Pop RHEINPFALZ Plus Artikel OMD im Interview: „Gibt viel, was man sich von der Seele schreiben möchte“

Ist „Bauhaus Staircase“ das letzte Album? Orchestral Manoeuvres in the Dark sind Paul Humphreys (links) und Andy McCluskey.
Ist »Bauhaus Staircase« das letzte Album? Orchestral Manoeuvres in the Dark sind Paul Humphreys (links) und Andy McCluskey.

Mit ihrem 14. Studioalbum „Bauhaus Staircase“ im Gepäck machen sich Orchestral Manoeuvres in the Dark (OMD) dieser Tage auf nach Deutschland. Vor dem Tourauftakt sprach Benjamin Fiege mit OMD-Mitglied Paul Humphreys über Politik, die Beziehung des Duos zu Deutschland und die Tücken des Google Übersetzers.

Paul, ab kommender Woche sind Sie mit „Bauhaus Staircase“ auf Deutschland-Tour. Ist es wirklich das letzte OMD-Album, wie ja zuletzt immer wieder angedeutet wurde?
Es ist gut möglich. In der Regel veröffentlichen wir alle fünf Jahre eine neue Platte, und wir sind ja nun auch schon in unseren Sechzigern. Es ist kaum vorstellbar, dass wir auch noch in unseren Siebzigern in einem Studio sitzen. Allerdings hatten wir auch schon gedacht, dass „The Punishment Of Luxury“ (2017) unser letztes Album sein würde. Dann kamen die Lockdowns, und wir hatten Langeweile, Andy vielleicht ein wenig mehr als ich (Paul Humphreys wurde in dieser Zeit erneut Vater, Anm. d. Red.). Das hat viel kreative Energie freigesetzt. Ohne Corona hätte es „Bauhaus Staircase“ nicht gegeben. Aber auch, wenn es das letzte Album sein sollte: OMD wird es weiterhin geben.

OMD sind ja immer auch eine politische Band gewesen. In der gegenwärtigen politischen Landschaft dürfte Ihnen das Material zumindest nicht ausgehen.
Nein, daran würde es tatsächlich nicht scheitern. In den vergangenen Jahren ist doch viel los gewesen, angefangen beim Brexit über den Klimawandel, Trump, bei dem ich große Sorge habe, dass er es wieder ins Amt schafft, bis hin zu den Kriegen in der Ukraine oder in Israel. Da gäbe es viel, was man sich gern von der Seele schreiben würde.

Schockiert es Sie da, wie aktuell ein Song wie „Enola Gay“ plötzlich wieder ist?
Ja, schon. „Enola Gay“ ist ein Anti-Kriegslied, das sich mit dem Atombombenwurf auf Hiroshima beschäftigt. Als das Lied 1980 erschien, waren wir im Kalten Krieg. Es ist natürlich schade, dass wir jetzt 40 Jahre später wieder eine nukleare Bedrohung haben. Dass ein Wladimir Putin vielleicht mit der Atombombe den Krieg in der Ukraine beendet. Schrecklich.

Inspiration für den Albumtitel: OSkar Schlemmers Gemälde „Bauhaustreppe“ (Ausschnitt).
Inspiration für den Albumtitel: OSkar Schlemmers Gemälde »Bauhaustreppe« (Ausschnitt).

In der BBC landete der Song damals auf dem Index.
Ja, es gab dort die Samstagmorgensendung „Swap Shop“, die sich an Kinder richtete. Bei der BBC misinterpretierte man „Enola Gay“ wegen des Wortes „Gay“ als Homosexuellen-Hymne. Dabei handelte es sich bei „Enola Gay“ um einen amerikanischen Bomber.

Ihr neues Album zeichnet ein sehr dystopisches Bild der Menschheit im Allgemeinen und der politischen Elite im Speziellen. Entspricht das Ihrem Blick aufs Leben?
Es gibt wirklich ein paar düstere Songs auf dem Album, vor allem „Anthropocene“ oder „Kleptocracy“. Tatsächlich sind wir aber eher positive Typen und nicht ganz so pessimistisch wie es die Songs vielleicht vermuten lassen würden.

