Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Roman für Dandys: Eckhart Nickels „Spitzweg“

Immer stilsicher: Autor Eckhart Nickel.
Immer stilsicher: Autor Eckhart Nickel.

„Spitzweg“: Eckhart Nickel verflüssigt in seinen virtuosen Kunst- , Bildungs- und Dandy-Roman die Zeit, eine Freude .

Immer gut, wenn ein Roman seine Interpretation mitliefert. Bei Eckhart Nickels brillant überreiztem Schul-, Bildungs-, Kunst- und Künstlichkeitsroman „Spitzweg“ steht sie in einem Vornewegzitat des titelgebenden Biedermeiermalers. „Jede Linie mit Verstand, alles durchdacht, das Uninteressante interessant.“ Nickels Buch ist das Großlob des Eigensinns, ganz gegen die Gegenwart verfasst, ein Fest für Sprach-Dandys. Ein gelehrter, schrulliger, quatschiger, höherer Riesenspaß.

Wann und wo der Roman spielt? Schon irgendwie im Hier und Heute, wo man die Wahl hat „im Netz oder in einem Lexikon“ zu recherchieren. An einem humanistischen Gymnasium, Oberstufe, im Kunstunterricht und im Museum, einem Jetzt mit den üblichen Klotzköpfen und allgegenwärtigen Insta-Tussis. Aber die „ranten“ am äußersten Bildrand „wie im Fülm“. Der eigentliche Schauplatz von Eckhart Nickels Dreiecksgeschichte zwischen den angehenden Abiturienten Kirsten, Carl (!) und einem sich erinnernden namenlosen Erzähler ist ganz weit weg von „Fuck ju Göhte“: eine eigene überfeinerte, die Zeit verflüssigende Parallelwelt. Ein Universum aus Faber-Castell-Bleistiften, Zitaten, Spiegelungen und Ironie, in der kein Tesla um die Ecke biegt und Lehrerinnen gar nicht anders können als Cecilia Gallerani auf Da Vincis „Dame mit dem Hermelin“ zu gleichen. Ein Buch aus Zeitblasen.

Man trägt mattgrasgrüne Hemden, Fair-Ilse-Pullunder mit Rauten in Sand und Moos und passenden Chelsea-Boots. Sagt „jokos“ statt spaßig, spricht von „Treulieb“, „Drangsal“, Stockfleckigkeit, „so mannigfaltig wie die Formen der Schneeflocke“. Warum die Tonart As-Dur von besonderer Relevanz ist bei Chopins „Nocturnes“, hier ist es wie nebenbei beim erlesenen Nachmittagstee von Oberprimanern zu lernen. Die Referenzen, einfach so entspannt eingestreut, reichen von 1980er-Jahre-Popgrößen wie Morrissey, The The oder Anne Clark bis zu Nerd-Bands wie Der Plan und Vampire Weekend, vom romantischen Dichter Ludwig Tieck bis zu Ludwig Wittgenstein, dem kühlen Logik-Philosophen. Und während der Held des 1983 erschienenen Rainald-Goetz-Romans „Irre“ noch vom „Glück“ spricht, „dass es das Wort Hagestolz nicht mehr gibt, so kann ich in aller Ruhe einer werden“, ziert Carl Spitzwegs Gemälde „Der Hagestolz“ bei Nickel leitmotivisch schon das Cover.

Rollenmodell Hagestolz

Ein Mann mit Zylinder und in schwarzem Mantel, ein Buch unter den Arm geklemmt, schaut wandelnd in hügeliger Landschaft auf poussierende Paare herab. Ein Sonderling. Das Rollenmodell für den 18-jährigen Carl, die aus der Zeit gefallene Zentralfigur von Nickel. Dem Autor selbst sollen auch schon früh gewisse Attitüden nicht ganz fremd gewesen sein.

