Literatur
„Radio Sarajevo“: Das neue, bedrückende Buch des Kaiserslauterer Autors Tijan Sila
Es ist ein plötzlicher, herzgreifender Abschied von der Normalität. Unsereins, friedensprivilegiert aufgewachsen, kennt das so nicht. Und wie traurig das ist und sich liest, Tijan Silas autobiografische Ich-Erzählung „Radio Sarajevo“ über die Seelenverheerung eines Elfjährigen im Bosnienkrieg. Ein Dringlichkeitsbuch, zumal auf der Folie von Putins Überfall auf die Ukraine, auf der es bestimmt auch verfasst worden ist. „Vorfreude war das beherrschende Gefühl meiner Kindheit“, schreibt der 1981 im damals noch jugoslawischen Sarajevo geborene Sila also an einer Stelle. Nur um einzuschränken: „vor dem Krieg“.
Danach ist Knall auf Fall für ihn nichts mehr wie es war. Schreckliche Gewissheit schnürt das Kind jetzt ein, dass „irgendein Unglück immer auf einen lauert“. Das Gefühl dazu, „dass zu leben vor allem bedeutet, Grauen auszuhalten“, wirkt in dem Erwachsenen noch nach.
Sila ist der Künstlername des Autors, der in seinem anderen Leben an einer Berufsschule in Kaiserslautern unterrichtet. Drei vielgelobte Romane hat er vorgelegt, die wie sein 2017 erschienenes Debüt „Tierchen unlimited“ großteils in der Pfalz spielen. Sein neues erzählerisches Werk ist ebenso kitsch- und schlackenlos. Episodenhaft und ohne das schützende Romanlabel wird darin geschildert, wie er Anfang der 1990er-Jahre in der titelgebenden Stadt den Krieg durchgestanden und -litten hat – ausgehungert im umfassenden Sinn.
Drei Mal täglich kalte Nudeln ohne Soße
Wie in das milchige Licht getaucht, das durch die mit dem „UNITED NATIONS PROTECTION FORCE-Logo“ bedruckte Folie im Fenster fällt, erlebt er, was geschieht. Verrat und Verfall vor allem. Wie soll man da auch durchblicken, wenn nach der blutigen Attacke der Serben jeder gegen jeden kämpft. Ein Teil der bosnischen Serben gegen die serbischen Nationalisten, ein Teil der bosnischen Moslems an der Seite der serbischen Streitkräfte gegen die bosnische Armee, die später auch Truppen kroatischer Nationalisten gegen sich hat. „Wir hatten keine Ahnung“, heißt es. Zu den ganz großen Stärken dieses dichten, wahrhaftigen Erinnerungswerks gehört, wie der Krieg bei Tijan Sila als äußere Welt erscheint.
Für den Ich-Erzähler zählt so nur, was bei ihm und seinen Freunden Sead und Rafik davon ankommt. Die einschlagenden Bomben. Der Anblick der verstörten Mädchen, von denen es heißt, sie seien vergewaltigt worden. Der Sarg, in dem der unerschrockene Ermin mit zertrümmertem Schädel heimkehrt. Schließlich, die Kugel eines Scharfschützen, die den Ich-Erzähler in die Wade trifft.
Drei Mal täglich sitzt man über kalten, ungesalzenen Nudeln ohne Soße. Ein Kilogramm Zucker kostet 300 Deutsche Mark. Der Not-Unterricht wird von einem unbefähigten Idioten bei fünf Grad Celsius abgehalten. Das Kind liest Comics auf dem Klo. Im Skianzug liegt der Erzähler im Bett und hört Radio, das ihm einen Möglichkeitsraum eröffnet. Das heißt, wenn er die Batterien dafür ergattern kann, der Strom ist längst ausgefallen. Überhaupt ist sein Gehör auf eine Art „Noise Cancelling“-Modus eingestellt.
Die ständigen Explosionen nimmt er nach einiger Zeit gar nicht mehr wahr. Dafür „das satte Klicken, mit dem ein Objektiv im Gehäuse des Fotoapparats einrastete, KLICK, der Klang einer funktionierenden Welt, in der sich alles am Platz befand und elegant seine Rolle erfüllte“. Seine Welt ist komplett aus den Fugen.
