Kunst und Nationalsozialismus
Nur Mitläufer, na dann! Die zwiespältige Malerbiografie des Josef Steib
In Cochem wird Josef Steib mit einer Tafel geehrt. Ein Platz ist nach ihm benannt. An der Moselpromenade 22 steht nahezu unberührt das ehemalige Atelierhaus des in München geborenen Künstlers, der von 1949 bis zu seinem Tod 1957 in der kleinsten Kreisstadt Deutschlands gelebt und gearbeitet hat. Alles Reminiszenzen an die Zeit, nachdem er als NSDAP-Mitglied mit der Mitgliedsnummer 3.478.316 zu einem der Lieblinge des Nazi-Regimes aufgestiegen war – und zum Hitler-Porträtisten, dessen Werke der „Führer“ wohlwollend betrachtete und sammelte.
Besser noch, bis 2018, von Steibs Witwe Brunhilde vermacht, gehörte das Cochemer Steib-Haus zur landeseignen Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur – wie das renommierte Künstlerhaus Edenkoben und die „Artist Residence Schloss Balmoral“ in Bad Ems. Mit eigenem Auftritt auf der Homepage und allem drum und dran. Ein, wenn man ehrlich ist, kaum frequentiertes Museum, das sich Galerie Steib nannte. Darin ein Großteil des 200 Ölgemälde, 800 Aquarelle, 200 Zeichnungen, 160 Skizzen und Aberhunderte Radierungen umfassenden Oeuvres des – weitgehend – Autodidakten. Jetzt heißt es dazu im Internet, das Haus sei „dauerhaft geschlossen“. Die angegebene Telefonnummer: „nicht bekannt“.
Es ist eine längere Geschichte, zu der auch gehört, was die vor kurzem als Band 16 der Reihe „Gedenkarbeit Rheinland-Pfalz“ erschienene „Malerbiografie zwischen Weimarer Republik, Nationalsozialismus und früher Bundesrepublik“ zu Josef Steibs zwiespältiger Vergangenheit zu erzählen hat.
Geschrieben ist die „Kontextualisierung und wissenschaftliche Aufarbeitung“ von der Geschichtsprofessorin Beatrix Bouvier und dem ehemaligen Leiter des Koblenzer Mittelrhein-Museums, Dieter Marcos. Im Auftrag. „Es ist vor allem“, heißt es, „die Aufarbeitung der Vita zahlreicher Künstler und Künstlerinnen der zweiten Reihe, wie Adolf Wissel, Werner Peiner oder Josef Steib, die die scheinbare Normalität vieler noch gar nicht Erfasster im Dritten Reich in den Blick nimmt und damit das Geschehene erst umfassend verstehen lässt.“ Steib soll also pars pro toto besprochen werden.
Froh über ein Minusgeschäft
Das Buch lässt sich allerdings auch wie die nachholende Begründung lesen. Dafür, warum die Stiftung für Kultur Rheinland-Pfalz die Cochemer Steib-Galerie mit dem Nachlass an eine Nachfahrin des Künstlers verkauft hat – mit der Maßgabe ihn für mindestens zehn Jahre zugänglich zu halten. Verkaufspreis: rund 180.000 Euro. Ungefähr, das Geld, das die Stiftung seit 1997 in den Erhalt und Betrieb des Steib-Museums gesteckt hat. Der eigentliche Wert wurde derweil auf 550.000 Euro beziffert. Ein Minusgeschäft, obwohl die Stiftung doch finanzielle Gründe für den Verkauf angab. Das heißt, sie dürfte schlichtweg froh gewesen sein, dass sie das schwierige Erbe losgeworden ist.
Vor allem die Braubacher Künstlerin Uta Grün nervte die Verantwortlichen damals schon jahrelang mit ihren Recherchen zu Steibs unrühmlicher Vergangenheit. Unsere Zeitung berichtete mehrfach ausführlich über den Beinahe-„Skandal“, dass das Land einen vergessenen, auf dem Kunstmarkt irrelevanten Künstler mit toxischer Vergangenheit als einzigen in ihrer Stiftung dermaßen nobilitiert. Jetzt, in der Gedenkarbeit-Studie von Beatrix Bouvier und Dieter Marcos, wird Grün ausführlich und anerkennend gedankt. Die wesentlichen Dinge, die in dem über 200 Seiten langen Buch mit zusätzlichen zeithistorischen Bezügen verhandelt werden, hat Grün auch schon herausgefunden. Die Studie zeigt Steib dafür in einem sachlich-differenziertem Licht.
