Nationaltheater Mannheim
Saisonstart in der Oper: Bemerkenswerte Uraufführung – „Dark Spring“ nach Wedekind
Alles anderes als sonst. 230 Zuschauer statt der gewohnten an die 1200 verteilen sich locker im Parkett. Mit schwarzen Bezügen unbesitzbar gemachte Sessel signalisieren: Hier nicht. Gewohnheitssache, man adaptiert sich. Und bekommt eine 90-Minuten-Oper, die – man glaubt es kaum – in Sujet und Regie das Abstandhalten geradezu zum Thema macht. Das beginnt mit der Ausstattung von Annemarie Bulla und setzt sich in den vier Protagonisten auf fast tragische Weise fort.
Neue Zwänge, altes Grundgefühl
Die offene Bühne wird von einem System von Laufstegen gegliedert, zwischen denen das Zehn-Musiker-Orchester abstandwahrend Platz hat. Hinten vier zweistöckige Häuschen oder Schachteln, für jeden der vier pausenlos anwesenden Sänger eines. Der Aufwand an Videos (Sergio Verde) und Live-Kameras, mit denen die Nicht-Singenden die Singenden filmen, ist beträchtlich. Thomalla hat das Libretto selbst eingerichtet, die Songtexte schrieb der kalifornische Dichter Joshua Clover: „nach“ Motiven von Frank Wedekinds satirischer Kindertragödie „Frühlings Erwachen“. Zwischen 1891 (Uraufführung 1906) und heute klaffen dann doch Welten – bei gleichbleibenden Grundkonflikten der Adoleszenz, die sich in der Gegenwart in ihr Gegenteil verkehrt haben. Statt rigider gesellschaftlicher Vorgaben die als völlige Freiheit getarnten spätkapitalistischen Zwänge, die sich mit Spitzmarken wie Selbstverwirklichung, Selbstvermarktung, Optimierungswahn, Rollenspiel, Gruppendruck, mediale Verfügbarkeit und an Bindungslosigkeit grenzende Flüchtigkeit menschlicher Beziehungen belegen lassen. Sex and Drugs natürlich auch. Er möchte heute nicht jung sein, sagt der Komponist, der in Chicago lehrt, einem Umstand, dem wir wohl die Tatsache einer musikmarktkompatiblen englischsprachigen Oper verdanken.
Generation auf der Suche
Elf Szenen, vier passgenau besetzte Akteure: Shachar Lavi (Wendla, Mezzo), Anna Hybiner (Ilse, Alt), Magid El-Bushra (Moritz, Countertenor) und Christopher Diffey (Melchior,Tenor) sind entfernte Verwandte der gleichnamigen Wedekind-Figuren. Jung wie diese, ziellos und innerlich „fertig“, bevor das Leben für sie eigentlich begonnen hat. Sie suchen – aber wissen nicht was. Nähe auf jeden Fall. „Ein Wort hätte es vielleicht nur gekostet, aber jetzt ist alles dunkel“, singt der von unklarer geschlechtlicher Zuordnung bedrängte Moritz vor seinem Selbstmord, der vielleicht gar nicht stattfindet. Keine Geschichte, wenig handfeste Information, außer dass die beiden Jungen (in der Schule) „bestanden“ haben. Dass die Mädchen später lieber Jungs als Mädchen hätten. Das nervig schreiend herausgestoßene „Boys“ spricht Bände. Dass man über das Thema Rocklänge ebenso – nebeneinander herreden kann wie über Moritz und Melchior und was an denen fasziniert oder auch nicht. Wendla wurde zu Hause nie geschlagen, das möchte sie auch mal haben. Melchior tut ihr den Gefallen – dank des Abstandsgebots die wohl stärkste, musikalisch bruitistisch aufgeladene Szene des Abends. Sie kauert masochistisch zusammengekrümmt in ihrem „Häuschen“, er prügelt in seinem mit unkontrollierter Wut auf den Boden ein. Die Songs? Poetische Monologe, die ins Leere gehen.
Musik, die in den Ohren liegt
Hans Thomallas eloquente und bis ins kleinste Detail akribisch ausgefeilte Musiksprache richtet sich wie ein Vergrößerungsglas auf die Mühen des Erwachsenwerdens. Sie vagabundiert durch alles, was derzeit auf dem Markt ist: Popmusik und ihre Stereotypen, Jazz, die Neue Musik, Minimalismus oder die Untiefen der Ambient Music. Trompete, Saxophon, Klarinette, Gitarre, Klavier , Keyborad, Schlagwerk, Cello und Kontrabass sind dafür die genau richtige Besetzung. Thomalla gelingt es tatsächlich, das nicht Zusammengehörige geschickt zu verblenden, und zwar so, dass die Musik eingängig bleibt, gut in den Ohren liegt – und gar nicht wehtut. Alan Pierson am Pult ist ein exzellenter Sachwalter der Partitur, die Mannheimer Musiker sind tadellos. „Dark spring“, von der Siemens-Kulturstiftung finanziert, könnte schon ein Renner werden.