Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel „Man muss den Blick verändern“: Interview mit Rainer Kern, dem künstlerischen Leiter von Enjoy Jazz

Rainer Kern hat das Festival Enjoy Jazz vor 20 Jahren gegründet.
Rainer Kern hat das Festival Enjoy Jazz vor 20 Jahren gegründet. Foto: Gaier

Er hat Enjoy Jazz erfunden und in 20 Jahren zum größten deutschen Jazzfestival entwickelt. Auch für die 21. Ausgabe hat Rainer Kern wieder ein Programm zusammengestellt, das bekannte Namen und junge Talente zusammenbringt und auch jenseits des Jazz musikalisches Neuland erkundet. Heute Abend wird Jazzikone Carla Bley das Festival in Ludwigshafen im BASF-Feierabendhaus eröffnen. Dort trafen wir uns mit Rainer Kern zum Gespräch.

Rainer Kern, Enjoy Jazz lockt jedes Jahr gut 20.000 Besucher an, viele Jazzclubs und kleinere Konzerte haben dagegen Probleme, ein Publikum zu finden. Wie steht es aktuell um den Jazz, braucht er Artenschutz?
Es steht extrem gut um den Jazz, wie ich finde. Es gibt so viel wahnsinnig gute Musik, dass ich ein Festival machen könnte, das ein ganzes Jahr geht und nicht langweilig würde. Es gibt tolle Entwicklungen im Jazz, und das ist keineswegs auf ein Land reduziert. Ich glaube, es gibt aktuell so viel Bewegung im Jazz wie nie zuvor.

Seit 20 Jahren gibt es Enjoy Jazz, an der Festivaldramaturgie wurde in dieser Zeit nichts verändert. In den drei beteiligen Städten gibt es sechs Wochen lang immer nur ein Konzert pro Abend. Wäre es nicht an der Zeit für ein paar Neuerungen?
In den 20 Jahren gab es natürlich immer wieder Veränderungen. Aber an den Grundpfeilern wurde nicht gerüttelt, besonders an dem Prinzip, pro Abend nur ein Konzert anzubieten. Das ist für mich immer noch die bestmögliche Art, Musikern wie Publikum den größtmöglichen Respekt zu zollen. Die Zuschauer können sich auf eine Aktion auf der Bühne konzentrieren, die Musiker werden nicht zeitlich beschnitten. Aber natürlich arbeiten wir permanent am Festivalkonzept, ganz aktuell haben wir den Prozess „Thinkers in Residence“ gestartet.

Was verbirgt sich dahinter?
In den vergangenen beiden Jahrzehnten haben sich die Gesellschaften dramatisch verändert, sind sehr viel diverser geworden. Auf den Bühnen wird dies aber noch viel zu wenig reflektiert. Deshalb wollen wir mit sechs internationalen Expertinnen und Experten darüber nachdenken, wie Kulturveranstaltungen und im Speziellen unser Festival in Zukunft aussehen könnte.

Gesellschaftspolitisch war der Jazz auch in der Vergangenheit, in den 1960er Jahren etwa, als schwarze Musiker um Bürgerrechte und Gleichbehandlung kämpften. Enjoy Jazz hat sich in den vergangenen Jahren auch politisch positioniert, hat Sinti-Musiker oder eine politisch aktive und von Zensur betroffene Band aus dem Libanon eingeladen. Kann ein Jazzfestival da einen Beitrag leisten?
Ich denke schon. Ein großes Beispiel ist Archie Shepp, der in den 1960er Jahren ein Kämpfer ohne Waffe für die Bürgerrechtsbewegung war und der bis zum heutigen Tag ein politisch denkender Jazzmusiker geblieben ist. In den USA gibt es wieder eine neue Bewegung im Jazz, weil nicht nur dort, aber dort aktuell besonders stark, leider der Rassismus zur Tagesordnung gehört. Auch in Großbritannien und vielen anderen Ländern – eigentlich überall – gibt es viele Musiker, die sich mit der gesellschaftspolitischen Situation auseinandersetzen.