„Als die ersten Bomben fielen, lag ich bäuchlings auf dem Schlafzimmerteppich und hörte Radio – der Sender spielte David Bowies ,Suffragette City’, als plötzlich ein metallisches Kreischen die Luft zerriss und eine Explosion unsere Vorhänge aus der Schiene blies. Ihr Druck war so gewaltig, dass mir schwarz vor Augen wurde, als hätte ich mich zu lange kopfüber vom Turnreck hängen lassen.“
Ursache Krieg, Diagnose: psychotische Schizophrenie
So fängt die/seine lastende Geschichte an – im April 1992. Sie endet nur formal 1994 mit der Flucht nach Deutschland, von wo aus sich Sila jetzt nachholend in sein kindliches Ich einfühlt. Es sei schmerzhaft gewesen, erzählt Tijan Sila in Interviews. Und er erzählt, dass er mit dem Buch gewartet habe, bis seine Eltern tot waren, beide am Ende vernichtet vom Krieg, den sie lediglich überlebten. „Ähnlich“, schreibt er, „hatte mein Großvater Sefkija im Zweiten Weltkrieg sechs Schusswunden weggesteckt, um 1980 an einem Hirntumor zu sterben, der sich um die Reste einer Gewehrkugel gebildet hatte“.
Die Mutter jedenfalls, in Sarajevo eine stolze Germanistik-Doktorandin, landet in Deutschland in der Psychiatrie, Diagnose: paranoide Schizophrenie. Der Vater, ein Professor der Bibliothekswissenschaften, erweist sich als endgültig nicht von dieser Welt. Selbst das Kind muss an sich halten, um auf offenen Plätzen oder einer Straße nicht ständig darauf gefasst zu sein, dass es bei Beschuss unter ein Autowrack flüchten muss.
Schon in Bosnien war es ein Problem, dass, als der Krieg anfing, sich in der Speisekammer bei ihm zu Hause, statt Einmachgläsern voller Soleier oder Thunfischdosen, die Gesamtwerke von Turgenjew, Dostojewski, Tolstoi oder Shakespeare stapelten. Aber da hielt den Vater sein zum Kriegshelden avancierter Gangsterfreund aus Kindertagen über Wasser.
Tausche Pornoheft gegen Essbares
Es gab Regeln. Eltern, die ihre Kinder nicht schlugen, galten als „Möchtegernwestler, die ihren slawischen Wurzeln abgeschworen hatten“. In seinem Viertel hielt man zusammen über Klassen- und Herkunftsgrenzen hinweg. Und so kommt es auch, dass der eher stille Ich-Erzähler, das Akademikerkind gemischethnischer Eltern, von den etwas härteren anderen Jungs akzeptiert wird, bis der toxische Krieg auch in ihr Binnenverhältnis sickert.
Anfangs hängen sie noch gemeinsam auf dem Basketballplatz ab. Dann beginnen sie in Zeitungskioske und aufgegebene Videotheken einzubrechen, später in Wochenendhäuser, auf der Suche nach Pornoheften und -filmen, um sie UN-Soldaten gegen Essen oder Geld zu verticken. Schließlich geht es bei Rafik und Sead nur noch um „Titten“ und „Schwänze“, Verwilderung eskaliert. Bald kann man keine 20 Schritte mehr gehen, ohne Gleichaltrige in Autowracks sitzen zu sehen, die sich Plastiktüten ins Gesicht pressen und mit halb geschlossenen Augen und vom Kinn baumelnden Kleberfäden onanieren.
Der Klartext eines der Vergessenen
„Der Krieg“, schreibt Sila, „war längst nicht mehr bloß schrecklich – sein Schrecken hatte eine solche Dichte erreicht, das man die Realität wie durch einen scharlachroten Schleier zu sehen glaubte“. Nichts kapiert der Ich-Erzähler mehr.
Er fühlt sich von seinen Freunden verraten. Sie von ihm. Freunde fliehen abschiedslos. Die Alice-Cooper-Kassette wird auch nicht zurückgegeben. Im Plattenbautreppenhaus brechen Neid-Konflikte auf, die sich darum drehen, wer wo kämpft und welche Hilfsleistungen von wem erhält. Derweil läuft der an seiner Schusswunde laborierende Ich-Erzähler an Krücken, und es will ihm nicht einleuchten, warum man unbedingt flüchten muss – und ausgerechnet nach Deutschland. „Scheiße“, ist das erste deutsche Wort, dass er, angekommen in Mannheim, dort lernt.
„In Bosnien“ steht dann noch im Nachwort seiner Herkunftsgeschichte, „wird die Generation meiner Eltern die ,entwurzelte’ oder die ,ausgerissene’ genannt. Meine Generation aber hat keinen Spitznamen, wir sind die Vergessenen“. Er habe dieses Buch auch geschrieben, um dem Vergessen etwas entgegenzusetzen. „Neudeutschen Klartext“, nennt es Mladen Gladic, der in Pirmasens aufgewachsene Kritiker der „Welt“. Fortsetzung folgt – hoffentlich bald.
Lesezeichen
Tijan Sila: „Radio Sarajevo“; Hanser Berlin; 173 Seiten, 22 Euro.