Wie so zu hören ist, fiel der 1966 gebürtige Frankfurter schon an der Uni seinen Heidelberger Kunstgeschichts- und Germanistik-Mitstudierenden mit ausgeprägtem Selbststilisierungswillen auf. Später reüssierte er als auf Abgrenzung bedachter Popliterat im Dunstkreis von Christian Kracht, mit dem er die Literaturzeitschrift „Der Freund“ herausgab – von Kathmandu aus. Nickel war insbesondere als Reisejournalist in weißen Leinenanzügen viel unterwegs. Schrieb Kurzgeschichten. Ein herausragender Stilist ist er schon immer gewesen. Auf Autorenfotos trägt er schon mal Monokel. Größer raus kam er 2017 als Kelag-Preisträger beim Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb, ausgezeichnet für einen Auszug aus seinem damals noch unveröffentlichten Debüt-Roman „Hysteria“. Der hat es 2019 dann, von der Kritik ziemlich gut besprochen, auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gebracht.

Der Trost der Kunst

Erster Satz des kulinarischen Endzeitabenteuers: „Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Es geht darum, wie Künstlichkeit nach und nach Natur ersetzt. Und auch dieses Mal, in „Spitzweg“, wo Künstlichkeit sogar identitätsstiftend wirkt, stellt sich der Auftakt als so nicht richtig heraus. „Ich habe mir nie viel aus Kunst gemacht“, meint da der Erzähler anfangs, dabei ist er ein Crack der „Hörzu“-Kunstrubrik „Original und Fälschung“. Und er verfällt seinem Mitschüler Carl allzu schnell, einem frühreifen Privatgelehrten und altklugen Kunstdozenten, dessen gesamte Existenz sich doch „alleinig aus ästhetischen Mosaiksteinchen“ bildet. Das heißt, in Kirsten, deren „ebenmäßiges Antlitz“ aus ihrem „zarten Hals“ erwächst „wie der Blumenstrauß aus alabasternen Porzellanvasen“, ist unser Erzähler schon auch verschossen. Anders könnte die Romanhandlung auch nicht in Gang kommen, an deren Anfang ein schulischer Eklat steht.

Kirsten, die begabteste Schülerin der Klasse, wird von der Lehrerin, Frau Hügel, für ihren „Mut zur Hässlichkeit“ gelobt. Bei einem Selbstporträt klingt das eher ungut. Tief getroffen stürmt Kirsten aus dem Raum. Ihr schnöseliger Mitschüler Carl steckt das Corpus Delicti nur vom Erzähler bemerkt derweil ein. Hinterher schmieden die drei Rachepläne. Kirsten soll eine Zeit lang untertauchen. Eine Zeichnung, auf der sie wie John Evrett Millais Ophelia im Wasser versinkt, wird von ihrem schulischen „Fehlpaten“, dem Erzähler, als Suizidandrohung überbracht. An der Schule ist man in heller Aufruhr. Aber statt sich, wie abgemacht, in Carls geheimer Kunstkammer aufzuhalten, ist Kirsten plötzlich auch für ihre Komplizen nicht mehr aufzufinden. Und wie so oft in dem feinziselierten Roman geht es auch im krimihaft zugespitzten Schlusskapitel „Zetteltraum“ ums Verschwinden. Ein Bild ist kurz weg, übrigens, das, das auch der Kunsthalle Mannheim bei der langen Museumsnacht 2006 gestohlen wurde, das Spitzweg-Gemälde „Friedenszeit“. Dafür dürfen sich die drei Kunstfreunde wiederfinden. Alles gut. Auch als Leser fühlt man sich am Ende bildungsbürgerlich getröstet und reich mit Amüsement beschenkt. Wer mich jedenfalls als nächstes nach meinem Lieblingsgetränk fragt, erhält die Antwort: „Ich frequentiere Milch.“

Lesezeichen

Eckhart Nickel: „Spitzweg“, Roman; Piper, München; 256 Seiten; 22 Euro.

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