Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Römische Steindenkmäler und ihr kurfürstlicher Entdecker

 Carl Theodor vor Herkules und Minerva, porträtiert von Franz Anton von Leydensdorff 1758.
Carl Theodor vor Herkules und Minerva, porträtiert von Franz Anton von Leydensdorff 1758.

Ein riesiger, tonnenschwerer Schatz ist es, der über viele Jahre wenig Beachtung erfuhr: Die Sammlung römischer Steindenkmäler in den Reiss-Engelhorn-Museen. Jetzt sind sie neu aufgestellt und gründlich erforscht. Der erste, der sich für das römische Erbe der Region begeisterte, war ein Pfälzer Wittelsbacher: Kurfürst Carl Theodor.

Dieses Gerümpel! Da rennt einer beim Museumsbesuch glatt dran vorbei. Beim Publikum haben die bescheidenen Steindenkmäler aus römischer Zeit keine große Lobby. Die großen Mosaikböden, die mehr oder weniger disneyartig rekonstruierten Villen, das ja. Aber endlose Fluchten von Grabsteinen einfacher Legionäre, von Architekturteilen, mehr oder weniger fragmentarisch erhaltenen Jupitersäulen, Weihreliefs und Zeugnissen des Mithras-Kultes.

Diese oft in muffig riechenden, auch Lapidarien genannten Steinhallen behauste Massenware, die gibt es – um in der Nähe zu bleiben – übergenug im Historischen Museum Speyer oder in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. In letzterem hat das in Teilen immer wieder ausgestellte, ansonsten überwiegend in Depots verbannte provinzialrömische Erbe jüngst eine eindrucksvolle Wieder- und Neubesichtigung erfahren.

Kiloschwere Forschungsarbeit

Nach fünfjähriger Forschungsarbeit hat ein Team um Johannes Lipps (Universität Mainz) und Christian Witschel (Universität Heidelberg) den Mannheimer Bestand, unterstützt vom Mannheimer Altertumsverein, der Fritz Thyssen-Stiftung, dem Stuttgarter Wissenschaftsministerium und weiterer Geldgeber, alle vorhandenen Stücke neu fotografiert, nach den neuesten wissenschaftlichen Standards bearbeitet, beschrieben und in ihren lokalen und historischen Kontext eingeordnet. Das Ergebnis wurde im vergangenen Jahr in einer kiloschweren Sonderveröffentlichung der „Mannheimer Geschichtsblätter“ der Fachwelt und Öffentlichkeit vorgelegt: Eine Meisterleistung die man nur bewundern kann. Und eine Neuorientierung für den, der sich für die auf Beginn des ersten und Ende des fünften nachchristlichen Jahrhunderts zu datierende römische Vergangenheit im Nordteil der Germania superior und der Nachbarregionen interessiert – wobei der geografische Schwerpunkt naturgemäß im Rhein-Neckar-Dreieck liegt. Man kann auch sagen: in der alten Kurpfalz.

Aktueller Anlass war eine Neuaufstellung ausgewählter und eigens dafür restaurierter Römersteine im Museum Weltkulturen. Und die war nun wirklich angesagt, schließlich bewahren die Reiss-Engelhorn-Museen eine der bedeutendsten Sammlungen römischer Steindenkmäler in Deutschland. Unterschiedliche Provenienzen und Besitzverhältnisse dürften mit zu diesem Zustand beigetragen haben. Der Mannheimer Bestand speist sich aus den im Gegensatz zu den Gipsen der Antikensammlung nicht nach München transferierten Beständen des ehemaligen kurfürstlichen „Antiquariums electorale“, den Grabungen und Ankäufen des Mannheimer Altertumsvereins, ebenso auch aus dem großherzoglichen Hofantiquarium und aktuell aus den Grabungen der Archäologen der Reiss-Engelhorn-Museen.

Trauriges Kellerdasein

Manche Zugänge des 19. und 20. Jahrhunderts wurden nach ihrer Entdeckung einfach eingelagert und vergessen. Vieles wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt oder ging mit dem Mannheimer Schloss ganz unter. Im Grunde ist das Schicksal der Römersteine ein trauriges Abbild ihrer Geschichte, die mit ihrer Aufstellung im Ostflügel des Residenzschlosses beginnt, in badischer Zeit sichtbar bleibt, dann vom Altertumsverein gepflegt wird und in den 1950er Jahren bei Aufräumungsarbeiten des stark zerstörten Schlosses wieder auftaucht. Für irgendwie besonders wichtig hielt man die unter der Musikschule in E 4, dem Barockkeller in B 4 oder dem Keller des Dalberghauses abgestellten Fundsachen in jenen Tagen wohl nicht. Die Zeiten haben sich geändert.

