Möbeldesign RHEINPFALZ Plus Artikel Sauna für alle! Die Kölner Möbelmesse

Sieger des Nachwuchswettbewerbs: Mobile Sauna für überall von Studierenden der Kunsthochschule Giebichenstein in Halle.
Sieger des Nachwuchswettbewerbs: Mobile Sauna für überall von Studierenden der Kunsthochschule Giebichenstein in Halle.

Auf der Kölner Möbelmesse sitzt man auf Alpakafell und wärmt sich das kalte Herz mit nachhaltigen Sofas. Im Schlafzimmer fällt der Vorhang. Die Schwitzhütte ist das Wohnterrain der Stunde. Ein Rundgang.

Draußen kalt, Blitzeisgefahr, Schneeregen, nennen wir es Januar. Aber auch sonst so: Scharfer Wind weht der Ampelregierung ins geschundene Antlitz. Bauern in Monstertrucktraktoren beklagen die sozialen Minustemperaturen in der Stadt-Land-Luft. Die Deportationspläne rechter Systemsprenger verursachen Gefrierbrand in der Herzgegend. Auf der Kölner Möbelmesse immcologne ist die Sauna das Wohnterrain der Stunde.

Das Zuhause-Modell Gesa (von Klafs) zum Beispiel, ausgestattet mit indigoblauen Spezial-Kissen, die tatsächlich „Mollis“ heißen. Die Heimeligkeit ist Zen-buddhistisch gebändigt. Der Mittelding-Stil zwischen japanischer Klarheit und skandinavischer Hyggeligkeit, der dem Ganzen unterliegt, heißt „Japandi“ im Jargon. Die Schwammigkeit passt. Keine gute Zeit gerade für klare Design-Kanten, wo doch die unwirtliche Gegenwart hart genug umherwandelt.

Alles ist jetzt so schön fluffig, harmonisch, kreisförmig, gutmenschlich, kuschelig wie die Wärmflaschen und der Schmetterlingsstuhl „Mariposa“ mit echtem Fell von – nach Angaben der nach ihrem Chef namens (Jannik) Weich benannten Firma – „natürlich“ verendeten Alpakas. Lebendige Exemplare scheinen auf den Fotos am Messestand zu grinsen. Der Rückzug aus der rauen Realität jedenfalls wird sitzend an Tischen mit textil verkleideten Füßen und auf wohligen Polstern angetreten.

Auf knuffigen bis beinahe klobigen, „biomorphen“ Teilen wie „Elliot“, einem „Lounge Chair“ von Team 7 der Prager Designerin Lucie Koldova, der un-filigran auf zwei Massivholzscheiben ruht. Das Polster ist aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt: Kokoslatex und Naturlatex. Der Bouclé-Bezug nach dem Ökotext-Standard 100 zertifiziert.

„Echt“ jetzt?

Auf der Möbelmesse hängen jetzt immer öfter Zettel, auf denen eine dem Nutriscore für Lebensmittel nachempfundene „Emissionsklasse“ angegeben ist. Das heißt: Chips (maximal guter Nutriscore „C“) lassen sich nun auf mutmaßlich Emissionsklasse-„A“-Sofas wie „Echt“ (Freistil) verstreuen. Ein Möbelstück, das mit dem derzeit bestmöglichen Gewissen besessen werden kann – also außer man hält das WG-verranzte Erbstück-Kanapee von Uroma halt doch noch weiter in zweifelhaften Ehren.

„Echt“ jedenfalls wird in Einzelteilen angeliefert und lässt sich – so fern Ikea-gestählt – selbst zusammenbauen und sortenrein wieder entsorgen. Der recycelfähige Bezug ist wasch- und – wie alle Teile – „garantiert“ zehn Jahre austauschbar. Der Schaumteile bestehen aus – von der BASF aus Biomasse produzierten – Polyurethan. Das softe Sofa gibt sich wandelbar und umzugstauglich, ein Vorteil, den jetzt viele Hersteller für ihr Mobiliar reklamieren. Was allerdings sein kann, dass er möglicherweise derzeit weniger zählt.

