Comic
Es war einmal im Wilden Westen: Wenn die Grimm-Brüder Lucky Luke besuchen
Der Cowboy spendet den Greenhorns Trost: „Man hat Sie weder geteert noch gefedert“, sagt Lucky Luke. Gerade hat das Publikum wieder schlagartig den Saal verlassen, als die Brüder Grimm ihre Märchen präsentierten. Sie sind in Amerika auf Lesereise, werden angepriesen als die literarische Weltsensation aus Europa. Im Wilden Westen interessiert das aber keinen. Lucky Luke, der die beiden Deutschen begleitet, weiß auch, woran das liegen könnte: Es gibt zu wenige Cowboys in den Geschichten. Also bringt er sie zu Ma Dalton, der Mutter der berüchtigten Banditen. Denn die hat einiges zu erzählen.
Lucky Luke, Ende 1946 von dem Belgier Morris erdacht und zeitweise von Asterix-Erfinder René Goscinny geschrieben, wird dieses Jahr 80. Und zum Geburtstag der Western-Ikone gibt es wieder einige Sonderveröffentlichungen. Nach Morris’ Tod 2002 wurde Serie von wechselnden Teams fortgeführt, aktuell sind es Jul und Achdé. Schon zum 70. Jubiläum wurden daneben Hommage-Bände aus der Taufe gehoben: Erzählungen außerhalb der regulären, inzwischen um die 90 Alben zählenden Reihe. Namhafte Künstler schaffen ihre ganz eigene Version des Mannes, der schneller schießt als sein Schatten. Weil Lucky Luke auch hierzulande sehr beliebt ist, kommen bei dem franko-belgischen Klassiker immer wieder Deutsche zum Zug.
Der Berliner Mawil setzte 2019 den Cowboy auf einen Drahtesel („Lucky Luke sattelt um“), weil Pferd Jolly Jumper verloren gegangen war. Ralf König, bekannt für seine Comics aus dem schwulen Alltag, legte 2021 den weichen Kern der harten viehhütenden Kerle offen („Zarter Schmelz“). Die künstlerische Freiheit ist bei diesen Ausflügen fast so groß wie die Prärie weit ist.
Flix und die „deutschen Heroen“
Nun ist Flix an der Reihe, ein weiterer Star der deutschen Comic-Szene. Er durfte schon berühmten Figuren wie Spirou oder dem Marsupilami seinen Stempel aufdrücken. Die Idee zu „Die Grimm Brothers“ kam ihm, als er feststellte: Jacob und Wilhelm Grimm lebten zur amerikanischen Pionierzeit (sie waren aber natürlich nie in den USA). „Es sind deutsche Heroen, deren Geschichten man kennt, sie selbst als Figuren aber nicht“, beschreibt der 49-Jährige den Ansporn.
Flix ist in diesem Fall „nur“ der Texter, als Zeichner wurde Reinhard Kleist gewonnen, den man vor allem durch bildstarke Musiker-Biografien kennt: Johnny Cash, Nick Cave oder David Bowie hat er schon ein Comic-Denkmal gesetzt – letztere haben jetzt kleine Gastauftritte im neuen „Lucky Luke“. „Das ist weit weg von meiner eigentlichen Arbeit“, sagt der 56-Jährige. Doch da er vor zwei Jahren gerade kein neues Projekt in petto hatte, kam ihm der Vorschlag von Kollege Flix gerade recht. Die Western-Persiflage ganz im eigenen Stil zu zeichnen, habe nicht funktioniert. So ist der Strich weniger expressiv, als man das von Kleist kennt. Trotzdem sieht das erfrischend anders aus.
Da kann ein Dalton schon mal rot anlaufen
Hinzu kommt die auffällige Kolorierung von Thomas Gilke. Man habe sich an den frühen Morris-Alben orientiert, erklären Flix und Kleist. Der Belgier setzte knallige, fast surrealistische Farben ein, um Stimmungen, Dramatik und Humor zu unterstreichen. Da kann der Hintergrund schon mal komplett gelb sein oder ein Protagonist rot anlaufen.
In „Die Grimm Brothers“ ist es natürlich Joe Dalton, dem die Wut derartig ins Gesicht geschrieben steht. In den Geschichten, die die beiden Deutschen aufschreiben (nicht erfinden – „Wir sind ja nicht Hans Christian Andersen“) kommen die vier verbrecherischen Dalton-Brüder nämlich als anständige Jungs rüber. Das können sie keinesfalls auf sich sitzen lassen, weshalb sie die Brüder Grimm kurzerhand entführen.
Schurken und Slapstick
Es entspinnt sich eine klassisch anmutende Geschichte um den einsamen Cowboy mit Humor, Action, Slapstick und popkulturellen Bezügen – sowie einer imposanten Riege legendärer Wildwest-Schurken. Mit Klischees wird ebenfalls gespielt, etwa wenn Jacob und Wilhelm Grimm immer Wert auf ihr Abendbrot legen. Sie bleiben als Figuren etwas blass, der erzählerische Kniff mit den Besuchern aus Europa funktioniert aber: Flix und Reinhard Kleist spinnen viele märchenhafte Anspielungen.
Lesezeichen
Flix, Reinhard Kleist: „Lucky-Luke-Hommage – Die Grimm Brothers“, Egmont; 48 Seiten; 9,99 Euro.