Kunst
Malerei auf LSD: Weltstar Katharina Grosse im Centre Pompidou in Metz
„Ich kann“, sagt Katharina Grosse, „keine Blumen malen“. Nicht schlimm, sie zählt auch so zu den Großstars der Kunst. Zur Kategorie Baselitz, Gerhard Richter, Rosemarie Trockel, genauer. Grosse, meinte einmal jemand, sei Pop für die Malerei wie Christo für die Landart. Im Museumsshop liegen Stofftaschen mit Grosse-Motiven aus. Noch nicht so lange her, war die in Berlin und Auckland, Neuseeland, lebende Künstlerin auf dem Titel der deutschen Modezeitschrift „Vogue“. Jetzt steht sie in einer weißen Bluse und wild verwehtem Haar im Metzer Centre Pompidou des japanischen Architekten Shigeru Ban zwischen 8250 Quadratmeter farbspektakelnd von der 20 Meter hohen Decke kaskadierendem Bühnenvorhangstoff.
Bewege die Sterne
Durch Öffnungen lässt sich das Refugium im Museum betreten. Es wallt und gewittert Pyrrolrot, Petrol, Türkis und Gelb, es blitzt blütenweiß zwischen den Falten. Wie Roy Lichtenstein früher bevorzugt „Katharina die Große“, wie sie ehrfürchtig genannt wird, die hoch pigmentierten Farben des US-Herstellers Golden, eines der Pioniere wasserlöslicher Acrylfarbe, weil sie so schön schrill sind. „Déplacer les étoiles“, bewege die Sterne, nennt sich ihr im Ganzkörperanzug mit der Kompressor-betriebenen Sprühpistole exekutierter räumlicher Exzess poetisch.
Assistentinnen wuseln um sie herum, wenn sie arbeitet. Es macht Krach. Das Ergebnis der nach Alien-Unterwanderung aussehenden, untergründigen Performance ist: Malerei als dramatisches Schauspiel und psychedelisches Erlebnis, der man die Körperarbeit nicht mehr ansieht – und von der meist nur Fotos bleiben. Dass sie mit ihrer Kunst „das Leben intensivieren“ und „Wollust erzeugen“ möchte, wie sie in Interviews über ihre Intentionen sagt, ist dann, wenn man Teil des Ganzen ist, zu erleben. „Man steigt ins Unbewusste hinab“, beschrieb der Altmeister unter den Chefintellektuellen, Alexander Kluge, einmal das Gefühl, sich in Grosses immersiven Installationen zu befinden.
Sinnlicher Furor
Wie 2020 im Hamburger Bahnhof in Berlin, wo sich ein schroffer, eisblauzitronenelbfroschgrün besprayter Felsbrocken aus einer Art Styropor in den Stahldeckenhimmel türmte, gefräst und mit einem heißen Draht nachbearbeitet. Aber trotz des sinnlichen Furors, den ihre Kunst entfaltet, muss sie jetzt im Centre Pompidou zum tausendsten Mal den Unterschied zwischen ihrer Schaubühnenkunst und Graffiti erklären: Bei Graffiti werden Botschaften übermittelt, bei ihr spricht die Farbe für sich. Die 62-Jährige ist eine routinierte Interpretin ihrer selbst.
Fingerzeige auf der Bühne
Sie redet dann vom „Malen als Abbild des Denkens und von Zeitclustern in Schichten“. Wie Ort und Farbe sich dialogisch verbinden und gegenseitig „perforieren“. Von der Höhlenmalerei, der Renaissancekunst und dem Tanz als Inspiration. Fingerzeigen auf der Bühne, die wie ihre Kunst über den Rand hinausweisen. Und: Was der Fußball mit ihrer Kunst zu tun hat. „Wenn ein neuer Spieler aufs Feld kommt, muss er sich erst mal orientieren, sich finden im Gefüge. Seine Augen tasten den Raum ab. Mit diesem Blick kann man auf meine Bilder schauen“, meint sie so in einem ihrer Interviews. „Alles ist und alle sind Vorstellung, meine Bilder sind Prototypen dieser Erkenntnis.“ In Metz fällt der Blick jetzt nach draußen, wohin Grosses Werk mit großen Farbschwüngen und Schlieren hin auf das riesige Areal des Vorplatzes ufert und Wunderverbindungen mit einem geschwungenen Pfeiler von Shigeru Bans Architektur eingeht. Platz für Skater und sonstiges öffentliches Leben, das sich wie der Vogelgesang und das Verkehrsrauschen mit der bunten Grosse-Intervention organisch zum Gesamtkunstwerk verbindet.
