Filmfestival Venedig RHEINPFALZ Plus Artikel Pedro Almodóvar gewinnt mit ungewöhnlichem Film über Sterbehilfe

Er drehte einen Film, der zu Herzen geht – und gewann dafür den Goldenen Löwen: Pedro Almodóvar.
Er drehte einen Film, der zu Herzen geht – und gewann dafür den Goldenen Löwen: Pedro Almodóvar.

Er wollte einfach etwas Neues machen, sagte Pedro Almodóvar beim Filmfestival von Venedig. Mit „The Room Next Door“, seinem ersten englischsprachigen Film, hatte der 74-jährige Spanier den einzigen Film des Wettbewerbs gedreht, der so sehr ans Herz geht, dass er dafür am Samstagabend den Goldenen Löwen gewann.

In seiner Dankesrede lobte Almodóvar immer wieder seine beiden Hauptdarstellerinnen, die Oscar-Preisträgerinnen Tilda Swinton und Julianne Moore, die erst mit einer gewissen Zurückhaltung, dann mit großer Empathie zwei Freundinnen Anfang 60 spielen, die sich zwölf Jahre nicht gesehen haben. Die frühere Kriegsreporterin Martha (Swinton) hat Krebs im Endstadium, sie will mit einer Pille aus dem Darknet aus dem Leben scheiden. Ingrid, die Kunstkritikerin, soll mit ihr zusammen in ein dazu gemietetes, architektonisch atemberaubendes Haus in den Bergen nahe New York ziehen, denn allein sterben ist grausam.

Sie willigt ein und ist total aufgelöst, als die Tür zum Zimmer der Freundin morgens verschossen ist, denn das soll das Zeichen sein, dass sie ihrem Leben ein Ende machte. Es war dann nur ein Windstoß, der nachts die Tür zufallen ließ. Er bringt die Freundinnen, die viel reden und sich nur selten mal in den Armen liegen, enger zusammen. Mit ungewöhnlicher Ruhe, direkter Sprache und einer noch nie gezeigten Unaufdringlichkeit beschreibt Almodovar, der für zwei seiner spanischen humorvollen Frauenfilme schon Oscars bekam, hier eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft und mixt Typisches der beiden Kontinente.

Hopper-Bilder und Almodóvar-Plädoyer

Er hat seine starken Farben herübergeholt nach New York und kombiniert sie mit wundersamen Bildkompositionen der Einsamkeit, die aus Edward-Hopper-Gemälden stammen könnten. Alles ist stilvoll, unaufgeregt und gerade deshalb so ergreifend. In Spanien ist Euthanasie erlaubt, in den USA nicht, in der Dankesrede appellierte Almodóvar denn auch, den Todeswunsch zu respektieren und nicht unter Strafe zu stellen. (Kinostart: 24. Oktober).

Der Franzose Vincent Lindon (65) spielt vornehmlich Männer auf verlorenem Posten, hat schon x Preise in Frankreich bekommen (auch in Cannes), ist aber jenseits von Frankreich selten ausgezeichnet worden. Nun bekam er für die Rolle eines Vaters mit zwei fast erwachsenen Söhnen, einem braven an der Sorbonne und einem wilden, der sich schlagenden Rechtsradikalen anschließt, den Darstellerpreis.

Neonazis in Lothringen

Zwar ist „Jouer avec le feu“ der Schwestern Delphine (52) und Muriel (59) Coulin ein thesenhafter, nicht gerade brillanter Fernsehfilm, aber Lindon ist überzeugend als Vater, dessen Liebe auf einer harte Probe gestellt wird. Immer wieder wird erwähnt, dass die Neonazis auch in Deutschland immer stärker werden, denn der Film spielt in Lothringen, in Metz und Umgebung, wo große Arbeitslosigkeit herrscht und die Rechten sehr stark sind, auch die Rechtsradikalen. Selbst als Vater und Söhne im Stadion dem FC Metz zujubeln, sind die rechtsradikalen Freunde nur ein paar Reihen hinter ihnen. Doch der Film erklärt nicht, warum der eine Sohn, der seine Lehre nicht zu Ende machte, so radikal wurde.

