Badisches Staatstheater RHEINPFALZ Plus Artikel Musikalisch eine Wucht: Die Oper „The Wreckers“

Sind sich Feind: Avis (Ralitsa Ralinova, rechts) und ihre junge Stiefmutter Thirza (Dorothea Spilger) in „The Wreckers“ am Badis
Sind sich Feind: Avis (Ralitsa Ralinova, rechts) und ihre junge Stiefmutter Thirza (Dorothea Spilger) in »The Wreckers« am Badischen Staatstheater.

Dass man ihren Namen im klassischen Komponistenlexikon vergeblich sucht, ist eine Schande: Die Britin Ethel Smyth (1858-1944) verstand sich als Tonsetzerin auf das ganz große Kino. Das zeigt sich jetzt in Karlsruhe, wo man zum Saisonauftakt ihre Oper „The Wreckers“ in der englischen Fassung von 1909 ausgegraben hat.

Die Musik ist eine Wucht. Die Geschichte dazu eine ethische wie emotionale Zumutung. In „The Wreckers“ besteht eine ganze Dorfgemeinschaft in Cornwall aus Strandräubern. Allerdings begnügt man sich nicht damit, an die Küste gespülte Güter zu stibitzen. Nein, man schafft sich die Strandbeute gezielt, indem man in stürmischen Nächten den Leuchtturm ausknipst und so reihenweise Schiffbruch provoziert. Die überlebenden Seeleute der havarierten Frachter werden niedergestochen, von der Schiffsladung nährt sich das Dorf.

Eine Gesellschaft aus Mördern. Und doch glaubt man sich moralisch im Recht. Denn die Strandräuber sind gleichzeitig eine religiöse Sekte. Man hält sich für Gottes auserwähltes Volk, alle anderen Menschen für Ungläubige, die man ohne Reue meucheln darf. In diesem Aspekt ist Henry Brewsters ursprünglich auf Französisch verfasstes Libretto auch ein Lehrstück über Verblendung und religiösen Fanatismus.

Die sich liebenden Außenseiter

Dumm nur, dass man neuerdings hungern muss, weil ein Verräter aus den eigenen Reihen die potenziellen Opfer auf Schiffen durch Leuchtfeuer warnt. Und noch dümmer, dass der Verdacht ausgerechnet auf den Dorfprediger Pascoe fällt: Während einer nächtlichen Fahndung nach dem Saboteur erwischt man das geistliche Oberhaupt der Gemeinde bei den noch glimmenden Resten des Warnsignals. Dabei ist der arme Kerl nur paralysiert, weil er gerade entdecken musste, dass ihn seine junge Frau Thirza mit dem Fischer Mark betrügt. In Wahrheit ist es dieses Außenseiter- und Liebespaar, das sich der brutalen Selbstgerechtigkeit des Dorfs widersetzt und die vorbeifahrenden Schiffe warnt.

Diese Barmherzigkeit und den Ehebruch werden Mark und Thirza am Ende büßen: mit einem Liebestod, der sich musikdramatisch gewaschen hat. Angekettet in einer Höhle, die langsam vom Meer geflutet wird, jubeln die beiden ihre Liebe in das Crescendo, das aus dem Orchestergraben brandet. Ertrinken, versinken – auch bei Ethel Smyth ist das höchste Lust.

Brutale Dorfgemeinschaft im religiösen Wahn: Wuchtige Choräle prägen den Klang der Oper „The Wreckers“, in der in Karlsruhe Bret
Brutale Dorfgemeinschaft im religiösen Wahn: Wuchtige Choräle prägen den Klang der Oper »The Wreckers«, in der in Karlsruhe Brett Sprague (oben) als Fischer glänzt.