Steib, 1898 in München geboren, ein Gastwirtssohn und gelernter Kaufmann, der erst mit Anfang 20 mit ersten eigenen Werken hervortrat, war in der Weimarer Zeit schon mit seinen impressionistischen Landschaften, Porträts und seiner Tiermalerei durchaus erfolgreich. Rund 70 Ausstellungen sind für den Maler, der des öfteren mit Größen wie Renoir, van Gogh oder – maßlos überzogen – Rembrandt verglichen wurde, in der Zeit von 1923 bis 1932 gelistet. Zwischen 1933 dagegen war Steib in 160 schauen vertreten, darunter auch 1938 einer Präsentation im Speyerer Heydenreichhaus.
Steib war ein kleiner Star in dieser Zeit, einer der meistgezeigten Künstler jener Jahre. Fünfmal nahm er bei der von den Nazis groß inszenierten „Großen Deutschen Kunstausstellung“ in München teil, eine Verkaufsschau, die den wohlgelittenen Künstlern zugutekam. Uta Grün hat recherchiert, dass Steib dabei insgesamt 52.000 Reichsmark mit Verkäufen verdient hat. Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen eines Arbeiters von damals rund 100 Reichsmark.
Sammler Hitler
Leicht lässt sich auch nachschauen, dass neben anderen Nazi-Schergen wie Joachim von Ribbbentrop auch Adolf Hitler zu den Sammlern von Josef Steib gezählt hat. 1940 erwarb der selbst ernannte „Führer“ das Werk „Schafe am Waldrand“, 1944 „Halme und Blätter“ und „Beeren und Disteln“. Kaum möglich, Steib als dissidenten Avantgardisten darzustellen, wie es die seit 2015 in argumentative Bedrängnis geratene Stiftung für Kultur anfangs zaghaft probierte. Zumal Steib, wie die Studie zu seiner Biografie mit Querverweisen zu Otto Dix und anderen feststellt, ohne Zwang und Notwendigkeit mit dem System kollaborierte.
Nicht nur, dass er wohl seit 1934, sein Antrag gibt den 1. Mai 1933 als Eintrittsdatum an, NSDAP-Mitglied war. Er gehörte der Reichskulturkammer, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, dem Reichsluftschutzband und wahrscheinlich dem Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) an, einer paramilitärischen Unterorganisation der NSDAP mit Sitz in München und Berlin.
In einem, auch schon von Uta Grün aufgetanen Text in der Zeitung „Parole. Düsseldorfer Stadtanzeigen“ vom 11. Januar 1934 figuriert er im Bildtitel eines Fotos als „der bekannte Kunstmaler SA Mann“ Josef Steib. Später war er an der „Kunstausstellung der SA in Dresden“ beteiligt, zu der es im Vorwort hieß, sie solle zeigen, „in welchem Umfang das Kampf- und Gemeinschaftserlebnis der SA die in ihren Reihen marschierenden Künstler geformt und das künstlerische Schaffen beeinflusst hat.“ Ein offizielles Dokument, das seine SA-Zugehörigkeit beweist, ist indes bisher nicht aufgetaucht. Seltsam auch, wie gut seine Netzwerke nach dem Krieg zumindest offiziell weiter funktionierten.
So erreichten, als der in der Nachkriegszeit nach und nach vergessene Maler 59-jährig starb, seine zweite Frau und jetzt Witwe Brunhilde zahlreiche Kondolenzschreiben, etwa von Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler Konrad Adenauer, von Wilhelm Hoegner und Peter Altmeier, den Ministerpräsidenten von Bayern und Rheinland-Pfalz. Dabei war der einst Hochgelobte nach dem Krieg von der Kritik bisweilen zum eklektischen Hobbymaler degradiert worden.