Als beste Schauspielerin wurde die australisch-amerikanische Schauspielerin Nicole Kidman (57) in „Babygirl“ von Halina Reijn ausgezeichnet für ihre Rolle als knallharte Geschäftsführerin einer großen Firma, die zum Lämmchen wird, als sie ein Verhältnis mit einem jungen Praktikanten eingeht und sich ihm sexuell gerne unterwirft. Die zwei Gesichter einer Frau, die alt genug ist, um zu wissen, was sie tut, hat wohl die Jury unter ihrer Präsidentin Isabelle Huppert (71) beeindruckt, denn in beiden Facetten ist die Oscarpreisträgerin überzeugend.

Jüdischer Emigrant in Amerika

Seit vier Jahren dreht der heute 22-jährige Franzose Paul Kircher Filme, bei uns war er zuletzt in „Der Gymnasiast“ (2022) als homosexueller Junge zu sehen, in Venedig bekam er den Nachwuchsdarstellerpreis für seine Darstellung eines Teenagers in der lothringischen Provinz, dessen Entwicklung ab den 80er- Jahren in Zwei-Jahres-Sprüngen gezeigt wird: in „Leurs enfants après eux“ der Zwillingsbrüder Ludovic und Zoran Boukherma (32) – nach Nicolas Mathieus 2018 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten, auf Deutsch unter dem Titel „Wie später ihre Kinder“ erschienenen Roman. Kircher spielt den Jungen Anthony, der aus Langeweile und Hoffnungslosigkeit zwar blöde Sachen macht, aber es dann doch schafft, aus dem Teufelskreis auszubrechen.

Sein Dreieinhalbstundenfilm „The Brutalist“ brachte dem US-Regisseur Brady Corbet (36) den Regiepreis ein. Das Fresko handelt von einem (fiktiven) jüdischen Architekten und Bauhaus-Schüler (Adrian Brody), der in Bremerhaven dem Holocaust entkommt, in Amerika zufällig einen Gönner findet, eine moderne Bibliothek baut und später einen großen Bürgerhaus-Treffpunkt-Komplex. Der Kampf des Emigranten und seiner Frau, die er später nachholt, seine Sprach- und Kulturprobleme in dem fremden Land sind in diesem Fresko zwar etwas langatmig, aber bilderstark und nachvollziehbar gestaltet (Kinostart 30. Januar 2025).

Viele Stars, interessante Dokus

Letztlich haben in dem starbepackten, gleich mit vier Hollywoodfilmen bestückten Wettbewerb (neben „Babygirl“ und „Brutalist“ noch „Joker: Folie à deux“ und die William-S.-Boroughs-Verfilmung „Queer“ mit Daniel Craig) letztlich die ungewöhnlichen Autorenfilmer die Nase vorn, wie immer. Dokus wie Andres Veiels „Riefenstahl“ oder „Russians at War“ gedreht von Anastasia Trofimova, einer mutigen Frau Anfang 20, die ein Jahr die Desillusion russischer Soldaten an der Front filmte (ohne Genehmigung natürlich), wurden nicht in den Wettbewerb genommen, politische Diskussionen im Venedig blieben daher aus. Immerhin hat die rechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni den Vertrag des seit 2012 agierenden liberalen Festivalleiters Alberto Barbera (74) um weitere zwei Jahre verlängert.

Szene aus dem Siegerfilm „The Room Next Door“ übers Sterben von Pedro Almodóvar mit Tilda Swinton (links) und Julianne Moore.
Szene aus dem Siegerfilm »The Room Next Door« übers Sterben von Pedro Almodóvar mit Tilda Swinton (links) und Julianne Moore.
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