Überhaupt, die Musik! Was da in Karlsruhe unter der Leitung von Georg Fritzsch als deutsche Erstaufführung ertönt, lässt mehr als einmal mit den Ohren schlackern. Meeresrauschen à la Mendelssohn und Elgar wechselt mit filmmusikreifem Pathos, unterbrochen von seltenen kammermusikalischen Momenten, in denen Harfe, Englischhorn und Solostreicher den spezifisch pastoralen Tonfall der britischen Komponistenzunft beschwören.

Als Repräsentant der Dorfgemeinschaft spielt der von Ulrich Wagner vorzüglich disponierte Chor eine Hauptrolle. Wuchtige Choräle hat diese Ansammlung mörderischer Moralapostel zu singen, aber auch ein feinsinnig-düsteres Schicksalslied zu Beginn des dritten Akts. Die Stimmführung bei den Solisten variiert in diesem 1904 vollendeten Werk zwischen dramatischer Deklamation im Wagner-Stil auf der einen und englischem Volksliedton auf der anderen Seite.

Starke Stimmen

Vor allem die Partie des jungen Fischers Mark ist stark von „Folksong“ und Ballade geprägt, was US-Tenor Brett Sprague zu ausgesprochen lyrischen Gesängen inspiriert. Gleichzeitig kann sich dieser Neuzugang im Karlsruher Opernensemble in den Duetten mit der Mezzosopranistin Dorothea Spilger als Thirza stimmlich so steigern, dass man unmittelbar an den rauschhaften zweiten „Tristan“-Akt denken muss. Und Thirza ist kompositorisch die markanteste Erfindung in dieser Oper der engagierten Frauenrechtlerin Smyth: eine ebenso introvertierte wie unabhängige Gestalt, die Spilger mit schönen Tiefen und leidenschaftlicher Inbrunst singt.

Keine glückliche Ehe: Thirza (Dorothea Spilger) ringt ihren Mann, den Dorfprediger Pascoe (Kammersänger Konstantin Gorny) nieder
Keine glückliche Ehe: Thirza (Dorothea Spilger) ringt ihren Mann, den Dorfprediger Pascoe (Kammersänger Konstantin Gorny) nieder.

Dazwischen glänzt noch die junge bulgarische Sopranistin Ralitsa Ralinova als Avis, des Leuchtturmwärters fatales Töchterlein. Diese rasend eifersüchtige Lolita versucht im ersten Akt, den Fischer Mark mit einer koketten Arie zurückzugewinnen, in der die rhythmischen Finessen von Bizets „Carmen“ nachhallen. Als dies nicht gelingt, liefert Avis das von ihr argwöhnisch belauerte Liebespaar schlussendlich ans Messer.

So sehr die Karlsruher „Wreckers“ musikalisch überzeugen, so zwiespältig bleibt der Eindruck von Keith Warners Regie. Der britische Altmeister verlegt die Handlung aus dem 18. Jahrhundert in ein bunkerartiges Endzeit-Szenario, ein Transfer, der im weiteren Verlauf freilich ungenutzt und folgenlos bleibt. Seine Personenführung verharrt derweil oft im Konventionellen; da ist viel abgestandene Opernästhetik zu beobachten. Den Chorszenen im ersten Akt hätte weniger Naturalismus, der Liebesszene im zweiten Akt dagegen weniger Symbolismus gut getan.

Erst zum Schluss findet Warner zu einer Setzung, die wirklich überwältigt, indem er Barocktheater 2.0 auf die Bühne zaubert: Da schweben Mark und Thirza singend in computergrafisch animierten Fluten, die auf einen netzartigen Vorhang projiziert werden. Das ist kitschig und doch schön und überaus effektvoll, wie Kindertheater, bei dem im Ernst gestorben wird. Dieses aquaristische Schlussbild bleibt hängen. Zusammen mit Smyths wogender Ekstase.

Termine

Aufführungen am 3. und 13. Oktober sowie 1. November Weitere Vorstellungen bis 27. Dezember, Badisches Staatstheater Karlsruhe, www.staatstheater.karlsruhe.de

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