Lockdown-Lockerungen RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer Kinos öffnen noch nicht

Rollte am Vorabend der Berlinale symbolisch den Teppich aus: das geschlossene Union-Kino in Kaiserslautern.
Rollte am Vorabend der Berlinale symbolisch den Teppich aus: das geschlossene Union-Kino in Kaiserslautern.

Ab Montag könnten Kulturorte je nach Inzidenz öffnen, beschloss der Bund-Länder-Gipfel Anfang März. Rheinland-Pfalz wollte bis 28. März warten. Dennoch hat sich zumindest das Mainzer Staatstheater gerüstet, ab 22. März zu spielen. Die Kinos im Land halten eine Öffnung vor April dagegen für nicht praktikabel – auch nicht in Städten mit einer Inzidenz klar unter 50. Warum? Eine Umfrage in Kaiserslautern, Landau und Neustadt.

„Es ist ein großes Rätselraten“, sagt Ursula Simgen-Buch von der Provinz 80 GmbH, die das Programmkino Union in Kaiserslautern (aktuelle Inzidenz, 19. März, 14.10 Uhr: 31,0) und das Provinzkino in Enkenbach (35,9) betreibt. „Da stehen noch so viele Fragen im Raum“, sagt auch Frank Noreiks von den Filmtheaterbetrieben Spickert, die das Cineplex in Neustadt und drei Kinos in Mannheim und Bruchsal, also in zwei verschiedenen Bundesländern, führen: Wie dürfte man wann und für wie lange spielen?

Auf dem Corona-Gipfel am 5. März wurde entschieden, dass Kinos, Konzertorte und Theater, Sportstätten und die Außengastronomie ab 22. März aufmachen dürften – so es die Sieben-Tage-Inzidenz zulässt. Nur wenn sie unter 100 liege, sollten Öffnungen – etwa auch mit Nachweis eines aktuellen negativen Schnelltests bei Inzidenzen zwischen 50 und 100 – möglich sein. Das Land Rheinland-Pfalz hielt sich allerdings bedeckt, wollte erst diesen Freitag nach dem Impfgipfel über Öffnungsszenarien sprechen.

Einheitliche Lösung erhofft

Praktikabel für ein Kino ist das alles ohnehin nicht. „Dass man das Eröffnungsszenario von lokalen Inzidenzwerten abhängig macht, ist für die Kinobranche tödlich“, sagt Frank Noreiks, der nach Neustadt (Inzidenz aktuell: 31,9), Mannheim (133,9) und Bruchsal (102,7) schauen müsste: „Wir sind ja in einem nationalen und meist sogar internationalen Geschäft.“ Und anders als etwa von öffentlicher Hand getragene Museen oder Theater müssen privatwirtschaftliche Unternehmen wie Kinos ganz genau auf die finanziellen Folgen achten.

„Es ist einfach unrealistisch“, sagt Dragan Vukmirovic von der Filmwelt Landau: „Man kann nicht auf- und dann wieder zumachen, wenn die Zahlen steigen“, kritisiert er die Inzidenzwert-Abhängigkeit (Landau, 19. März: 32,0). „Das ist keine Perspektive und viel schlimmer als ein konkret zeitlich begrenzter Lockdown.“

Inzidenzlösung „noch blöder“ als Lockdown

„Er glaubt nicht, dass Kinos in den nächsten ein, zwei Monaten aufmachen können. Frank Noreiks spricht ebenfalls von Mai oder Juni, vielleicht Ende April. Und Michael Kaltenegger vom Neustadter Roxy konstatiert: „Es ist schwierig bis unmöglich, sich festzulegen.“ Von noch mehreren Wochen Schließung geht Lars Pfeifer vom Universum Landau aus. Auf April hofft Ursula Simgen-Buch und berichtet aus einer Videokonferenz mit Programmkinos aus ganz Rheinland-Pfalz: „Keines der Kinos wird im März aufmachen.“ Wobei das Pro-Winzkino in Simmern noch darüber nachdenke, gleich an Gründonnerstag, 1. April, zu öffnen.

„Zu planen ist einfach total schwierig“, sagt sie und findet ebenfalls die inzidenzabhängige Stufenlösung „noch blöder“ als den Lockdown. Den Apparat jetzt hochzufahren, sei nicht sinnvoll. Denn dann müsste wohl die derzeit in Teilen erlassene Miete wieder voll gezahlt werden, Personal wieder angeheuert, die Kurzarbeit heruntergefahren werden. Das rechne sich alles nicht, wenn bald wieder eine Schließung droht. Zudem hätten viele Leute nach wie vor Angst, in geschlossene Räume zu gehen.

Marketing muss erst anlaufen

„Wir öffnen, wenn es für uns sinnvoll ist“, sagt auch Lars Pfeifer vom Landauer Universum. „Wir müssen ja auch das Marketing anlaufen lassen. Vieles buchen wir lange vorab, wir sind ein Planungsgeschäft und können nicht von Montag auf Montag entscheiden.“ Eventuell werde er zunächst auch nur einen Saal öffnen oder nur am Wochenende spielen. Denn es fehlten auch die zugkräftigen Filme: „Es gibt nichts. Die Verleiher müssen ihre Filme auch erst positionieren.“

Verleiher benötigen „einen Markt, der funktioniert“, eine bundesweite Einheitlichkeit, ergänzt Dragan Vukmirovic. Der Kinomacher fragt sich, ob die Politiker, die sich die Inzidenzabhängigkeit ausgedacht haben, dies nicht wissen, oder ob es sich bei der Entscheidung von Anfang März nur „um Alibiaussagen“ gehandelt habe.

Kommt mit Bond neuer Schwung?