Auch die Gleichstellung von Männern und Frauen ist eines der aktuellen Themen. Jazz war lange eine Männerdomäne, das verändert sich allmählich. In diesem Jahr sind 40 Prozent der bei Enjoy Jazz auftretenden Künstler weiblich. Ist auch dies eine gesellschaftspolitische Botschaft oder hat sich das einfach so ergeben?
Es ist beides. Es ist das Ergebnis einer Selbstverpflichtung, die wir eingegangen sind, bis zum Jahr 2022 Gender-Equality zu haben in unserem Programm. Wir sind deshalb der europäischen Initiative Key Change beigetreten. Es geht hier um eine Schärfung des eigenen Blicks, weil man natürlich immer nur das sehen und hören kann, was einem gezeigt wird, und da werden einem halt meistens mehr Männer als Frauen gezeigt. Verändert man seinen Blick, dann entdeckt man, dass es im Jazz mindestens genauso viele gute Musikerinnen gibt wie gute Musiker.

Im Programm sind wie immer bekannte Namen wie Dee Dee Bridgewater, Archie Shepp, Dave Holland, Rolf und Joachim Kühn, aber eben auch eher Unbekannte wie die Schweizer Pianistin Marie Kruttli. Wie kommt man auf solche Musiker?
Marie Kruttli habe ich bei einem Konzert in der Schweiz kennengelernt und war begeistert von ihrer speziellen Art des Spiels, die mit ihrem Trio besonders gut funktioniert. Als Festivalmacher versuche ich natürlich, gut informiert zu sein, lese Jazzzeitschriften, rede mit Jazzkennern, höre Neues auf CD oder Vinyl. „Forschendes Hören“ nenne ich das. Und aus all dem entwickelt sich dann ein Festivalkonzept und zum Beispiel ein Abend mit einer tollen Schweizer Pianistin.

Eröffnen wird das Festival Carla Bley, die 83-jährige Grande Dame des amerikanischen Jazz. Als sie 2016 bei Enjoy Jazz zu Gast war, spielte sie mit ihrem Trio im Haus in Ludwigshafen, und das Konzert hätte sicher dreimal ausverkauft sein können. Nun kommt sie ins viel größere Feierabendhaus, und ihr Trio mit Steve Swallow und Andy Sheppard ist um den Schlagzeuger Billy Drummond ergänzt. Warum fiel die Wahl auf Carla Bley?
Ich wollte unser Festival diesmal mit Künstlern von ECM, diesem wunderbarsten Jazzlabel überhaupt, das in diesem Jahr 50 wird, eröffnen. Und da hab ich überlegt, welcher Musiker denn für diese 50 Jahre ECM stehen könnte und bin ziemlich schnell auf Carla Bley gekommen. 1969, als ECM von Manfred Eicher gegründet wurde, war Carla Bley bereits eine wichtige Musikerin, hatte das Jazz Composer’s Orchestra gegründet, gehörte zu Charlie Hadens Liberation Music Orchestra, auch so einem politisch wachen Ensemble, sie komponierte und arrangierte, viele sagen, sie ist die wichtigste Komponistin des Jazz überhaupt. Gerade habe ich Manfred Eicher in München besucht und durfte in Carla Bleys neue Platte reinhören, die eigentlich zum Festival erscheinen sollte, aber nun erst im Januar fertig sein wird. Und als ich diese Musik gehört habe, hat das noch mal meine Entscheidung bestätigt. Da spielen drei großartige Musiker, die niemandem mehr etwas beweisen müssen, mit einer ganz großen Erfahrung und Weisheit. Und jetzt freue ich mich noch mehr auf dieses Konzert.

Interview: Dietrich Wappler

Festival-Fakten

2. Oktober bis 16. November in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen. 84 Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Filmabende und Gesprächsmatineen. Eröffnung mit Carla Bley und ihrem Quartett heute um 20 Uhr im BASF-Feierabendhaus in Ludwigshafen. Karten und komplettes Programm unter www.enjoyjazz.de sowie bei den bekannten Vorverkaufsstellen und bei den jeweiligen Veranstaltungshäusern.

Carla Bley wird das Festival am Mittwoch im Ludwigshafener Feierabendhaus der BASF eröffnen.
Carla Bley wird das Festival am Mittwoch im Ludwigshafener Feierabendhaus der BASF eröffnen. Foto: archiv
Auch Saophon-Legende Archie Shepp kommt zum Festival.
Auch Saophon-Legende Archie Shepp kommt zum Festival. Foto: Gaier
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