Schlafen ist nicht genug

Wohin auch ziehen? Ins eigene Haus, welcher Nicht- oder Wenig-Erbe sollte das bauen können? In eine andere Wohnung? Welche, die für Ben-und-Marie-Normalverdiener bezahlbar wäre? Das akute Immobilien- und Wohnraumdefizit, noch so eine Krise, die man bitte gerne verschlafen würde. High-end, wenn das ginge – in einem Boxspringbett des Unternehmens Schramm womöglich, das am Stundenstein 1 in Winnweiler siedelt.

In Köln ist eine eigene Halle installiert, die „Sleep“ betitelt ist, Schlaf. Das Schlafzimmer ist die neue freistehende Küche, wenn man so will. Schramm stellt vornehm abseits davon das Innenleben seiner Produkte wie antike Säulenteile auf Stelen aus. „Sipario“ steht am Stand, eine mehrere Zehntausend Euro teure Bettstattbühne der Serie „Grand Cru“, die sich für Theatervorführungen eignet, und die man wohl ungern statt im Seidenpyjama in alten Boxershorts und Uriah-Heep-Tour-1979-T-Shirt betritt.

Handgenähter plissierter Stoff ziert den sanft geschwungenen Holzrahmen und den Sockel als sei’s der Vorhang der Münchner Kammerspiele, das „Schlafzimmer ist mit Sipario nicht mehr nur ein Ort der Ruhe und Entspannung, sondern auch ein Ort der Inspiration“, setzt einem die zugehörige Werbeprosa unter gewissen Performancedruck. Träumen erlaubt, Schnarchen nicht – oder so ähnlich. Glücklicherweise lässt sich ein Delinquent auch ausquartieren, im Sommer nach draußen, in den Garten. Innen und außen, noch so ein Trend, macht bei vielen Möbelstücken inzwischen kaum noch einen Unterschied.

Schuhe aus

Die Stühle der Firma Kloeber gehen gut auch im Außenbereich. Mit Regen- und Unbill-resistenten Tischen lässt sich mit dem Home-Office in den Vorgarten umziehen. Star-Architekt Matteo hat mit seinem Partner Antonio Rodriguez (für object carpet) sogar einen aus Industrie- und Verbrauchsabfällen gefertigten, recycelbaren Outdoor-Teppich herausgebracht, der optisch an Rattan gemahnt. Es heißt, wer ihn betritt, möchte sich die Schuhe von den Füßen reißen. Die Sieger des Kölner Pure-Talents-Wettbewerbs, Studierende der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, sind schon einen Schritt weiter – mit einer Sauna, was auch sonst?

Ihre prototypische Guerilla-Schwitzhütte hat Räder und ähnelt einem Mini-Haus. Die Gewächshausaußenhaut ist fast durchsichtig. Gekippt lässt sie sich bequem von drei Leuten bewegen und abstellen. An einem See. Auf dem Parkplatz einer Autoraststätte. Vor einem Nebenerwerbsagrarbetrieb im Irgendwo. Wo auch immer. Wärme wird gerade überall gebraucht.

Info

Die immcologne ist dieses Mal eine reine Fachbesuchermesse. Publikum nicht erlaubt. Sie läuft bis morgen. www.imm-cologne.de

Hauptsache kuschelig: Stuhl „Mariposa“ mit Tierfell.
Hauptsache kuschelig: Stuhl »Mariposa« mit Tierfell.
Guten Gewissens besitzbar: Selbstbau-Sofa „Echt“.
Guten Gewissens besitzbar: Selbstbau-Sofa »Echt«.
Die neue Weichheit: Lounge Chair „Elliot“.
Die neue Weichheit: Lounge Chair »Elliot«.
 Lieber doch den Seidenpyjama anziehen? Das Bett als Theaterbühne: Modell „Sipario“ der Winnweilerer Firma Schramm.
Lieber doch den Seidenpyjama anziehen? Das Bett als Theaterbühne: Modell »Sipario« der Winnweilerer Firma Schramm.
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