Wirtschaftlich wieder Kino zu machen, sei wohl erst mit dem neuen James-Bond-Film möglich, meint sein Landauer Kollege: „Keine Zeit zu sterben“ soll im Oktober starten. „Natürlich werden wir aber vorher öffnen“, versichert Pfeifer für das Universum. „Die Sehnsucht nach Kino ist schon groß.“ Und die Cineasten werden auch kommen, prognostiziert er. Aber die „breite Masse“ werde vielleicht erst einmal anderes machen wollen, spielt er darauf an, dass viele Menschen sich den Lockdown mit Filmeschauen daheim vertrieben haben.

Michael Kaltenegger vom Roxy ist etwas zuversichtlicher: „Die Menschen haben ein großes Bedürfnis, ins Kino zu gehen.“ Und sobald sie sich wieder sicher fühlten, würden sie auch kommen. Auch hätten die Verleiher „im Hintergrund sehr gut gearbeitet“. Es stehe Interessantes in der Pipeline. „Die Filmversorgung wird hervorragend sein“, sobald es wieder richtig losgehen könne mit Kino. „Das stimmt mich schon sehr optimistisch für dieses Jahr.“

Verlässlichkeit gefordert

Im Moment jedoch glaubt er noch nicht an Öffnungen. Auch Autokino sei derzeit unrealistisch, da noch keine Filme da seien. Statt Inzidenzabhängigkeit wünscht er sich „eine klare Orientierung“ und „einen terminlichen Fixpunkt“. Für eine bundesweit einheitliche Wiedereröffnung und verlässliche Regelungen hatte sich auch der Programmkino-Verbund AG Kino-Gilde ausgesprochen.

Kaltenegger hat wie seine Kollegen aus Kaiserslautern und Landau die November- und Dezemberhilfen erhalten, wobei Dragan Vukmirovic von der Filmwelt noch einen Kredit aufnehmen musste, um das Kino über Wasser zu halten. Lars Pfeifer wiederum beantragt gerade zudem fürs Universum Betriebskostenhilfe (auch Überbrückungshilfe III genannt), die für Januar bis Juni für einen Teil der Fixkosten gewährt wird. Ihm komme sein Verpächter derzeit noch entgegen, aber langsam wünsche sich dieser auch Entlastung. Hier würde sich Pfeifer eine „klare Kante“ wünschen, eine bundesweite Lösung – etwa dass von Schließungen wegen Corona-Vorgaben betroffene Betriebe nur 50 Prozent der Miete zahlen müssten und der Rest aufgefangen würde.

„Stehen in Startlöchern“

Keine Hilfen dagegen seien für die Filmtheaterbetriebe Spickert geflossen, berichtet Frank Noreiks: Mit über 50 Mitarbeitern sei der Verbund von vier Kinos zu groß für die November- und Dezemberhilfen gewesen. Dennoch wolle sein Unternehmen alle vier Kinos halten. In Neustadt werde das Cineplex samt seines Restaurants wieder öffnen, sobald dies sinnvoll sei, blickt er vor allem auf das Infektionsgeschehen: „Die Zahlen gehen ja gerade wieder nach oben. Keiner weiß, wo es noch hingeht.“ Auch das Personal, das derzeit in Kurzarbeit ist, wolle man halten. Kontakt werde über Videokonferenzen gehalten. Hygienekonzepte seien fertig. „Wir haben unsere Eröffnungskampagne fertig. Wir stehen in den Startlöchern. Und wir freuen uns natürlich darauf.“

„Wir brennen alle darauf, wieder unsere Arbeit zu machen“, wünscht sich auch Ursula Simgen-Buch einen Neustart, zumal man gerade bei der Berlinale einige Schätze fürs Publikum entdeckt habe.

„Nur kleines Licht am Ende des Tunnels“

„In den nächsten zwei, drei Monaten muss was passieren“, scharrt Dragan Vukmirovic ebenfalls mit den Füßen, ist aber angesichts des schleppenden Impffortschritts ernüchtert. „Ich sehe nur ein kleines Licht am Ende des Tunnels.“ Zumal es einem Kino auch wenig nutze, wenn kaum Plätze besetzt und dazu kein Popcorn und keine Getränke verkauft werden dürften. „Wir sind abhängig von diesen Nebenumsätzen.“ Er sorgt sich auch um das Gemeinwesen insgesamt. „Die Leute drehen durch langsam. Diese negative Energie in der Gesellschaft ist furchtbar“, will er mit Kino auch wieder Menschen Freude bereiten können. „Es sind ja gerade Kleinigkeiten, die unser Leben schön machen.“

Hofft auf Bond: Lars Pfeifer in seinem Landauer Kino Universum.
Hofft auf Bond: Lars Pfeifer in seinem Landauer Kino Universum.
Die Eröffnungskampagne ist bereits fertig, sagt Frank Noreiks von den Filmtheaterbetrieben Spickert, die das Cineplex in Neustad
Die Eröffnungskampagne ist bereits fertig, sagt Frank Noreiks von den Filmtheaterbetrieben Spickert, die das Cineplex in Neustadt führen.
Bedauert die „negative Energie in der Gesellschaft“ und hofft, mit Kino bald wieder Freude schenken zu können: Dragan Vukmirovic
Bedauert die »negative Energie in der Gesellschaft« und hofft, mit Kino bald wieder Freude schenken zu können: Dragan Vukmirovic von der Filmwelt Landau.
Michael Kaltenegger vom Neustadter Roxy ist trotz allem optimistisch: Er erwartet für das Kinojahr noch jede Menge interessante
Michael Kaltenegger vom Neustadter Roxy ist trotz allem optimistisch: Er erwartet für das Kinojahr noch jede Menge interessante Filme.
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