Ludwigshafen
Normal und doch nicht normal – die neue Spielzeit am Pfalzbau-Theater
109 Tage effektive Spielzeit gibt der Pfalzbau bei dieser bundesweit bislang beispiellosen Kooperation an die während der Sanierung ihres eigenen Hauses gleichsam „obdachlosen“ Mannheimer Kollegen ab. In der neuen Saison betrifft das zunächst nur die Monate Januar und Februar, die dafür aber komplett von der Musiktheater-Sparte des Nationaltheaters bespielt werden. 2023/24 kommt dann auch noch der September dazu. Das Pfalzbau-Team ist dann nur noch Gast im eigenen Haus. „Wir hatten Corona, jetzt kommt das Nationaltheater, aber eigentlich wollen wir alle endlich wieder durchstarten. Man kann es leichter haben“, erlaubte sich der Ludwigshafener Intendant Tilman Gersch bei der Programm-Pressekonferenz am Dienstag einen Stoßseufzer. Kulturdezernentin Cornelia Reifenberg bezeichnete das Arrangement als „Experiment“ und als „herausfordernde Situation“.
Das eigene Programm muss verdichtet werden
In der Praxis bedeutet die kulturelle Nachbarschaftshilfe, dass sich das eigene Programm der Pfalzbau-Bühnen auf zwei große Blöcke verdichtet: den Herbst mit den „Festspielen“ (7. Oktober–15. Dezember) im Zentrum und den Zeitraum ab März 2023, wo sich alles noch ein bisschen stärker konzentriert, als man das in Ludwigshafen ohnehin schon gewohnt ist. Man müsse sehen, wie das Publikum diese Verdichtung annehme, sagen Gersch und Reifenberg unisono. Denn inhaltliche Abstriche gibt es nicht. Mit 83 Produktionen und 127 Vorstellungen ist der Spielplan fast so gut gefüllt wie in besten Zeiten.
Was die Highlights sind, liegt bei einem so breit aufgestellten Programm naturgemäß immer auch ein wenig im Auge des Betrachters. Im Schauspiel ragen zweifelsohne die hochkarätigen Gastspiele des Wiener Burgtheaters, des Züricher Schauspielhauses und des Deutschen Theaters Berlin heraus. Die Wiener kommen Ende Oktober mit Jean-Paul Sartres Existenzialismus-Klassiker „Geschlossene Gesellschaft“ in der Inszenierung von Martin Kušej. Die Züricher und die Berliner folgen im November mit „Einfach das Ende der Welt“, 2021 in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ als „Inszenierung des Jahres“ ausgezeichnet, sowie Kleists „Zerbrochenem Krug“ mit Ulrich Matthes als Dorfrichter Adam. Internationales Flair versprechen der in seiner Heimat angefeindete russische Starregisseur Kiril Serebrennikov mit seinem Performancetheater „Outside“ und das legendäre Piccolo Theatro aus Mailand mit Emma Dantes Stück „Misericordia“.
Tilman Gersch inszeniert Shakespeares „Macbeth“
Aber auch kleinere Produktionen wie etwa der Bühnenmonolog „It’s Britney, Bitch!“, der sich mit der Lebensgeschichte von Pop-Sängerin Britney Spears befasst, verdienen Beachtung. Das Berliner Ensemble stellt es ebenfalls im November in Ludwigshafen vor. Gewichtige eigene Akzente setzt der Pfalzbau unter anderem mit „Macbeth“, einem Stück über den Umgang mit der Macht, das gut zur aktuellen weltpolitischen Lage passen sollte, wie Gersch, der selbst inszenieren wird, anmerkt. Premiere ist am 13. Oktober.
Auch im Tanztheater präsentiert das neue Kuratorenteam aus Eric Gauthier und Meinrad Huber während des Herbst-Festivals ein spannendes Programm mit zahlreichen international bekannten Ensembles wie der Akram Khan Company aus Großbritannien, die die Festspiele mit einer Neuinterpretation des „Dschungelbuchs“ auch eröffnet, der Compañia Nacional de Danza aus Madrid oder – für Gersch ein „Glücksmoment“ bei der Konzeption der neuen Spielzeit – dem Wiener Staatsballett, das am 17. und 18. November mit „Kontrapunkte“ im Pfalzbau zu erleben ist.
Erneut eingeladen wurden nach dem Erfolg mit „Roots“ 2021 der Franzose Kader Attou und seine Compagnie Accrorap, die den Hip-Hop mit als erste von der Straße ins Theater geholt haben. Ihre neue Produktion heißt „Les Autres“, „die anderen“. Eine vielleicht noch extremere Körpererfahrung verspricht allerdings „Gootopia“, wo es um Schleim als Urmaterial des Lebens geht. Dieses Gastspiel des Tanzquartiers Wien eröffnet am 16. Oktober auch die brandneue Performance-Aboreihe.
Das Nationaltheater startet mit „Die Hugenotten“
Kaum weniger spannend geht es ab März mit dem „Theaterfrühling“ weiter. Ausrufezeichen setzen hier etwa das Stuttgarter Ballett mit seiner berühmten John-Cranko-Produktion „Onegin“ oder „Engel in Amerika“, Tony Kushers fast fünfstündiges Sittenbild aus dem Amerika der Reagan-Ära, mit dem das Münchner Residenztheater anreist. Beim Musiktheater bleibt es bei der bewährten Kooperation mit dem Pfalztheater aus Kaiserslautern, zu der sich jetzt ab Januar eben auch noch die Opern-Produktionen aus Mannheim gesellen. Den Auftakt machen hier „Die Hugenotten“ von Giacomo Meyerbeer.
Hinzu kommen eine neue Reihe mit Lesungen und Konzerten unter dem Titel „Salon Populaire“ und etliche andere „Bonbons“ wie etwa Auftritte der slowenischen Retroavantgarde-Band „Laibach“ oder des österreichischen Kunstpfeifers und Puppenspielers Nikolaus Habjan. Diverse Angebote für Kinder und Jugendliche sollen auch das Publikum von morgen ins Boot holen. Aber auch soziale Offenheit ist Intendant Gersch erklärtermaßen wichtig. „Jeder ist willkommen, im Abendanzug genauso wie in zerrissenen Jeans“, betont er.
Noch Fragen?
Das komplette Programm findet sich unter www.theater-im-pfalzbau.de.