Karlsruhe
Realismus auf blanken Hallenböden: Die Kunstmesse „art“
„Bin Kunst“, behauptet das Aquarell, schwarze Handschrift, gelber Grund, kann man ja machen. Wer’s glaubt, wird vielleicht beim Kaufakt selig, denn Corinne von Lebusas Bild ist auf der Karlsruher „art“ zu haben. Wie viele Hunderte anderer Werke auch. So, wie etwa auch Max Liebermanns Ölgemälde „Colomierstrasse in Wannsee“ am anderen Ende der Offensichtlichkeitsskala. Für das Bild des deutschen Edel-Impressionisten sind am Stand der feinen Düsseldorfer Galerie Ludorff 850.000 Euro aufgerufen. Für die Arbeit der 46-jährigen Künstlerin von Lebusa, die sich nach einem brandenburgischen Dorf im Landkreis Elbe-Elster benannt hat, bescheidenere 2400.
177 Galerien und Kunsthändler stellen auf der Kunstmesse aus, die erstmals nach der 2004 begonnenen Ära des Messegründers Ewald Schrade von Olga Blass und Kristian Jarmuschek verantwortet wird – 32 davon aus dem Ausland. Für die Pfalz hält derweil der enthusiastische Ludwigshafener Galerist Werner Lauth die Fahne hoch.
„Wir arbeiten ohne Netz“, meint Lauth, der seine Kärrnerarbeit von der eines reinen Kunsthändlers unterschieden sehen möchte. Es läuft sehr gut. Bei ihm am Stand kann man neben Arbeiten von Dreadnought, Yulchiro Sato oder Mario Sughi auch ein Gemälde des legendären 88-jährigen Landschaftsmalers Klaus Fußmann kaufen, ohne den keine Kunstmesse auskommt: „Eva auf der Flucht“ aus dem Jahr 1988, kostet 69.000 Euro. Gleichwohl sagt Lauth mit Verve, Kunst sei „nicht elitär“. Wie zum Beweis läuft man – aus ökologischen Gründen – statt auf Teppich- in Karlsruhe jetzt auf blanken Hallenböden, was nicht jeder/m gefallen muss. Dafür wurden die – um es grob zu sagen – Poster-Shops, die bisher zur Karlsruher Messefolklore dazugehörten, diesmal von vorneherein ausjuriert.
„Wir zeigen“, was immer das heißen soll, „nur echte Kunst“, meinte Messechef Kristian Jarmuschek im RHEINPFALZ-Interview dazu. Also dieses Mal keine Fälschungen? Und die Skulpturenplätze, noch so eine Kennung der Messe, sind in die Kojenreihen eingerückt und weniger auffällig. Dafür sind gesponserte sogenannte Skulpturenspots neu.
Bereit für Elogen
An einem der Skulpturenorte stellt der Annweilerer Künstler Karlheinz Zwick aus. Auf einem anderen ist eine „Atlas“-Bronze von Altmeister Markus Lüpertz (82) präsentiert, der – wie üblich – im Gehrock, Stock und Hut fotogen und bereit für Elogen durch die breiten Flure schreitet. Ab und an lässt sich zwischen viel bodenständigem Geld – zumindest am „V.I.P.“-Mittwoch – Fernseh-Prominenz sehen. In der neu sortierten Halle eins, sind die Vorzeigegalerien versammelt, die sich auf Klassische Moderne konzentrieren.
Neben Ludorff – wo neben dem Liebermann unter anderem auch Max Pechsteins 980.000 Euro teures Gemälde „Kütelkähne“ aus dem Jahr 1920 ausgestellt wird – sind das Häuser wie die Galerie Henze und Ketterer. Dort wird unter anderem Ernst Ludwig Kirchners „Akt im Wand (kleine Fassung)“ aus dem Jahr 1933/34 am Messestand geführt. Gegen den Auflauf, der hier und in der der Nachkriegs- und Gegenwartskunst gewidmeten Halle zwei herrscht, wirken die beiden Hallen drei und vier wie abgehängt.
Viel Leerlauf in der Halle mit den institutionellen Selbstpräsentationen, in der der unscheinbaren „Paper Square Plus“ mit Papierarbeiten fast untergeht. Auch auf dem Spielfeld mit ganz junger Kunst aus Kunsthochschulen in Halle vier herrscht ein Anflug von gähnender Leere. Man ist einfach sattgesehen. Allerorts, gegenständliche Positionen. Kaum mal ein ruhiges Werk, um Meditationen anzustellen, wie bei der 88-jährigen Mainzer Künstlerin Lore Bert (bei Van der Koelen), deren feinziselierte Arbeit aus gefaltetem Papier „Art Déco mit Dreiecken und Blattgold“ (2023) sich ganz gut selbst erklärt. In unsicheren Krisenzeiten geht der Trend augenscheinlich zu Kunst, an der sich inhaltlich etwas festmachen lässt.
Vor allem die Tierwelt ist dabei präsent. Auf Hartmut Kiewerts Ölgemälde „Friends V“ ist eine Kuh-Familie ins Wohnzimmer eingezogen und posiert samt Hausschwein vor dem Gemälde eines für den Klimawandel streitenden Protestcamps (Preis: 10.200 Euro). Daniel Wagenblasts „Guccihund“ aus Holz lugt aus einer eine abstrakt bemalten Henkeltasche. Und auf Benjamin Burkards leise, fleischig lilafarben glimmender, apokalyptischer Vision „Stützgeschreite“ scheinen die Menschen sich mit der Fauna und Flora in einer untergegangenen Welt endlich zu vereinen. Das heißt, wenn sie nicht vom Dach stürzen. Rehe stehen konsterniert im giftgrünblauen Brackwasser, eine Frau mit Hut und im historischen Gewand reitet im Damensitz auf einem Elchwesen. Der Kandeler Künstler, der von der Regensburger Galerie ARTAFFAIR vertreten wird, ist Neo-Surrealist und Neo-Metaphysiker, Jahrgang 1986, ein altmeisterliches Mehr-als-Talent. An seine Werke jedenfalls muss er nicht „Kunst“ dranschreiben.
Info
„art“ Karlsruhe in der Messe Karlsruhe in Rheinstetten, bis Sonntag, Öffnungszeiten 11 bis 18 Uhr, Sonntag 11 bis 19 Uhr. Tagesticket: 25 Euro. www.art-karlsruhe.de