Görings „Herz“ für Juden
Aber auch schon in seiner Zeit in Berlin von 1935 bis 1942, bevor sie für ein paar Jahre nach Bad Frankenhausen migrierten, verkehrte das Ehepaar in höchsten Kreisen. Auf Filmbällen, Empfängen, als Bekannte von Curd Jürgens, Grete Weiser, Marianne Hoppe. Comme il fault war man Mitglied im Tennis-Club Rot-Weiß wie der Tennisbaron Gottfried Freiherr von Cramm – und Reichsmarschall Hermann Göring, der die Steibs prompt in seine Pompöslandsitz Carinhall in der Schorfheide einlud. Brunhild Steib hatte in ihrer 1982 (!) erschienenen Autobiografie „21 glückliche Jahre sowie Reiseberichte aus Papua-Neuguinea“ nur die besten Erinnerungen an ihn.
Göring habe „ein gutes Herz“ gehabt und sei „vor allem Juden gegenüber sehr loyal und hilfsbereit“ gewesen, schreibt die Patentochter des nach dem Zweiten Weltkrieg als Kriegsverbrecher verurteilten Industriellen Friedrich Flick. Sie kam aus äußerst reichem Haus. Wer sie kannte, erinnert sich an eine Steib ergebene, vor allem geschäftstüchtige Frau. Allerdings hatte auch der Maler selbst ein eher entspanntes Verhältnis zu den Mächtigen des sogenannten „Dritten Reiches“.
So schrieb er an den Bürgermeister von Neuburg an der Donau, von dem er 1937 den Auftrag für ein Hitler-Porträt für das Rathaus bekam, zwar: Hitler zu malen sei „gar nicht so einfach“. Mehr Bauchschmerzen machten ihm dagegen seine Gestaltung des Hintergrunds und die gewählte Beleuchtung des vorgesehenen Hängeorts. Auch, dass zwei seiner Werke von den Nazis als „entartet“ beschlagnahmt wurden, bereitete ihm angesichts seiner regen Geschäftstätigkeit kaum Sorgen. So wirkte sich in seinem „Entnazifizierungsverfahren“ nach dem Krieg die Förderung seiner Kunst durch die Nazis auch ungünstig aus.
„Vorbild“ Emil Nolde
Steib wurde als „Belasteter“ und später gegen eine Sühnezahlung als „Mitläufer“ eingestuft – so wie drei Viertel aller Untersuchten. Er müsse, schreibt Dieter Marcos in der biografischen Studie zu Steib, sich den Vorwurf der Naivität gefallen lassen – und gegen die Inanspruchnahme durch das NS-System keinen Widerstand geleistet zu haben, „wie etwa Otto Dix“. Aber, wo die Kritikerin Uta Grün, insbesondere in Steibs späterer Würdigung durch das Land so etwas wie einen Skandal sah, bleibt Marcos in seinem Urteil eher kulant. Man müsse „wohl auch für Josef Steib“ das Gleiche gelten lassen wie für Emil Nolde. Über dessen Verhältnis zur nationalsozialistischen Diktatur urteilte der Historiker Uwe Danker: „Seine Bilder, die können wir weiter genießen und auf uns wirken lassen, unbeschwert. Aber vielleicht suchen wir weiter nach dem Schlüssel zum Verständnis, etwa über die Ambivalenz, die sich sowohl innerhalb der Bilder äußert als auch in der Person.“ Eine Einschätzung über die man in Cochem ziemlich froh zu sein scheint. „Biografie aufgearbeitet: Maler Steib war ,nur’ Mitläufer titelte die „Rhein-Zeitung“ aufatmend. Dagegen hieß die Überschrift vor Erscheinen der Buches noch bang: „Muss der Josef-Steib-Platz in Cochem umbenannt werden?“.
Lesezeichen
„Josef Steib (1898 - 1957). Eine Malerbiografie zwischen Weimarer Republik, Nationalsozialismus und früher Bundesrepublik. Kontextualisierung und wissenschaftliche Aufarbeitung“, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung in Mainz, ist kostenlos erhältlich. Adresse: Kaiserstraße 22, 55116 Mainz; www.politische-bildung-rlp.de