München Mein Freund, der Baum: Ausstellung über das Bauen der Zukunft in Pinakothek der Moderne
Das ist doch mal ein Empfang: Vor der Pinakothek der Moderne stehen drei Meter hohe Hainbuchen Spalier, festgezurrt in Industrieregalen und bewässert durch ein simples Schlauchsystem. Jede einzelne bringt es samt ihrem mit Erde eingepackten Wurzelballen auf 250 bis 300 Kilogramm. Und so demonstriert dieser an sich erfreuliche Auftakt zugleich die zentrale Malaise: Der Baum ist zur Ware verkommen, und er hängt am Tropf.
Das Verhältnis zwischen Menschen und Bäumen
Dabei ist er notwendiger denn je, auch und gerade in dicht besiedelten Räumen. Das weiß man irgendwie, in der Ausstellung „Trees, Time, Architecture“ wird es dann konkret. Denn es geht ganz grundsätzlich um das Verhältnis von Menschen und Bäumen, das bereits aufs Engste mit der Evolution verbunden ist. Und blickt man in die Architekturgeschichte, dann liefern Wälder nicht nur Holz, sondern auch die Inspiration: In Marc-Antoine Laugiers „Essai sur l’architecture“ von 1753 deutet die Allegorie der Baukunst auf ein Konstrukt aus Bäumen, die sogenannte Urhütte, frei nach Vitruv.
Der Ordensmann plädiert für die Rückbesinnung auf eine „natürliche Einfachheit“. Das geht einher mit Jean-Jacques Rousseaus Zivilisationskritik, denn immer wenn’s problematisch wird und die Sackgasse droht, kommt die Natur ins Spiel. Das kann man durch die letzten drei Jahrhunderte verfolgen, allerdings ist aus der Sackgasse ein Abgrund geworden.
Lebende Luftwurzelbrücken in Indien
Ob man sich da am guten alten Freund Baum noch einmal hochhangeln kann? Das lassen die Kuratoren offen und breiten stattdessen einen aufregenden Fächer an Möglichkeiten aus. Denn die lebenden Luftwurzelbrücken, die im nordindischen Meghalaya-Plateau von den Völkern der Khasi und Jaintia über Generationen hinweg geflochten und gepflegt werden, mögen weit davon entfernt sein, Schule zu machen. Aber sie vermitteln eine behutsame, nachhaltige Nutzung des natürlichen Materials.
Es braucht Jahrzehnte, bis eine solche Brücke betretbar ist. Die kann und will man in der westlichen Welt nicht „investieren“. Nur: Für einen gesunden Baum sind 30 Jahre gar nichts. Sein Verwandter aus der Stadt hat da gerade das Zeitliche gesegnet. Nicht allein, weil ihm Abgase, Streusalz oder Schädlinge zusetzen, sondern weil sich urbane Strukturen ständig verändern. Und spätestens wenn sich Wurzeln durch den Asphalt bohren oder womöglich in die Tiefgarage dringen, hat der grüne Spaß ein Ende.
Gebäude- und Städteplanung
Deshalb plädiert der Architekt und Co-Kurator Ferdinand Ludwig für mehr Weitsicht in der Gebäude- und Städteplanung. Als Vertreter der Baubotanik sieht er enormes Potenzial im Zusammenwirken mit Pflanzen. Das betrifft nicht nur die klimatische Seite, man denke an grüne Fassaden. Vielmehr könnten Bäume auch Tragstrukturen und Überdachungen bilden. Ausprobiert wird das seit 2012 im Studenten-Projekt „Arbor Kitchen“ im südwürttembergischen Sigmaringen. Dort ist ein baubotanischer Pavillon aus 32 Platanen gewachsen, die ein transparentes Leichtdach tragen, und tatsächlich werden die Stützen im Lauf der Zeit immer stabiler.
Es gibt überhaupt einige reizvolle Modelle in dieser Schau – ohne Erfolgsanspruch. Zu viele Faktoren bestimmen das Ergebnis. Das Eschentriebsterben hat zum Beispiel David Nash einen Strich durchs Konzept gemacht. Der britische Land-Art-Künstler ging fest davon aus, dass ihn sein 1977 begonnener Dom aus Eschen locker überdauern würde, mit einem Pilzbefall konnte er kaum rechnen.
Der Klimakiller Beton
Man muss eben flexibel bleiben, so wie die Menschen, denen die Baumstämme durchs Zimmer wachsen. Oder man nutzt gleich einen alten Eichenstamm als tragende Stütze wie im Haus Kartasan im flämischen Gent. Mit der nach wie vor üblichen Vorstellung vom Baum als Materiallieferanten hat das nichts mehr zu tun. Auch nicht mit den Holzarchitekturen, die mittlerweile auf jeder Baumesse wohlige Wohngefühle und ein gutes Gewissen verheißen. Oft genug sind es nur „Verkleidungen“, das Darunter bleibt der Klimakiller Beton und damit ein schwer zu lösendes Problem.
Das betrifft auch das 2014 als sagenhaft innovativ bejubelte Doppelhochhaus Bosco Verticale in Mailand. An den beiden Wohntürmen wachsen rund 500 Bäume aus den Balkonen heraus. Das ergibt bis zu zehn Hektar Wald, der ein angenehmes Klima beschert, Kohlendioxid und Staub absorbiert. Aber eben auf der Basis von ziemlich viel Beton und Stahl und durch die hohen Kosten für Normalverdiener unerschwinglich. Auf der anderen Seite würden die 113 Wohnungen mit ihren 50.000 Quadratmetern Fläche auf einzelne Häuser übertragen einen immensen Grund zupflastern. Der Platz fehlt ohnehin, auch für ausladende Privatgärten. Außer man ist mächtig und reich genug, seinen botanischen Größenwahn auszuleben – wie der georgische Milliardär und Politiker Bidsina Iwanischwili.
Ein Garten aus alten Bäumen
Seit 2017 lässt der Oligarch einen „Dendrologischen Garten“ an der Schwarzmeerküste anlegen, und das mit besonders alten Bäumen, die weiß Gott wo ausgegraben und zum Park verfrachten werden. Die Besitzer erhalten zwar gutes Geld, doch für den Transport braucht es Betonpisten, und meistens geht es weite Wege übers Wasser. Mancher 300.000-Euro Baum macht kurz nach der Ankunft auch schon schlapp – und das alles, um eine bizarre Liebe zur Natur zu zelebrieren.
Unwillkürlich muss man an das Roadmovie „El Olivo“ um einen über 1000 Jahre alten Olivenbaum denken. Den verscherbelt ein spanischer Familienvater an einen deutschen Energiekonzern. Sehr zum Ärger seiner Tochter, die eine abenteuerliche Rückholaktion anzettelt. Der Film von 2016 ist reichlich überdreht, aber ein bisschen etwas vom Idealismus dieser Baum-Aktivisten könnte uns nicht schaden.
Die Ausstellung
„Trees, Time, Architecture“ bis 14. September in der Pinakothek der Moderne.