Popmusik RHEINPFALZ Plus Artikel Marco Wandas Buchdebüt: Ein Wahnsinn namens Wanda

„Das Leben ist ein Urlaub vom Totsein“: Marco Wanda.
»Das Leben ist ein Urlaub vom Totsein«: Marco Wanda.

„Dass es uns überhaupt gegeben hat“ heißt das erste Buch von Marco Wanda, dem Frontmann der Wiener Rockband Wanda. Dass es ihn überhaupt noch gibt, ist ein Wunder.

Es funktioniert nicht. Nicht mit den Streichhölzern aus dem Drogeriemarkt, nicht mit den werbegeschenkten aus dem Theater, die aber auch vielleicht einfach schon ein bisschen alt sind. Die Großbuchstaben auf dem Cover von Marco Wandas Buch haben zwar die zündholzreibeflächenbraune Farbe und fühlen sich genauso rau an, aber: Anders als es im Internet steht, kann man sie nicht nutzen, um ein Feuer daran zu entzünden. Im ungleichen Kampf, den Buch und E-Reader miteinander ausfechten, hätte das gebundene Buch wenigstens einen Rundensieg erringen können.

Gekifft, gekokst, gekotzt

Für das Feuer sorgt also allein der Autor, aber so richtig. Tatsächlich steckt sich Marco Wanda auf sehr vielen der 284 Seiten eine Zigarette an oder einen Joint, fast ohne Unterbrechung zieht er an etwas oder sich etwas rein. Erstaunlich, wo er dem Thema Rauchen eigentlich wenig Interessantes abgewinnen kann, wie er dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gerade in einem bemerkenswert sinnleeren Interview sagte: „Ich bin Raucher, also rauche ich.“ Über seinen einstigen Alkoholkonsum wollte der 38-Jährige so wenig sprechen wie über Mode: „Es gibt nichts Langweiligeres.“

In seinem im Wiener Paul Zsolnay Verlag erschienenen Buch „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ gibt sich Marco Wanda zum Glück weniger zugeknöpft, sondern eventuell sogar eine Spur zu offenherzig. Es wird nicht nur geraucht und gekifft, es wird gesoffen, gekokst, gekotzt, gepisst. In einer Tour, auf jeder Wanda-Tour. Durch ein Jahrzehnt Exzess rast der Musiker und Autor. Zwei Dinge sind daran erstaunlich: dass er den Wahnsinn namens Wanda überlebt hat. Und dass er sich noch an so viele Details erinnert. Wobei – ob das alles genau so passiert ist, sei dahingestellt. Der Verlag nennt das Buch weder eine Autobiografie noch einen Roman. „Im Ernst, als Wiener verstehe ich das Konzept Authentizität nicht“, sagte Wanda dem „Spiegel“. „In der deutschen Popkultur scheint es das höchste Ziel zu sein, in der österreichischen nicht.“

Höhenflüge und Höllenabstürze

Marco Michael Wanda wurde im März 1987 als Sohn einer Musik- und Psychotherapeutin und eines Journalisten in Wien geboren und wuchs in der Singerstraße im Herzen der Stadt und im Schatten von Stephansdom und Mozarthaus auf, „traurig schöne Kindheit in Null-Null-Vier-Drei“, singt er im Wanda-Song „0043“. Wanda nimmt uns mit auf euphorische Höhenflüge und höllische Abgründe, zu seinen Verwandten nach Leverkusen und Norditalien, zu Oma, Opa und zur legendären Tante Ceccarelli, die es wohl tatsächlich gegeben hat. Marco Michael Fitzthum, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, nimmt uns nicht mit auf eine Stadtführung durch das Zuckerbäckerwien seiner Kindheit, sondern in den dreckigen Teil der Stadt seines jungen Erwachsenenlebens. An den Schottenring, wo er mit Pharmazeutika gestrecktes Rauschgift kaufte. Die Phase exzessiven Kokainkonsums, die glücklicherweise nur zwei Jahre währte, fand ihren Tiefpunkt in der Begegnung mit der Münchner Polizei, die Wanda gerufen hatte, weil er sich vom Bundesnachrichtendienst verfolgt fühlte. Fürchterlich traurig, aber auch ein bisschen lustig – „Komik ist Tragik in Spiegelschrift“ – ist die Geschichte eines Konzertbesuchs in London, bei dem er dem Sänger und einer Frau backstage auf die Toilette folgte, weil er dachte, sie könnten ihn mit Drogen versorgen. Aber Fehlanzeige: „No man, we’re just fucking.“ Wir ficken nur.