Ein extraterrestrisches Gebiet. Man läuft, wie in Farbe getaucht über den Asphalt. „Ich mag es, wenn die Malerei Räume und Grenzen überschreitet“, sagt Grosse, für die Malerei „auch auf einem Gummistiefel“ stattfinden kann. Dann erzählt sie von ihrer Kindheit, in der sie eine Zeit lang, im Bett liegend, mit einem imaginären Pinsel die Schatten an der Wand ausradieren wollte.
Als Zwölfjährige, steht irgendwo zu lesen, habe sie Ostereier schon mit den für sie typischen Schraffuren verziert und viel Weißraum gelassen. Auch die Geschichte mit der Blumenmalerei hat mit ihrer, von Anfang an, speziellen Sicht auf die Welt zu tun. Im Originalton: „Ich sehe eine Blume nicht als Blume, sondern als Gemisch.“ Als Künstlerin ist die Tochter der Malerin Barbara Grosse und des Ex-Rektors der Bochumer Ruhr-Universität, Siegfried Grosse, eine Spätzünderin.
Der Pinsel an der Grenze
Erst einmal also reiste sie herum und belegte Anglistik, um später doch noch nach in Münster und an der Düsseldorfer Akademie bei dem für seine Farbkissen berühmten Gotthard Graubner (1930 bis 2013) Kunst zu studieren – und dort später selbst als Professorin zu lehren. Landschaften folgten Abstraktionen, Leinwänden, Wände, 1998 in Bern stieß sie mit dem Pinsel an ihre Grenzen. Sodann benutzte sie erstmals eine Sprühpistole dafür, grüne Farbe aus einer Wandecke wabern zu lassen, um zu sehen, „ob Malerei ihre eigene Erscheinungsform“ einzufordern vermag.
Am Anfang war das Bett
2004 überzog sie ihr Bett samt der Bettwäsche, den ausgestreuten Büchern, den CDs und was so von ihrem Nachtleben übrigblieb, mit einer Overall-Farbspur. Das Werk, eine Initialzündung – fortan konnte alles Träger ihrer Kunst werden. Eine Neuauflage des Werks steht jetzt gleich, wenn man reinkommt, im Centre-Pompidou-Foyer. Bis zum Ende der Ausstellung im Februar nächstes Jahr, erzählt sie, müsse sie wohl oder übel auf einer Matratze schlafen.
Noch so eine Wegmarke ihres sehr eigenen Grosse-Stils war das Gemälde „Prospect 1“, 2008 in Louisiana, New Orleans, ihr erstes Freilichtwerk, bei dem flammendes Orange ein Großteil eines Gebäudes farblich einhüllte und auf Boden und Bäume überging. Schon früher hatte sie Draußen-Material wie Erde und Bäume in ihre Werke eingeschleppt und malend integriert. „Ich wollte Organisches, Unregelmäßiges, etwas, das mir ermöglicht, Oberflächen zu formen und vor allem das Verhältnis zwischen Wand und Boden zu verändern“, sagt sie dazu. Später bei der Kompletteinhüllung eines verlassenen Militärgebäudes am Rockaway-Strand im New Yorker Stadtteil Queens übermalte sie gleich auch noch den Sandstrand mit einer rotweißen Farbe, die einen an Wassereis erinnert.
Grosse stellt auf der ganzen Welt aus, in Südkorea, Los Angeles, Mailand, Stockholm. Sie ist auf den relevanten Biennalen vertreten. Sie wiederholt sich so gut wie nie, auch wenn sie wie jetzt in Metz ihr Material noch einmal verwendet. So hing der malerisch besprühte Stoff, der im Centre Pompidou drapiert ist, ursprünglich einmal in den Carriageworks, einem Theater und Kulturzentrum in Sydney. Aber er sieht nun ganz anders aus. Die verschiedenen Schichten sind entzifferbar, die neueren in helleren Farben gemaltsprayt. Und dann ist da noch ein umgestürzter Baum zu sehen, samt Wurzeln, scheinbar umwickelt von Papierfetzen. Sie sind komplett weiß. Ein neuer Werkkomplex? Welche Projekte sie noch nicht realisiert, aber vorhabe, wurde Katharina Grosse einmal gefragt. Ihre Antwort: „Am Meer unter einer Palme zu sitzen und wie Waltraud Meier Wagner zu singen.“
Die Ausstellung
Katharina Grosse: „Déplacer les étoiles“ im Centre Pompidou Metz. Bis 24. Februar 2025. www.centrepompidou-metz.fr