Woher kommt denn die Faszination fürs Bauhaus?
Kunst ist wichtig für Körper, Geist und Seele. Bauhaus steht für uns metaphorisch für die Kraft der Kunst. Totalitäre Regime haben Angst vor dieser Kraft, weil sie sie nicht kontrollieren können. Die Nazis haben das Bauhaus daher verboten, eine große Schande. Der Albumtitel bezieht sich auf Oskar Schlemmers Gemälde „Bauhaustreppe“, das 1932 aus Protest gegen die Schließung entstand.

Hatte ursprünglich keine langfristige Karriere als Musiker geplant: Paul Humphries anno 1991.
Hatte ursprünglich keine langfristige Karriere als Musiker geplant: Paul Humphries anno 1991.

Sie verweisen ja immer wieder in Ihrer Musik oder dem Artwork dazu auf Deutschland. Habt Ihr eine spezielle Verbindung hierher?
Vor allem deutsche Musik hat uns maßgeblich beeinflusst. Ohne Kraftwerk gäbe es OMD heute sicherlich nicht. Das war Musik, die anders klang als alles, was wir bis dahin kannten. Das war die Zukunft. Danach war für uns alles anders. Wir haben auch Neu! oder La Düsseldorf oft gehört.

Ihr habt bei den Aufnahmen zum neuen Album Künstliche Intelligenz verwendet …
Beim Schreiben der Musik, im kreativen Prozess kam keine KI zum Einsatz. Allerdings gibt es ein paar erzählerische Passagen, bei denen wir Stimmen brauchten, die nicht nach uns klangen. Da haben wir tatsächlich ein Text-to-Speech-Programm eingesetzt.

Bei „Evolution of Species“ war „Google Translate“ im Spiel. Wie nervös sind Sie, was die Ergebnisse angeht?
Oh, sehr. Man hört in dem Song mehrere Sprachen. Wir haben die Ergebnisse aber an Freunde und Bekannte geschickt, die die betreffenden Sprachen beherrschen und nochmal drüber geschaut haben. Ich kann aber nicht dafür garantieren, dass uns da kein Fehler unterlaufen ist … (lacht)

Steht weiter am Mikro: OMD-Sänger Andy McCluskey, hier im Jahr 1987 bei einem Fernsehauftritt in der Sendung „Extratour“ von Rad
Steht weiter am Mikro: OMD-Sänger Andy McCluskey, hier im Jahr 1987 bei einem Fernsehauftritt in der Sendung »Extratour« von Radio Bremen.

In Deutschland überwiegt Skepsis, wenn es um KI und Kunst geht.
Das kann ich nachvollziehen, ein heikles Thema. Man muss auf der Hut sein, aber man darf sich auch nicht in der Angst vor neuer Technologie verlieren. Man wird mit ihr umgehen müssen, sie ist nun einmal da. Und eröffnet ja auch Möglichkeiten.

Wird KI verändern, wie wir Kunst in Zukunft wahrnehmen?
Es wird für Künstler sicher nicht einfacher, weil künftig hinterfragt werden wird, ob man tatsächlich alles selbst gemacht hat. Aber das viel größere Problem von KI liegt in der Möglichkeit der Täuschung, der Manipulation, das wird gerade im politisch-gesellschaftlichen Bereich sehr gefährlich werden.

Nachdem das Vorgänger-Album „The Punishment of Luxury“ so erfolgreich war: Haben Sie bei den Aufnahmen zu „Bauhaus Staircase“ mehr Druck verspürt?
Auf jeden Fall. Das Album erhielt unglaublich gute Kritiken, auch bei unseren eingefleischten Fans, die es in eine Reihe mit unseren früheren Werken stellten. Das hat uns selbst überrascht, denn die Leute haben normalerweise keine Hemmungen, einem zu sagen, wenn sie etwas nicht gut finden. (lacht). Daher wäre es eigentlich ein perfektes letztes Album gewesen. Nach einer so langen Karriere will man schließlich nicht mit einer Scheiß-Platte den Schlusspunkt setzen. Als wir dann doch anfingen, an „Bauhaus Staircase“ zu arbeiten, haben wir daher lange niemandem etwas davon erzählt, um uns keinen zusätzlichen Druck aufzuladen. Es war sowieso eine spannende Sache, da wir erstmals nicht gemeinsam im Studio an einem Album arbeiteten, sondern – wegen des Lockdowns – über Distanz, indem wir uns ständig Dateien hin und her schickten.