„Nie mehr wieder Schottenring am Freitagabend gehen“, hieß es 2017 im Lied „Schottenring“ von Wanda. „Oh wie schön. Oh wie schön.“ Das Kokain hat Marco Wanda schon länger hinter sich gelassen, inzwischen trinkt er nicht einmal mehr Alkohol. Er war oder ist in Therapie, und die ganze Geschichte aufzuschreiben, dürfte auch zur Läuterung beigetragen zu haben. Jeder, den oder die es interessiert, kann nun nachlesen, wie er aus dem Fenster (?) eines Hotelzimmers pinkeln wollte und versehentlich die geöffneten Koffer von Mitreisenden erwischte. So verschlossen bis überheblich er sich in Interviews gibt, so offen und schonungslos sich selbst gegenüber erzählt Marco Wanda von dieser und vielen anderen Eskapaden. Das Einzige, was er außen vor lässt, ist sein Beziehungs- und Sexualleben.

Der neue Austropop

Nach einer Kindheit und Jugend im Zuckergusswien also und einem verlorenen Jahr in Berlin studierte Wanda an der Universität für angewandte Kunst in seiner Heimatstadt ein Fach namens Sprachkunst (man merkt es seinem Buch nicht immer an). Das Studium gab er auf, als die von ihm und Freunden gegründete und nach der als Kultfigur verehrten Zuhälterin Wanda Kuchwalek (1947-2004) benannte Rockband Wanda erste große Erfolge feierte. Wanda, heute ein Trio mit Sänger Wanda, Gitarrist Manuel Christoph Poppe und Bassist Reinhold „Ray“ Weber, veröffentlichten sechs Studioalben in zehn Jahren und gelten als erfolgreichste Vertreter eines neuen Austropop, einem Genre, in dem auch die Singer-Songwriter Voodoo Jürgens und Der Nino aus Wien, die Sängerin Soap&Skin und die Bands Ja, Panik und Bilderbuch zu Hause sind.

„Es schreibt mich“

„Es gibt als Band nichts Schöneres, als groß zu werden“, heißt eine der berührendsten Stellen im Buch. „Groß zu sein ist eine andere Kategorie.“ Und Wanda wurden groß, sehr groß sowohl für österreichische als auch für Indiepop-Verhältnisse. Marco Wanda schenkte der Welt mit seiner gehassliebten Band Wanda wunderbare Konzerte und sich in die Gehörgänge festsetzende und nie mehr daraus verschwindende Ohrwürmer, allen voran „Bologna“, „Columbo“, „Meine beiden Schwestern“ und die tieftraurige Ballade „Bei niemand anders“, die er nach dem Tod seines Bandkollegen und Freundes Christian Hummer geschrieben hat. Nach schwerer Krankheit, von der Wanda in seinem Buch zu Tränen rührend erzählt, starb der Keyboarder 2022 im Alter von nur 32 Jahren. Kurz darauf verlor Wanda auch seinen Vater.

Die großen Wanda-Hits habe er innerhalb von fünf Minuten in Badezimmern und auf Toiletten geschrieben, erzählt Wanda in seinem Buch: „Ich schreibe nicht, es schreibt mich.“ Nicht auszudenken, was er der Welt noch alles hätte schenken können, wenn er nicht so viel Lebenszeit darauf verschwendet hätte, im Wechsel besoffen/berauscht und verkatert zu sein. Aber, und das ist die gute Nachricht, am Ende geht sich alles aus, irgendwie.

Lesezeichen

Marco Wanda: „Dass es uns überhaupt gegeben hat“; Paul Zsolnay Verlag; 284 Seiten; 25 Euro

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