Kultur Provinz klingt anders!
Die Kultur blüht in der Pfalz auch abseits der Zentren Kaiserslautern und Ludwigshafen mit ihren Institutionen. Städte wie Neustadt, Landau oder Pirmasens organisieren ihre eigenen Kulturprogramme, bestehend aus Konzerten, Theatergastspielen oder auch Comedy und Kabarett. Doch unsere Serie „Kultouren“ geht quasi noch mehr aufs flache Land, in kleinere und kleinste Kommunen. Taucht noch tiefer ein in die Region, die eine Vielzahl von Angeboten beispielsweise für Freunde klassischer Musik macht.
Sie heißen „Von-Busch-Hof konzertant“, „Kirchheimer Konzertwinter“ oder „Grünstadter Sternstunden“, um nur drei Beispiele zu nennen. Mitfinanziert sicherlich in jedem Fall durch Steuergelder, ermöglicht aber vor allem auch durch ehrenamtliche Unterstützer, die sich oft in Freundeskreisen zusammengefunden haben. Das ist auch bei der wohl ältesten Konzertreihe der Pfalz der Fall, mit der wir unsere „Kultouren“ beginnen wollen: der Wachenheimer Serenade. Treffen mit Eckhard Hilgemann im Wachenheimer Café Schellack. Der Name ist etwas irreführend. Wir sitzen in einer typischen Pfälzer Weinstube. Ein Riesling als Gesprächsbegleiter ist da eigentlich obligatorisch. Hilgemann ist seit 2012 Vorsitzender des Freundeskreises der Wachenheimer Serenade. Ein Ehrenamt, selbstredend. 1972 war die 1966 vom ehemaligen Solooboisten der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz (das Orchester hieß damals noch Pfalzorchester) Gerhard Koch und dem damaligen Bürgermeister Hans Graumann begründete Wachenheimer Serenade in eine Krise geschlittert. Die Stadt wollte sich zurückziehen, und es fanden sich Musikenthusiasten zusammen, die für die Kommune in die Bresche sprangen. Es war die Geburtsstunde des Freundeskreises, der zusammen mit dem künstlerischen Leiter – derzeit ist dies der Klarinettist Sebastian Lastein – die Geschicke der Wachenheimer Serenade bestimmt. Die Aufgabenteilung zwischen Stadtverwaltung, Freundeskreis und künstlerischer Leitung ist relativ klar definiert. Die Kommune unterstützt die Konzertreihe mit etwa 25.000 bis 30.000 Euro, außerdem stellt sie Bauhof-Mitarbeiter zu Verfügung, die beispielsweise die Bühnen an den unterschiedlichen Konzertorten in der Stadt aufbauen. „Mit dem Geld können wir die Gagen für die Künstler bezahlen, durch den Eintrittskartenverkauf holen wir diesen Betrag aber auch wieder rein“, berichtet Hilgemann im Gespräch. Der gebürtige Münsterländer kam Anfang der 1970er Jahre in die Pfalz, begann eine Ausbildung bei der BASF, wo er zuletzt als Führungskraft gearbeitet hat. Eine wichtige Säule des Programms sei die klassische Kammermusik, so Hilgemann. „Das ist unser Brot- und Buttergeschäft“. Daneben versuche man aber auch, mit ungewöhnlichen Besetzungen und überraschenden Arrangement von Klassikern, ein neues Publikum zu gewinnen. Die ganz großen Stars könne man sich natürlich nicht leisten. „Namen, die jeder kennt, die können wir nicht bezahlen.“ Es sei denn, der jeweilige künstlerische Leiter verfüge über Kontakte, mit denen er bekannte Musiker auch schon mal für eine geringere Gage nach Wachenheim locken könne. Sieben Konzerte pro Spielzeit bietet das Jahresprogramm der Wachenheimer Serenade. Die Konzerte finden an ganz unterschiedlichen Orten statt, von der Protestantischen Kirche über die Sektkellerei Schloss Wachenheim bis hin zu Kulturscheune und Innenhof des Weingutes Dr. Bürklin-Wolf. Am kleinsten Konzertort, der Ludwigskapelle, finden maximal 150 Personen Platz. In die Kulturscheune von Bürklin-Wolf passen bis zu 500 Personen. Von unserem Tisch in der Weinstube sieht man, dass bereits die ersten Besucher in die Ludwigskapelle gehen. Dort werden am Abend die in Russland geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Geschwister Kirill Troussov und Alexandra Troussova das nächste Konzert der Serenade gestalten. Das Motto lautet „Memories“. Mittlerweile ist auch Bürgermeister Thorsten Bechtel zu uns gestoßen. Für ihn ist die Konzertreihe „wichtig für die Attraktivität der Stadt“. Er erkennt in der Wachenheimer Serenade auch einen touristischen Aspekt, gerade weil die Konzertreihe über die ganze Stadt verteilt sei: „Die Serenade führt die Besucher auch zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt“, so Bechtel. Ortswechsel in die Ludwigskapelle. Die spätgotische Kapelle aus dem Jahr 1443, die nicht mehr als Sakralraum, sondern als Standesamt genutzt wird, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Bereuen wird wohl niemand im Publikum seinen Besuch. Die Geschwister Kirill Troussov und Alexandra Troussova, die außer einer Beethoven-Sonate ein rein russisches Programm mitgebracht haben, bieten Kammermusik auf höchsten Niveau. Vor allem der Geiger Kirill Troussov begeistert durch seine sensible Musikalität ebenso wie durch seine großartigen spieltechnischen Fähigkeiten. Klassik in der Provinz, aber alles andere als provinziell. Ganz im Gegenteil. Weitere Termine —Samstag, 13. Juli, „Das große Sommerkonzert“ mit dem Mendelssohn Kammerorchester Leipzig; Hof des Weinguts Dr. Bürklin-Wolf —Samstag, 21. September, „Vom Holzwurm zum Ohrwurm“ mit German Clarinets; Ludwigskapelle —Samstag, 19. Oktober, „Kammerkonzert an zwei Klavieren“ mit dem Duo Un Alma; Palais Schloss Wachenheim —Samstag, 30. November, „American Christmas and more“ mit der Sopranistin Janice Dixon; Protestantische Kirche —Details auch online unter der Adresse www.wachenheimer-serenade.de