Nach dem Verständnis der REM und den wissenschaftlichen „Aufräumarbeiten“ des Forscherteams sind die Mannheimer Römersteine für die Geschichte der Region von größter Wichtigkeit. Aber wie viele waren es eigentlich? Grobe Schätzungen lagen bei 120, dann waren es mehr als 200, und am Ende war man bei 188 Katalognummern angekommen: Fragmente von Altären, Inschriften, Skulpturen, Teile von Säulen, Grabstelen, Weihedenkmäler ... Wie immer bei Antiken waren Fälschungen darunter und Stücke, die sich bei bestem Willen nicht zuordnen ließen.

Kurfürstliches Interesse

Das wäre als Ergebnis ja schon genug, aber es ist mehr. Der Blick zurück auf die Anfänge der Römersteine landet so gut wie immer, wenn von der Kurpfalz die Rede ist, bei der kulturell überragenden Gestalt des Kurfürsten Carl Theodor, wenn man so will, bei einem seiner Alleinstellungsmerkmale, Denn sein weit über die fürstlichen Gepflogenheiten des 18. Jahrhunderts hinausreichendes, ernsthaft betriebenes Interesse für die römische Geschichte seines Landes wird nicht zu Unrecht mit dem ersten Aufblühen der Archäologie und Denkmalpflege in Zusammenhang gebracht.

Dass sich der noch schlanke Carl Theodor von seinem Hofmaler Leydendorff um 1758 in Ritterrüstung vor den Statuen von Herkules und Minerva porträtieren ließ, hat allerdings nichts mit seiner Antikenbegeisterung zu tun, sondern mit der zeitüblichen Herrscher-Ikonographie: nämlich der Darstellung des Souveräns als Hercules palatinus und Garant herrscherlicher Weisheit. Auf jeden Fall war der Pfälzer Wittelsbacher der erste, der sich systematisch für die Steindenkmäler interessierte, sie nach den noch sehr rudimentären wissenschaftlichen Kriterien der Zeit suchen und nach Mannheim transportieren ließ. Seine fürstlichen Kollegen kamen da erst etliche Jahre später.

Das kurfürstliche Unternehmen beschränkte sich nicht nur auf das Territorium der links- und rechtsrheinischen Pfalz, es betraf auch den Mainzer Raum, wo sich besonders qualitätvolle Grabsteine fanden. Ein gutes, auf vier Katalogseiten gewürdigtes Beispiel ist die 1766 nach Mannheim gekommene, aus fossilienreichem schwarzen Kalkstein gearbeitete Reitergrabstele des Soldaten Tutius. Die mit einer Reliefdarstellung eines Reiters auf einem Pferd in der klassischen Reitkunst-Übung Levade geschmückte Ädikula–Stele für ein Tempelchen ist im Museum Weltkulturen ausgestellt und stammt aus dem ersten Jahrhundert nach Christus: eine der ältesten Reitersteine, die am Rhein gefunden wurden.

Anfänge einer Wissenschaft

Man dachte groß im kurfürstlichen Mannheim. Es ging nicht nur um die Anhäufung provinzialrömischer Steine. Angedacht war eine repräsentative Publikation, die sich an Johann Daniel Schöpflins „Alsatia illustrata“ – einer Geschichte des Elsass, erster Band 1751 erschienen– orientierte, die aber nie zustande kam. Es blieb bei punktuellen Publikationen, meist verfasst und mit Kupferstichen versehen von dem Historiker und Bibliothekar Andreas Lamey , einem Schöpflin-Schüler, der 1763 von Straßburg als erster ständiger Sekretär an die von seinem Lehrer mitbegründete Kurpfälzische Akademie der Wissenschaften nach Mannheim berufen wurde und sich in der südwestdeutschen Landesgeschichte bestens auskannte. Mit der Akademie kam die holprig begonnene archäologisch-historische Forschung in Schwung. Schon hatte 1749 hatte Carl Theodor in einem Erlass die pfälzischen Oberämter angewiesen, so vorhandene „antiquitäten und andere monumenta“ einzusenden, wozu eine „proportionirliche recompense“ in Aussicht gestellt war; der Erfolg blieb überschaubar.

