Festival
Rockenhausen statt Salzburg: Festival für Neue Musik in der Nordpfalz
Rockenhausens Bürgermeister Michael Vettermann sieht das ganz ähnlich. In Richtung der Musiker und Komponisten – selbst der diesjährige Gewinner der Goethemedaille und international überaus erfolgreiche Toshio Hosokawa ist angereist – meint Vettermann vor Beginn des ersten Konzerts am Freitag: „Diese Weltstars der Neuen Musik sind sonst in den Metropolen unterwegs, jetzt sind sie ins kleine beschauliche Rockenhausen gekommen.“
Das kleine Salzburg am Donnersberg
Vettermann weiß natürlich auch, bei wem er sich zu bedanken hat: Lydia Thorn-Wickert sitzt direkt vor ihm. Die resolute Dame träumt nicht nur groß, beispielsweise von einem „kleinen Salzburg“ am Donnersberg. Sie handelt auch demgemäß, organisiert Sponsoren wie Künstler, Räumlichkeiten, Instrumente und scheint sich irgendwie um alles zu kümmern. Selbst die Anweisungen für die Blumenmädchen, die nach den Konzerten zu den Künstlerinnen und Künstlern eilen, gibt sie persönlich. Das Ergebnis ist nichts weniger als ein kleines Musik-Märchen. Ein Musik-Wunder. Das Programm des diesjährigen Festivals jedenfalls muss keinen Vergleich mit den großen Metropolen scheuen. Und was noch viel wichtiger ist: Es erreicht die Menschen. Die Kirche ist unter Corona-Bedingungen gut gefüllt, auch die Donnersberghalle hat ihr Publikum beim zweiten Konzert am Abend. Wenn man um den schweren Stand weiß, den die Musik der Gegenwart bei den Menschen hat, dann kann man das gar nicht genug würdigen.
Kurzfristige Programmänderungen
Doch manchmal laufen Dinge trotz perfekter Planung schief. Für den Abend war eigentlich die Uraufführung eines Auftragswerks der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz geplant. Komponist ist der gebürtige Haßlocher Stefan Pohlit, der ein Konzert für Orchester und türkisches Kanun geschrieben hat. Als Solist hatte man mit Tahir Aydogdu einen Ausnahmekönner auf dem Instrument gewinnen können, der jedoch aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen musste, obwohl bereits einige Proben stattgefunden hatten. Das ist dann einfach Pech, genau so wie die gerissene Saite der Geigerin Fumika Mohri im ersten Konzert des Festivals. Das hatte fünf Werke von drei Komponisten versammelt, die miteinander in Beziehung zu setzen sind: Da wäre der 1995 verstorbene Isang Yun, ein koreanisch-deutscher Komponist, der zugleich Toshio Hosokawas Lehrer war, von dem im Kammerkonzert gleich drei Werke vorgestellt wurden. Dritter im Bunde war der ebenfalls persönlich anwesende Federico Gardella, Jahrgang 1979, der wiederum Schüler Hosokawas ist.
Lehrer und Schüler
Die gerissene Saite übrigens konnte Fumika Mohri nicht aus dem Takt bringen. Obwohl sie abbrechen mussten, hielten sie und der Pianist Tomoki Kitamura die Spannung und Intensität hoch bei Isang Yuns „Gasa für Violine und Klavier“. Vergleicht man dieses mit den vorgestellten Werken Hosokawas, glaubt man tatsächlich etwas von dem Lehrer-Schüler-Verhältnis erkennen zu können. Wobei Hosokawas Werke einen Schritt weiter gehen, indem sie sich zurücknehmen. Sie nutzen die Stille. Er strukturiert seine Kompositionen durch deutliche Zäsuren in Form von Pausen. Für den Hörer sind dies zugleich auch Momente der Reflexion, der Nachspürens dessen, was man gerade gehört hat. In der ebenso fulminanten wie tief berührenden „Extasis für Violine“, mit der Fumika Mohri das Konzert beendete, geht es dagegen nur noch um Expression. Um die Ausdrucksmöglichkeiten einer Geige, die eben nicht nur singen kann, sondern auch keifen, kratzen, jaulen, wimmern und sogar pfeifen. Manchmal so hoch, dass wir es kaum mehr noch hören können und dann doch wieder Stille herrscht.
Unbekanntes aus Russland
Neue Musik gab es dann am Abend von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der Leitung des Bonner Generalmusikdirektors Direktors Dirk Kaftan eigentlich nicht zu hören. Aber eine Entdeckung war die erste Sinfonie des 1866 geborenen und 1900 viel zu früh verstorbenen Wassili Kalinnikow dennoch, da man den russischen Komponisten in Deutschland kaum kennt. Was sehr schade ist. Das ist eine klassizistisch anmutende Tonsprache voller flirrender Leichtigkeit, die dennoch vor allem in den Hauptthemen eindeutig als russisch zu identifizieren ist. Das klingt zum Teil nach sprühender Lebenslust, und dies, obwohl der Komponist in ärmsten Verhältnissen lebte und sich so auch seine tödliche Tuberkulose-Erkrankung einfing.
Klavier-Zwillinge aus Kirchheimbolanden
Der Abschluss des ersten Festivaltags gehörte den Zwillingen Clara und Marie Becker. Ein Heimspiel, schließlich kommen die beiden Pianistinnen aus Kirchheimbolanden. Neue Musik für zwei Klaviere von Olivier Messiaen, Claude Debussy und Philipp Glass hatten die beiden mitgebracht. Die jungen Musikerinnen überzeugten durch ein sehr authentisches, wunderbar harmonierendes Spiel – und offenbarten dabei unter anderem, dass der ältere Debussy (1862-1918) durchaus moderner klingen kann als unser 1937 geborener Zeitgenosse Philip Glass. Großartig neben dem Spiel aber eben auch die Konzertdramaturgie: Die Stücke (darunter auch eine Bach-Choral-Bearbeitung durch György Kurtág) fügten sich fast schon zu einer eigenen, ganz neuen Komposition zusammen.