OMD existieren seit rund 45 Jahren, Sie haben am Anfang Ihr Büro in einer Telefonzelle gehabt und geltet heute als Legenden des Synthie-Pop.
Das ist schon verrückt. Ursprünglich war die Idee ja nur, ein Konzert zu spielen, es gab da so einen Club in Liverpool, in dem Newcomer auftreten konnten. Das war das einzige Ziel. Hätte man uns damals gesagt, dass wir 45 Jahre später immer noch hier sind, hätte uns das wahrscheinlich erschrocken. In dem Alter noch Musik zu machen: Das wäre eine Horrorvorstellung gewesen. Heute geht das, wir leben im postmodernen Zeitalter, da spielt das Alter keine Rolle mehr.

OMD im Jahr 2017.
OMD im Jahr 2017.

Am Anfang haben ja nichtmal Freunde und Familie Ihre Musik gemocht. Wo lag die Motivation damals, weiterzumachen?
Damals war eben Rockmusik angesagt und mit unserer experimentellen, elektronischen Musik stießen wir zuerst auf wenig Gegenliebe. Wer auf die Gitarre verzichtete, wurde nicht ernst genommen. Für die Leute war das damals keine richtige Musik. Wir haben damals aber einfach gemacht, was wir wollten, hatten keine Motivation, keinen übergeordneten Plan. Ein Scheitern haben wir auch immer eingepreist.

Es gab ja in Ihrer Historie Auf und Abs, inklusive einer zwischenzeitlichen Trennung. Wie Ist Ihr Verhältnis heute untereinander?
Andy und ich haben eine tolle Chemie, kennen uns ja schon seit Kindheitstagen und machen seit Teenager-Zeiten zusammen Musik. Unsere zwischenzeitliche Trennung passierte ja nicht aufgrund zwischenmenschlicher Probleme. Es war einfach eine schwierige Zeit damals, der Erfolg blieb irgendwann aus. Wir hatten – anders als zum Beispiel Depeche Mode, die 50 Prozent ihrer Einnahmen mit nach Hause nehmen konnten – auch keinen guten Plattendeal in den 1980ern, hatten, als wir 17 waren, einen idiotischen Vertrag über sieben Alben bei Dindisc unterschrieben. Wir mussten alles selbst bezahlen, die Aufnahmen, das Studio, das Touren, die Crew. Am Ende war das alles nicht mehr wirtschaftlich, wir hatten sogar Schulden. Ironischerweise begannen wir erst nach unserer Trennung, wirklich Geld zu verdienen. Auch weil wir dann in den 1990ern unsere alte Plattenfirma verklagt hatten.

Was können die Fans von euren Deutschland-Konzerten erwarten?
Es wird eine Mischung aus unseren größten Hits und neuem Material werden, wir haben aus „Bauhaus Staircase“ Songs ausgewählt, von denen wir überzeugt sind, dass sie live sehr gut funktionieren. Aber wir wissen, dass die Leute auch unsere großen Hits hören möchten, und uns machen sie auch immer noch Spaß. Ich kann versprechen: Es wird eine tolle, energiegeladene Show.

Gibt es denn Songs, die ihr heute nicht mehr so gern spielt, weil ihr ihnen entwachsen seid?
Es gibt tatsächlich keinen Song, der uns heute wirklich peinlich wäre oder der sich in unserem Alter nicht mehr performen ließe. Gut, „Red Frame/White Light“, jener Song über die vorhin erwähnte Telefonzelle, ist vielleicht ein bisschen cheesy, zugegeben. Ansonsten spielen wir die alten Sache gern, unsere Debütsingle „Electricity“ ist zum Beispiel immer dabei.

Stichwort: OMD

Orchestral Manoeuvres in the Dark, kurz: OMD, gelten als Wegbereiter elektronischer Musik und gehören zu den erfolgreichsten Synthie-Pop- und New-Wave-Bands überhaupt. Depeche Mode zählen OMD zu ihren Einflüssen. Zu den größten Hits von OMD, 1978 im Raum Liverpool gegründet, zählen „Enola Gay“, „Souvenir“, „Maid of Orleans“, „Joan of Arc“, „(Forever) Live and Die“ und „Sailing On The Seven Seas“.

Im Oktober 2023 erschien das 14. Studioalbum „Bauhaus Staircase“ – möglicherweise das letzte OMD-Album.

Termine

OMD starten am 29. Januar ihre Deutschland-Tour. Sieben Konzerte stehen auf dem Plan, darunter am 30. Januar eines in der Stadthalle in Offenbach.

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