Mit der „Academia electoralis“, vor allem deren historischer Klasse, änderte sich das. Die Herren nutzen ihre Akademieferien im Frühling und Herbst, um zu reisen. Dabei ging es nicht nur um Erfassung und Erwerb antiker Reste und Denkmäler, sondern ebenso um Urkunden, Manuskripte und Bücher für die Mannheimer Bibliothek. Schon ein Jammer, dass der „Palatinatus illustratus“ bei soviel Eifer ein Projekt blieb.

Vier wissenschaftliche Exkursionen sind überliefert. Die erste fand 1764 statt und hatte vor allem Ingelheim zum Ziel. Andreas Lamey, der kurpfälzische Hofhistoriograph Christoph Jakob Kremer und der für die zeichnerische Dokumentation zuständige Hofminiaturmaler Franz Joef Kisling berührten nächst den Ruinen der Ingelheimer Kaiserpfalz Worms, Odernheim, Gommersheim und Mainz. Zurück nach Mannheim ging es über Kreuznach, Flonheim, Grehweiler, Rockenhausen, Wolfstein, Otterberg und Lautern (damals noch ohne den Zusatz „Kaisers“). Bei der zweiten Reise nahmen neben Lamey und Kremer der Ingenieurleutnant Ferdinand Denis teil. Hauptziel war diesmal Gimsbach im Oberamt Lautern. Bei der dritten Reise 1767 besuchten Lamey und Kremer Speyer, Godramstein, Billigheim, Klingenmünster Weißenburg und Hördt, dann endlich auch ins Rechtsrheinische: Nach Eppingen, Mühlbach, Wimpfen, Heilbronn, Böckingen, Weinsberg, Öhringen und Boxberg ging es, und zurück über Mosbach und Neckargemünd.

Die sechswöchige Rheinlandexkursion 1768 war die letzte Reise. Diesmal waren Lamey, Kremer, der große Schöpflin selbst und der Hofkupferstecher Egid Verhelst dabei. Das Itinerarium der Reise verzeichnet 25 Orte, darunter Bacharach, Trier, Maria Laach, Köln und Lüttich. Obwohl man nicht überall fündig wurde, war die wissenschaftliche Ausbeute doch beträchtlich. Alle Reiseberichte wurden in den „Acta Academiae Theodoro-Palatinae“ – in der Wissenschaftssprache Latein – veröffentlicht.

Allein 19 Druckseiten – den Katalogteil nicht eingerechnet – umfasst heute Sebastian Traunmüllers Aufsatz zu den römischen Steindenkmälern aus Godramstein im Essayteil der Mannheimer Publikation, wobei sich die Region um den heutigen Landauer Stadtteil als einer der wichtigsten Fundorte römischer Steindenkmäler in der Pfalz präsentiert, die heute vor allem in Historischen Museum der Pfalz in Speyer und in den REM zuhause sind. Das hat mit den verschiedenen Grabungen zu tun, und der Tatsache, dass es mit der Kurpfalz 1803 zu Ende war, die linksrheinische Pfalz 1816 bayrisch wurde und seit 1949 Teil von Rheinland-Pfalz ist. Die oft bizarre Forschungsgeschichte nebst einem kompakten Abriss zur römischen Geschichte Godramsteins bei Traunmüller nachzulesen, ist allerdings ein Vergnügen, das man sich als Leser erarbeiten muss . Aber es lohnt.

Lesezeichen

Johannes Lipps, Stefan Ardeleanu, Jonas Osnabrügge und Christian Witschel (Hrsg.): „Die römischen Steindenkmäler in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim“, Mannheimer Geschichtsblätter Sonderveröffentlichung 14; 736 Seiten mit 526 meist farbigen Abbildungen; Verlag Regionalkultur; 98 Euro; ISBN 978-3-95505-216-4.

Grabstein des C.Tutius aus dem ersten Jahrhundert .
Grabstein des C.Tutius aus dem ersten Jahrhundert .
Steine aus Godramstein, publiziert von Andreas Lamey im Auftrag des Kurfürsten, Mannheim 1770.
Steine aus Godramstein, publiziert von Andreas Lamey im Auftrag des Kurfürsten, Mannheim 1770.
Rekonstruktion einer Römerstraße in der Reiss-Engelhorn-Ausstellung „Versunkene Geschichte“.
Rekonstruktion einer Römerstraße in der Reiss-Engelhorn-Ausstellung »Versunkene Geschichte«.
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