Literatur
„Paradise Garden“: Das Erfolgsdebüt der Mainzer Autorin Elena Fischer
Billie und ihre Mutter Marika sind eine untrennbare Einheit. Es gibt keinen Vater, keine Geschwister, keine Großeltern, kaum Freunde. Die Mutter, eine alleinerziehende Ungarin, lebt mit der Tochter weit oben in einem Hochhaus, einer Siedlung, über die schon abfällig geurteilt wird, wenn etwa bei einem Bewerbungsgespräch nur der Name fällt. Aber das ändert nichts an dem Glanz aus Fantasie und Geschichten, mit dem die Mutter ihre heranwachsende Tochter erzieht.
Auf dem Hochhausbalkon spielen sie „Urlaub“, ziehen sich bunte Bikinis an und mischen Säfte zu Cocktails, die sie aus schicken Strohhalmen trinken. Sie schmücken die triste Wohnung mit immer neuen Kalenderbildern berühmter Maler, eine alte Samtcouch wird Mittelpunkt ihrer eigenen kleinen Insel und in der Nacht, wenn Billie manchmal auf der großen Luftmatratze, die die Mutter als Bett benutzt, liegt, wird die zum Floß auf dem Meer. Billie sieht über sich den Sternenhimmel, das ganze Universum, meint, das Floß/die Luftmatratze schaukele tatsächlich auf dem Meer.
Das große Eis am Monatsanfang
Die Nähe von Mutter und Tochter berührt, umso mehr, als die Lebenssituation von Frau und Mädchen alles andere als glanzvoll ist. Die Mutter bedient zwei Jobs. Morgens als Putzfrau und abends als Kellnerin in einer Bar. Trotzdem reicht das Geld gerade so zum Überleben. Billie hat sich darauf eingestellt, dass es am Monatsende nur noch Nudeln mit Ketchup gibt, das Budget nie für einen Urlaub reicht, sie nur wenige Kleider hat. Am Monatsanfang entschädigt die Mutter sie jedes Mal für das Monatsende. Und dann gibt es auch den Eisbecher, der ebenso heißt wie der Roman „Paradise Garden“. Eine Farb- und Geschmacksexplosion aus tropischen Früchten.
Überhaupt sind es Farben, mit denen Elena Fischer ihre Geschichte illustriert. Gelb wie Sonnenblumen ist das Kleid, das die Mutter Billie kauft, rot ist der alte Nissan, mit dem die beiden selten fahren, weil das Geld für Benzin knapp ist – und nachtblau die Samtcouch die zum Diwan für Geschichten und Träume wird.
Aus diesen Träumen wird Billie jäh gerissen: Bei einem Besuch der Großmutter aus Ungarn kommt es zu einem Streit, in dessen Verlauf die Mutter mit dem Kopf auf die Kante des Glastischs schlägt und daran ein paar Stunden später stirbt. Für Billie bricht eine Welt zusammen. Sie sieht sich mit der schwierigen ungarischen Großmutter und dem Jugendamt konfrontiert. „Ich war eine Pflanze ohne Erde, eine Schnecke ohne Haus“, schreibt sie in ihr Tagebuch.
Und um allem zu entkommen, flüchtet das Mädchen mit dem Auto der Mutter und macht sich auf die Suche nach ihrem Vater, von dem sie fast nichts weiß. Außer, dass er eine Weile mit der Mutter in Norddeutschland gelebt hat. Elena Fischer lässt ihre Figuren ohne Schnörkel und ohne Polemik sprechen. Es ist, als läse das Mädchen Billie aus ihrem Tagebuch vor. Und da wird nicht nur eine Geschichte erzählt, von einer Heranwachsenden, die plötzlich ihre Mutter verliert – sondern da klingt Kritik an einer Gesellschaft durch, die es oft gerade denen schwer macht, die es schon schwer genug haben.
Im klapprigen Nissan Richtung Meer
Billies ungarische Mutter stammt von den Roma ab. Sie ist aus Ungarn weggegangen, damit die Tochter eine bessere Bildung haben soll als sie selbst. Und da ist immer die Angst, das Jugendamt könne ihr, der Ausländerin mit dem geringen Einkommen, ihr Kind wegnehmen. Tatsächlich hat das Jugendamt auch schon vor der Tür gestanden, als Billie einmal im Schlafanzug zur Schule ging. Der Tod der Mutter bringt Billie dann tatsächlich vorübergehend in ein Jugendheim.
Der Roadtrip quer durch Deutschland ist ein Bruch in der Geschichte aus drei Generationen von Frauen, die man gerne bis zum Schluss angeschaut hätte. Aber die Großmutter verschwindet aus den Kapiteln ebenso plötzlich wie sie gekommen ist. Gerne wäre man tiefer an die Wurzeln dieser ungewöhnlichen Familie herangekommen. Viele Fragen bleiben am Ende von Billies Reise quer durch Deutschland unbeantwortet und der Trip verläuft irgendwie zu glatt. Nie wird die inzwischen 15-Jährige in ihrem klapprigen Nissan von der Polizei aufgehalten, die Großmutter scheint auch nicht wirklich nach dem Mädchen zu suchen. Sie klaut Campingzubehör und schläft auf Waldparkplätzen.
Und dann wird es fast märchenhaft stimmig: Bille, die in Wirklichkeit Erzsébet heißt, findet den Mann, der beinahe ihr Vater geworden wäre. Er wohnt auf einer kleinen Insel in der Nordsee und hat eine Art Ponyhof. Drei Jahre lebte ihre Mutter mit dem Mann zusammen, nachdem Billies Vater sie verlassen hatte. Und hier will Billie künftig leben – zwischen den Pferdchen und Vogelbeobachtungen – in einer gelben Öljacke, und Kandiszucker im Tee. Eigentlich schade – Elena Fischer hat mit der Mutter Marika eine schillernde Figur erdacht: Unbezähmbar wie Holly Golightly, ebenso kapriziös, voller Leben und Fantasie – vielleicht ein bisschen derber. Und dann versickert deren Geschichte, deren Tragik, ihre ungarische Kultur in den feuchten Weiden des Ponyhofs. „Paradise Garden“ hätte das Zeug zu einem kontroversen Coming-of-age Roman gehabt, vor dem Hintergrund zweier Kulturen. So ist es eine traurig-schöne Geschichte vom Verlieren, Suchen und (fast) Finden.
Lesezeichen
Elena Fischer: „Paradies Garden“; Diogenes, Zürich, 352 Seiten; 23 Euro.