Literatur Mord an einem Typischen: Sharon Dodua Otoos Roman „So in etwa ist es geschehen“

In London geboren, lebt in Berlin: Sharon Dodua Otoo, 2016 gewann sie den Bachmannpreis.
In London geboren, lebt in Berlin: Sharon Dodua Otoo, 2016 gewann sie den Bachmannpreis.

Die eine rassistische Suada wird dem Chef zum Verhängnis. Sharon Dodua Otoo dröselt eine Tat auf, die eine Geschichte hat– leider nicht überzeugend.

Wie sehr das Handeln eines Menschen vom Wetter abhängig sein kann, hat in der Weltliteratur Albert Camus mit seinem Roman „Der Fremde“ gezeigt, dessen Held nicht zuletzt zum Mörder wird, weil ihm die gnadenlose nordafrikanische Sonne zusetzt. Wenn Sharon Dodua Otoos neuer Kurzroman „So, in etwa, ist es geschehen“ oft mit Camus„ „Fremden“ verglichen wird, trifft das allerdings nur bedingt zu.

Amata Haller, die Protagonistin der 1972 in London geborenen und in Berlin lebenden Otoo, wird zwar auch zur Mörderin, und ihre Verfassung wird vom drückend schwülen Sommerwetter beeinflusst, doch im Gegensatz zu Camus“ Täter handelt sie nicht willkürlich, sondern tötet einen Menschen, der ihr gut bekannt ist und ihr ein nachvollziehbares Tatmotiv liefert: Nachdem sie sich, von diesem dazu genötigt, von ihrem Chef von Berlin nach Timmendorfer Strand hat chauffieren lassen, erwürgt sie ihn, dort angekommen, mit einem Bayern-München-Fanschal – wobei die Vereinsvorliebe des Chefs freilich nicht den Tat-Anlass ausmacht.

Erinnerungen an den Großvater im KZ

Worin der besteht, erzählt und erklärt Otoo in einem klassisch als „Erinnerungen“ der Täterin angelegten ersten Textteil, der von einer mit dieser befreundeten Staatsanwältin herausgegeben und kommentiert wird. Amata arbeitete in Berlin für die karitative Einrichtung „Essen für Afrika“. In ihrer Freizeit ist sie zudem für die Initiative „Beyond Reparations!“ tätig, die sich für die Aufarbeitung und Entschädigung des kolonialen Rassismus engagiert. Diese Arbeiten sind dadurch motiviert, dass sie selbst eine Schwarze ist, mithin mannigfache Erfahrungen mit Diskriminierungen gemacht hat und zudem auf eine Familiengeschichte zurückblickt, deren Erzählung in Deutschland noch immer ein Desiderat ist: die Verfolgung Schwarzer Menschen im „Dritten Reich“.

Amatas Großvater gehörte zu jenen KZ-Häftlingen, die sich am 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht an Bord des mit vermutlich mindestens 4.500 Häftlingen überfüllten Schiffes „Cap Arcona“ befanden, das von der britischen Luftwaffe versenkt wurde, unter bis heute nicht restlos aufgeklärten Umständen. Nur wenige NS-Verfolgte überlebten den Untergang des Schiffes, viele, denen es gelang, sich ans Ufer zu retten, wurden dort ermordet.

Der Timmendorfer Strand als Trigger

Jedes Jahr trifft sich Amata mit ihrer Mutter in Timmendorfer Strand, um ihres Großvaters zu gedenken. Was sie dazu treibt, ihren Chef umzubringen, ist allerdings nicht nur der Umstand, dass er sie in diesem Jahr zu spät zum Treffpunkt bringt, sondern wird von einem grundsätzlicher Druck befördert, unter dem sie steht.

Kurz vor der Abfahrt hat sie einen fehlerhaften Pressetext rausgelassen, der noch während sie unterwegs ist fatale Folgen zeitigt. Vor allem ist es aber die törichte, von sexistischen und rassistischen Vorurteilen strotzende Suada, mit der sie der anspielungsreich Brockhaus benamste Chef während der Fahrt überzieht und die Otoo in einem zweiten Romanteil als „Transkript“ einer „mit dem Mobiltelefon des Opfers aufgenommenen Audiodatei“ dokumentiert – was dem Text nicht guttut. Zum einen, weil noch einmal erklärt wird, was uns bereits erzählt wurde, zum anderen, weil sich Otoo wenig Mühe macht, diese unsympathische Figur psychologisch plausibel zu gestalten.

Im Widerspruch zum Credo ihrer Protagonistin, die Wert darauf legt, „dass die Welt zu viele Grautöne hat, um Menschen in „gut und böse einteilen zu können“, legt sie Brockhaus als „Dinosaurier“ an, der alle denkbaren Klischees in sich vereint, sich aber natürlich als aufgeklärt geriert: „Du sollst bitte nicht denken, ich wäre einer von diesen typischen … Ich wollte eher wie eine beste Freundin klingen. Nur bin ich keine Frau und werde zum Glück auch nie eine sein! Aber nichts gegen trans Personen! Ach.“ So räsoniert er ohne Punkt und Komma dümmlich vor sich hin und lässt das Radio ausgeschaltet, denn es geht ihm „so auf den Senkel, das ganze Gequassel. Ich möchte einfach die Ruhe genießen“. So, in etwa, verhält es sich mit diesem merkwürdigen Buch. Ach.

Lesezeichen

Sharon Dodua Otoo: „So, in etwa, ist es geschehen“; S. Fischer, Frankfurt am Main; 143 Seiten, 22 Euro.

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