebieten spezialisierte Firmen im Einsatz.

Ein Pilz sorgt für die Kleinen

„Kalkhalbtrockenrasen gehören zu den gefährdetsten Lebensräumen in Mitteleuropa“, erläutert Naumann. „Orchideen brauchen eine vielfältige Kulturlandschaft, das Ineinandergreifen verschiedener Kleinlebensräume.“ Und sie brauchen einen Bodenpilz. Von ihm erst erhalten die puderfeinen Orchideensamen die nötige Energie zum Keimen. Auch später leben Orchidee und Pilz in trauter Nachbarschaft. „Deshalb macht es überhaupt keinen Sinn, wilde Orchideen auszugraben. Im heimischen Garten halten die sich nicht“, betonen Neumann und Heintz unisono. Leider passiere es trotzdem.

Orchideen sind entwicklungsgeschichtlich gesehen junge Pflanzen, „die Schranken unter den Arten sind noch nicht sehr streng geschlossen“, sagt Ilse Heintz. Und so entstehen immer wieder neue Formen auf natürliche Art: Orchideen, deren Blüten eindeutige Merkmale von zwei Elternarten aufweisen und besondere Farbschläge beispielsweise. „Es gibt Stellen mit Hunderten von Kleinen Knabenkräutern nicht nur im üblichen Dunkellila, sondern auch in Rosa und Weiß.“

Das lockt Botaniker und Laien gleichermaßen an. Manch einer schieße in seiner Begeisterung übers Ziel hinaus, berichten Heintz und Naumann unisono. „Da werden Wege verlassen, und die Wiese wird niedergedrückt, nur um ein scheinbar noch ein bisschen besseres Foto zu bekommen.“

Für die Orchideen und die anderen Pflanzen und Tiere in den empfindlichen Gebieten sei das fatal. Zu allem Überfluss habe der Besucherandrang allgemein zuletzt enorme Ausmaße angenommen. Ein Beispiel: der Orchideenpfad im saarländischen Gersheim. An zehn Stationen erhalten Besucher dort Informationen rund um das Gebiet und seine Bewohner. Außer Orchideen sind das auch besondere Arten aus den Reihen der Schmetterlinge, Vögel und Heuschrecken.

Der Pfad im Naturschutzgebiet ist inzwischen so überlaufen, dass es der Gemeinde am liebsten wäre, wenn sich die „Orchimanen“ nur noch geführten Touren anschließen würden. Naturschützer sprechen in solchen Fällen gern von „Opfergebieten“ – sie werden vielen Belastungen ausgesetzt, sorgen aber andererseits dafür, dass Menschen den Naturschätzen überhaupt noch nahe kommen können. Man hofft auf Einsicht und Disziplin. In den Worten von Ilse Heintz: „Ich bitte alle: Erdrückt die Pflanzen beim Fotografieren nicht.“

Führungen

Informationen zu Touren gibt es unter 06843/8010.
Wagt sich schon im April aus der Deckung der Gräser und Kräuter: das Kleine Knabenkraut.
Wagt sich schon im April aus der Deckung der Gräser und Kräuter: das Kleine Knabenkraut.
Das Manns-Knabenkraut und seine Verwandten heißen so wegen der Form ihrer Wurzelknolle.
Das Manns-Knabenkraut und seine Verwandten heißen so wegen der Form ihrer Wurzelknolle.
Das Breitblättrige Knabenkraut, einst als Potenzmittel gesucht und wie alle seine Verwandten heute streng geschützt.
Das Breitblättrige Knabenkraut, einst als Potenzmittel gesucht und wie alle seine Verwandten heute streng geschützt.
Die Bocksriemenzunge: Kniehoch und mit in sich gedrehten auffälligen Zungen, das zieht die Blicke auf sich.
Die Bocksriemenzunge: Kniehoch und mit in sich gedrehten auffälligen Zungen, das zieht die Blicke auf sich.
Alle fünf in Deutschland vorkommenden Ragwurz-Arten wachsen im Zweibrücker Westrich, hier die gefährdete Fliegen-Ragwurz.
Alle fünf in Deutschland vorkommenden Ragwurz-Arten wachsen im Zweibrücker Westrich, hier die gefährdete Fliegen-Ragwurz.
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