Pop
Mutter der Coolness: Pop-Ikone Debbie Harry wird 75
Andy Warhol jedenfalls meinte einmal, wenn er sich ein anderes Gesicht wählen dürfte, würde er ihres wählen. Das von Debbie Harry. Wer, so viel steht fest, „Heart of Glass“ nie gehört hat, Anfang der 1980er-Jahre, muss damals taub gewesen sein, uralt, ungeboren, schräg, noch im Glam-Rock-Fantum arretiert. „Sunday Girl“? „The Tide is High“? Sound zwischen Punk, Pop, Disco, New Wave. „Rapture“ war der erste Song einer Frau mit Rap-Anteilen, der in die US-Charts kam. Ihr aufwühlend monotoner Ton.
„Call me“ im Convertible
Ihre unschuldige Verruchtheit. Ihr unterkühlter Chic. Wer, bitte, kann so aggressiv gelangweilt sein. Und, Oh my God, wie Richard Gere in Paul Schraders „American Gigolo“ im scharfkantigen SL-Convertible auf dem Freeway fährt, „Call me“ aufgedreht. Der junge Richard Gere damals. Debbie Harrys gefährlicher schwarzer Ansatz im wasserstoffperoxidierten Haar. Pop-Musik ist die emotionale Tonspur der eigenen Jugend. Und jetzt ist Debbie Harry 75. Und nun ist sie ein schönheitsoperiertes Seitensprungkind, ungewollt gewesen, ihr lebenslanges Trauma. Debbie Harry heißt eigentlich Angela Trimpels, tiefkatholische Krämerladenbesitzer aus New Jersey haben sie adoptiert. Abflug mit 20 nach Manhattan. Gelegenheitsjobs, Kosmetikerin, Kellnerin im „Playboy“-Restaurant und im Max’s Kansas City, wo die halbe Pop-Welt und Warhol verkehren. Intermezzo mit Wind In The Willows, einer Folk-Gruppe. The Stilettos dann, eine Mädchenband. Bei einem Auftritt in der Boburn Tavern lernt sie Chris Stein kennen, ihren (15 Jahre) Lebenspartner und immer noch Lebensmenschen, Kunststudent, 23 zu der Zeit. Sie fünf Jahre älter. Er will sie für ein Punkmagazin als „Punkmate“ des Monats fotografieren. Sie gründen „Blondie“, Debbie Harry dabei so überlebensgroße Frontfrau, ihre Mitstreiter tragen Buttons, Aufschrift: „Wir sind eine Band“.
„Geht mir aus dem Weg!“
Es läuft gut. Sehr gut. Erstes Album 1976, das dritte „Parallel Lines“, der Hammer. Darauf der Nummer-eins-Hit „Heart of Glass“. Der Rest Legende. Und viel beschissener Mist. Jahrelang, Beginn 1982, pflegt sie den Autoimmun-erkrankten Chris Stein. Nimmt Drogen. Ist ruiniert. Die Wohnung, abgebrannt. Die Solokarriere auf Sparflamme. Ewig Auftritte mit der Avantgardeband Jazz Passengers, gut und schön. Sie wird vergewaltigt. „Aber hey, ich mach weiter!“, kommentiert sie das, „geht mir aus dem Weg!“ Dass der Typ Chris Steins Gitarren klaute, habe sie mehr geschmerzt, schreibt sie in ihrer Autobiografie.
Ehren-Oscar für Blondie
„Face it“ heißt sie, auf Deutsch: so was wie „Stell dich dem allen“. 2019 im Heyne-Verlag erschienen, nicht jugendfrei. Darin zum Beispiel auch ein krasser exhibitionistischer MeToo-Moment mit David Bowie, den sie locker nimmt. Sie ist Feministin. Aber sagt auch: „Es ist vielleicht die Gabe, mich in Situationen geschmeichelt zu fühlen, wo andere es nicht täten.“ Ausdauer hat sie. Ihr Leben, ein ungeplanter Selbstentwurf, Comeback auf Comeback. Mit 60 hat sie mit dem Rauchen angefangen. Sie geht mit den Hunden raus. Kämpft für Bienen. Ist gut zu Menschen. „Blondie“ feiert in den 1990er ein Revival. Kennt jemand nicht „Maria“, den Song von 1999? Debbie Harry klingt jetzt immer mehr wie Marianne Faithfull. Patti Smith? Der hippe Fotograf David La Chapelle nennt sie nach wie vor die „Definition von cool“. „Mother“ dann, nie gehört? Der Text, zwei Verse, Kernsatz: „Mutter, wo bist du?“ Sie sagt, sie habe einen Club gemeint. Eine eiskalte Romantikerin. Wenn sie es noch einmal zu tun hätte, sagt Debbie Harry in Interviews, würde sie mehr Filme drehen. Und, dass sie ihr Leben lang Blondie nur gespielt habe. Dafür einen Ehren-Oscar.